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München, Merz und ein Tweet: Warum Trumps Ex-Botschafter Grenell den deutschen Kanzler angreift

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17.02.2026

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München, Merz und ein Tweet: Warum Trumps Ex-Botschafter Grenell den deutschen Kanzler frontal angreift

17. Februar 2026 | Ansgar Graw | Lesezeit: 4 Min.

Der frühere US-Botschafter und enge Trump-Vertraute Richard Grenell kritisiert Kanzler Merz scharf. Der Konflikt berührt zentrale Fragen der transatlantischen Politik.

Dass Donald Trump und Friedrich Merz einigermaßen miteinander können, ist nicht zufällig. Der amerikanische Präsident weiß über seine Berater, dass der deutsche Bundeskanzler sich in der freien Wirtschaft bewiesen hat – wie er selbst auch. War es bei Trump die Entscheidung, als Unternehmer die Politik aufzumischen und Präsident zu werden, hat Merz ohne Not die Rückkehr in die Politik gewagt, im dritten Anlauf die zuvor von seiner Konkurrentin Angela Merkel geprägte CDU übernommen und die Kanzlerschaft erreicht. Merz spricht ein geschliffenes Englisch, er ist Trump gegenüber respektvoll, aber nicht liebedienerisch, und er ist Realpolitiker ohne ideologische Flausen. All das passt.

Und dann am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) abseits der großen Bühnen und Reden diese Irritation: Richard Grenell, früherer US-Botschafter in Deutschland und enger Vertrauter Trumps, attackierte Merz – ungewöhnlich scharf und öffentlich. Der Anlass war ein Treffen von Merz mit dem kalifornischen Gouverneur Gavin Newsom am Rande der MSC. Der Kanzler hatte ein Bild von seiner Begegnung mit dem potentiellen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten für 2028 auf X gepostet – und Grenell kommentierte es mit den Worten: „Die deutsche Regierung umarmt Gavin Newsom. Wahrscheinlich der bislang größte Patzer von Merz.“

Deutsche Medien werteten den Post als Affront eines Mannes, der unter der ersten Trump-Regierung von 2018 bis 2020 Botschafter in Deutschland war und schon damals regelmäßig seinen guten Draht ins Weiße Haus betonte. Der Politikberater und PR-Profi nahm eine sehr eigenwillige Diplomaten-Rolle ein, indem er gleich am Tag seines Amtsantritts sein neues Gastland ultimativ aufforderte, jede wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Iran zu stoppen. „Deutsche Firmen, die im Iran tätig sind, sollten ihre Geschäfte sofort herunterfahren“, verlangte Grenell in dem Kurznachrichtendienst, der damals noch Twitter hieß. Heute, nach den brutalen Massenmorden des Mullah-Regimes während der regierungsfeindlichen Protestwelle im Januar, wäre eine solche Forderung auf viel Zustimmung gestoßen; seinerzeit aber konterte der damalige BDI-Präsident Dieter Kempf: „Für den amerikanischen Appell, dass deutsche Unternehmen ihr Geschäft im Iran sofort zurückfahren sollten, haben wir kein Verständnis.“ Und der deutsche Ex-Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, damals wie heute Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, rüffelte den Neuling in der Branche ebenfalls auf Twitter mit dem Hinweis: „Sagen Sie dem Gastland nie, was es zu tun hat, wenn Sie keinen Ärger wollen. Deutsche hören gerne zu, aber Anweisungen werden sie übelnehmen.“

Ein wichtiger Mann mit Erfahrung für Trump

Richard Allen Grenell, 1966 in Michigan geboren, hielt sich nicht an derartige Empfehlungen. Er kritisierte die Bundesregierung weiterhin scharf, beispielsweise wegen Nord Stream 2, und drohte, Sanktionen gegen beteiligte Firmen seien „stets möglich“ – auch in diesem Punkt würde seine damalige Kritik an der deutschen Energieverflechtung mit Russland, die als anmaßend galt, heute weitgehend zustimmendes Nicken auslösen.

Zudem machte Grenell kein Geheimnis daraus, dass er rechte Parteien unterstützen wolle. „Ich möchte unbedingt andere Konservative in ganz Europa, andere Führungsfiguren, stärken“, sagte er: „Ich glaube, dass sich eine Welle konservativer Politikansätze aufgrund des Scheiterns der Politik der Linken durchsetzt.“

Damit nahm Grenell jene Gesprächskontakte vorweg, die Trumps einstiger engster Vertrauter Elon Musk vor allem ab 2024 auch mit der AfD knüpfte.

Nach seiner Zeit als Botschafter blieb der Republikaner, der schon unter George W. Bush im State Department tätig war, ein wichtiger Faktor im Trump-Lager. Er wurde im Februar 2020 der Geheimdienstkoordinator im Weißen Haus (Director Nationale Intelligence, DNI), beendete diese von Beginn an als „vorübergehend“ bezeichnete Tätigkeit bereits im Mai und arbeitete danach als Sondergesandter für die Friedensverhandlungen zwischen Serbien und Kosovo.

In der neuen Trump-Regierung dient Grenell, der einen freundschaftlichen Draht zum CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spähn unterhält, als Sondergesandter für spezielle Missionen. Dazu gehörten im vorigen Jahr die Waldbrände in Kalifornien. Im Januar 2025, kurz nach Trumps zweiter Inauguration, traf sich Grenell in Caracas mit Machthaber Nicolas Maduro, dem Vernehmen nach, um die Rücknahme von illegalen Einwanderern in die USA zu diskutieren. Maduro wurde Anfang 2026 von einer US-Eliteeinheit in Caracas verhaftet und unter dem Vorwurf des „Drogen-Terrorismus“ in die USA verbracht. Seit Februar 2025 ist Grenell auf Verfügung des Präsidenten der Exekutivdirektor des Kennedy Center in Washington DC, ein Herzstück der US-Kulturpolitik. Nachdem viele Künstler ihre Auftritte dort absagten, verkündete Trump die Schließung des John F. Kennedy Center for the Performing Arts, wie die Spielstätte offiziell heißt, wegen Renovierungsarbeiten ab Juli 2026.

Wiederkehrende Kritik an Merz

Grenells Attacke gegen Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz war kein Einzelfall. Bereits im Sommer 2025 hatte er den Kanzler scharf kritisiert. Nach einem Messerangriff in Dresden, bei dem Syrer einen US-Bürger durch Stiche ins Gesicht schwer verletzt hatten, schrieb der Ex-Botschafter auf X: „Friedrich Merz muss verstehen, dass die deutsche Bevölkerung seine schwache und woke Reaktion zutiefst satt hat.“

Grenell war nicht immer ein Trump-Anhänger. Noch 2016 warnte er auf Twitter: „Trump ist gefährlich. Wacht auf! Er ist rücksichtslos.“ Und kurz darauf: „Wer glaubt, Trump kenne sich mit Außenpolitik aus, der ist ganz sicher dumm.“

Inzwischen hat Grenell jedoch die MAGA-Politik von Trump verinnerlicht. Es geht um einen außenpolitischen Kurs, der nationale Interessen betont und multilaterale Formate skeptisch betrachtet. Dass Friedrich Merz einen prominenten Demokraten wie Gavin Newsom aufwertet, passt nicht in dieses Konzept – zudem der Kanzler die Verbreitung seines Fotos mit Newsom politisch unterlegte. „Die transatlantische Partnerschaft ist kostbar. In Zeiten der Großmächte werden wir auf das gegenseitige Vertrauen angewiesen sein. Gavin Newsom und ich sind uns einig: Zusammen sind wir stärker. Die NATO ist unser gemeinsamer Wettbewerbsvorteil“, schrieb das Bundeskanzleramt zu dem Tweet. Das lässt sich ohne viel Phantasie als Kritik an Trump lesen.

Merz ist ein ausgewiesener Transatlantiker, betont aber inzwischen die Notwendigkeit europäischer Handlungsfähigkeit. Auf der MSC stellte er die Bedeutung der NATO heraus, sprach aber auch von mehr Verantwortung Europas. Der Kanzler zeigte sich dabei selbstbewusst gegenüber Trump. Und das mag die einzige Haltung sein, die den US-Präsidenten beeindruckt. Lässt Trump durch Grenell oder einst durch Musk und im vorigen Jahr durch seinen Vize J.D. Vance in Deutschland Politiker der AfD aufwerten, ist es nur konsequent, dass Merz einem führenden Demokraten ausdrücklich zustimmt.

Wird Trump dem Kanzler diese Geste heimzahlen? Das weiß der Präsident im Moment wahrscheinlich selbst noch nicht. Die US-Medien sind bislang auf die Attacke von Grenell nicht eingegangen.


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