Jürgen Habermas: Der Philosoph der Bundesrepublik ist tot
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Jürgen Habermas: Der Philosoph der Bundesrepublik ist tot
14. März 2026 | Ansgar Graw
Der Modernisierer der Frankfurter Schule prägte Debatten wie kein anderer - auch wenn viele seiner Theorien der Wirklichkeit nicht standhielten. Ein Nachruf
Jürgen Habermas ist tot. Der große Philosoph und Soziologe der Kritischen Theorie hat die Wiedervereinigung um stolze 36 Jahre überlebt. Aber er bleibt im Rückblick der tonangebende Philosoph der Bundesrepublik, nicht des wiedervereinigten Deutschland.
Vorab: Ich bin dem Philosophen und Soziologen in den letzten vier Jahren, in denen ich in Asien tätig war, mehrfach begegnet, in Malaysia und Singapur ebenso wie in Nepal – allerdings nicht in Person, sondern in der Diskussion mit jungen Kommunikationswissenschaftlern und Journalisten aus der Region, von denen viele zu meiner Verblüffung den Düsseldorfer des Jahrgangs 1929 rezipierten mit einem Fachwissen, das etliche Studierstuben in Deutschland in den Schatten stellen dürfte.
Habermas ist der wohl wortmächtigste Vertreter der Frankfurter Schule, deren einst von Marx, Hegel und Freud formulierte Prinzipien er entideologisierte und durch moderne Kommunikationstheorien gegenwartstauglich machen wollte. Trotzdem blieb er, der 1976 „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“, sprich: zur Rehabilitierung des (in dieser Begrifflichkeit allerdings von Friedrich Engels definierten) Marxismus aufgerufen hatte, antikapitalistisch wie die 68er-Revolution, die er in ihren Ursprüngen unterstützte, wenngleich er ihre Radikalisierung und gewalttätigen Exzesse ablehnte.
Habermas misstraute dem Markt, der nicht Argumenten folgt, sondern spontan reagiert, und der, so einer seiner zentralen Vorwürfe, eine „Kolonialisierung der Lebenswelt“ betreibe. Im globalen Kapitalismus würden die Kultur instrumentalisiert, die Emotion ausgebeutet und die Arbeitsbeziehungen ökonomisiert. In gewisser Weise ist die Beobachtung sogar zutreffend. Aber dennoch macht dieses System die Menschen freier und satter als jede Alternative.
Habermas Irrtum zur Weltfinanzkrise 2008
Habermas wähnte den Westen in einer Phase des „Spätkapitalismus“ und schrieb 2010 im Rückblick auf die Weltwirtschaftskrise: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus konnte im Herbst 2008 das Rückgrat des finanzmarktgetriebenen Weltwirtschaftssystems nur noch mit den Garantien der Steuerzahler vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Und diese Tatsache, dass sich der Kapitalismus nicht mehr aus eigener Kraft reproduzieren kann, hat sich seitdem im Bewusstsein der Staatsbürger festgesetzt, die als Steuerbürger für das Systemversagen haften müssen.“ Doch der Zusammenbruch des Weltfinanzsystems, startend mit dem Immobilienmarkt in der USA, war letztlich kein Marktversagen, sondern ein solches des Staates, der die Kriterien für die Vergabe von Krediten bedenkenlos aufgeweicht hatte. Den amerikanischen Traum sollte sich jeder erfüllen können, selbst wenn er keine feste Arbeit oder nur ein geringes Einkommen hatte. Die entsprechende Kettenreaktion hatte das Weiße Haus unter Bill Clinton in Gang gesetzt und nicht etwa eine sinistre Konspiration von Bankern oder Immobilienunternehmern.
Diese negative Interpretation des Marktes ignoriert gänzlich den Wohlstand und den zivilisatorischen Fortschritt, den der Kapitalismus gebracht hat – und zwar der Menschheit insgesamt, keineswegs nur den als „Kapitalisten“ bezeichneten Unternehmern.
Für Habermas waren dies Relikte einer vormodernen Gesellschaft, die er durch eine diskursive Gesellschaft ersetzen wollte. Aber sein Versprechen eines herrschaftsfreien Diskurses, das er 1981 in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ entwarf, wurde nicht eingelöst, weil meinungsprägende Eliten über stärkere Lautsprecher oder auch politische Korrektheit und Wokeness die Verkündung der Wahrheit über die Debatte zur Suche nach ihr setzten. Selbst ohne diese Denk- und Frageverbot bleibt die Theorie von Habermas realitätsfern, weil Wissen nun einmal dezentral und nicht gleichmäßig verteilt ist. Darum kann nicht „gerecht“ in rationalen Diskursen diskutiert werden.
Die Angst vor der Nation
Habermas irrte auch in seiner Hoffnung auf die Überwindung von kollektiven Traditionen. Er glaubte an postnationale Demokratie, supranationale Institutionen und an ein Europa, das aus seiner Sicht die verloren gegangene staatliche Einheit Deutschlands nicht zurückgewinnen, sondern ersetzen sollte. Der Verfassungspatriotismus würde an die Stelle der nationalen Identität treten. Zum Auftakt des „Historikerstreits“ schrieb Habermas 1986 in der „Zeit“: „Wenn unter den Jüngeren die nationalen Symbole ihre Prägekraft verloren haben, wenn die naiven Identifikationen mit der eigenen Herkunft einem eher tentativen Umgang mit Geschichte gewichen sind, wenn Diskontinuitäten stärker empfunden, Kontinuitäten nicht um jeden Preis gefeiert werden, wenn nationaler Stolz und kollektives Selbstwertgefühl durch den Filter universalistischer Wertorientierung hindurchgetrieben werden – in dem Maße, wie das wirklich zutrifft, mehren sich die Anzeichen für die Ausbildung einer postkonventionellen Identität.“
Doch diese Hoffnung im Elfenbeinturm besteht nicht den Wirklichkeitstest im Fußballstadion, wo eben weiterhin nationale Fahnen geschwungen werden, längst auch wieder in Deutschland – man ist stolz auf die nationale Herkunft und trotzdem kein Feind der Moderne oder gar der europäischen Nachbarn.
Doch Habermas sah in Traditionen eine Gefährdung der Aufklärung und beschrieb die Moderne als „Versprachlichung des Sakralen“ – so als würde religiöse und traditionelle Autorität durch Argument und Diskurs ersetzt werden: „Religion und Weltbilder werden über ein Kollektivbewusstsein vermittelt; erst in der Moderne kann das Individuum dazu Nein sagen.“
Das war eine sehr auf den Westen beschränkte Sicht, die von der zunächst schleichenden, dann eruptiven Rückkehr des Fundamentalismus in islamische Gesellschaften keine Notiz nahm. Habermas hörte den „anschwellenden Bocksgesang“ nicht, von dem Botho Strauß 1993 kündete.
Der Gelehrte war zudem bundesrepublikanisch im Sinne der damals tonangebenden Intellektuellen, die eine Wiedervereinigung nicht wollten, die Angst hatten vor dem Prinzip der Nation – und dabei übersahen, dass diese Idee außerhalb Deutschlands aktuell geblieben ist, wenngleich es sich zumeist nicht mehr um den Nationalismus des 19. oder unseligen frühen 20. Jahrhunderts handelt.
Aus konservativer und liberaler Warte gibt es gewichtige Einwände gegen die Theorien von Jürgen Habermas. Trotzdem bleibt er ein großer Denker, weil seine Überzeugung bestand hat, dass moderne Demokratien sich legitimieren müssen durch die öffentliche Begründung von politischen Entscheidungen und dass sich Bürger einander als freie und gleichberechtigte Gesprächspartner begegnen. Daran muss sich demokratische Politik – auch im Streit – orientieren. Zur Verteidigung des Gedankens der argumentierenden Öffentlichkeit als Kern der liberalen Demokratie bleibt Habermas der prägende Denker.
