Drei Konflikte, ein Muster: Warum Trumps Iran-Konflikt gefährlicher werden könnte als bisherige US-Waffengänge
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Drei Konflikte, ein Muster: Warum Trumps Iran-Konflikt gefährlicher werden könnte als bisherige US-Waffengänge
08. April 2026 | Ansgar Graw
Der Iran-Krieg 2026 folgt bekannten Mustern früherer US-Interventionen in Vietnam, Irak, Afghanistan – mit Risiken für Eskalation, Energiepreise und Weltordnung.
Trumps Krieg gegen den Iran ruft die Geister von Vietnam, Irak und Afghanistan hervor. Aber es gibt wesentliche Unterschiede.
Donald Trump und der Iran, beide feiern sich nach der nächtlichen Vereinbarung über eine zweiwöchige Waffenruhe als Sieger in einem Krieg, der mit einem Paukenschlag begonnen hatte: Ende Februar 2026 griffen die USA gemeinsam mit Israel iranische Ziele an – Kommandozentralen, Raketenstellungen, die politische Führung.
Zwar hatte der US-Präsident im Wahlkampf versprochen, sein Land nicht in „endlose Kriege“ zu führen, sondern amerikanische Truppen heimzuholen. Aber der Auftakt schien nach Maß zu laufen und beschwichtigte daher die Kritiker zunächst: Der Oberste Führer Ali Chamenei wurde gleich in der ersten Angriffswelle getötet, ein Großteil der militärischen Infrastruktur zerschlagen und Trump gab sich von Beginn an sehr siegesgewiss: Im Grunde sei der Krieg bereits entschieden, er könne ihn jederzeit für beendet erklären.
Das erinnerte zunächst an eine militärische Blitzmission, die Trump im Januar hatte durchziehen lassen und die so präzise ablief wie ein Computerspiel: Spezialkräfte holten Venezuelas Diktator Nicolás Maduro aus Caracas, um ihn wegen „Drogen-Terror“ vor ein US-Gericht zu stellen. Es gab halblaute Debatten über die völkerrechtliche Zulässigkeit einer solchen Entführung, aber das beeindruckte Washington weder in jenem Fall noch jetzt beim Militärschlag gegen Teheran.
Doch was als Operation gegen das Mullah-Regime und dessen Atomprogramm begann, droht sich inzwischen zu einem Konflikt zu entwickeln, dessen Muster so vertraut wie beunruhigend wirkt. Vergleiche drängen sich auf mit vergangenen amerikanischen Interventionen – in Vietnam, Irak, Afghanistan. Es gibt relevante Unterschiede. Aber auch Parallelen zu diesen Kriegen, die von den Amerikanern einen hohen Blutzoll und immense Finanzmittel forderten, ohne dass auch nur in einem der drei Fälle am Ende der Sternenbanner als Zeichen des Sieges gehisst werden konnte.
Ein Krieg wie aus dem Lehrbuch - so schien es
Militärisch folgt der Beginn des Krieges gegen Teheran einer bekannten Dramaturgie: Luftschläge, „chirurgische“ Angriffe auf Infrastruktur, die Hoffnung auf schnellen Erfolg. Ziele sind zunächst militärische Anlagen, Führungsfiguren und strategische Knotenpunkte wie Ölterminals. Er habe handeln müssen, weil ansonsten Teheran die USA angegriffen hätten, behauptete Trump. Doch weder Geheimdienste noch die internationale Atomenergiebehörde oder Sicherheitsexperten sehen Belege für die Notwendigkeit eines „Präventivschlags“; der Iran war bislang kaum in der Lage, die USA zu gefährden. Für die Anrainer in der Region und vor allem Israel war hingegen die Bedrohungslage konkreter.
Ein schnelles Ende des Krieges ist entgegen den frühen Siegesfanfahren aus dem Weißen Haus nicht in Sicht. Trump drängte die Nato und andere Verbündete zur Unterstützung, holte sich Absagen von Nationen, die er in der Vorbereitung des Militärschlages nicht eingebunden hat, und einige der Alliierten in Europa verweigern Washington inzwischen die Nutzung ihrer Flughäfen für die Angriffe auf den Iran. Weiterhin schlug das angeblich längst besiegte Teheran zurück und griff Israel, US-Basen in der Region und die Golf-Staaten als Verbündete Washingtons vor.
Was von Trump erkennbar geplant war als schnelle Aktion mit raschem Ende, erlebte eine Eskalation mit globalen Folgen: Die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Handelsrouten für Öl, wird für den Iran zum geopolitischen Hebel – mit unmittelbaren Auswirkungen auf globale Energieversorgung und Weltwirtschaft. Längst wird der Einsatz amerikanischer Bodentruppen diskutiert. Das erinnert an düstere Vorläufer.
Vietnam: Die Logik der Eskalation
Der Vietnamkrieg begann ebenfalls nicht als großer Krieg. Er wuchs schrittweise. Ab 1959 berieten die USA den antikommunistischen Süden, bildeten Soldaten aus, starteten Bombardements, dann, fünf Jahre später, schickten sie Bodentruppen. Das Kriegsziel änderte sich ebenfalls: Ging es zunächst um die Eindämmung des Kommunismus, wurde später ein „Exit ohne Niederlage“ angestrebt. Acht Jahre lang blieben die Truppen. Aus einem begrenzten Konflikt wurde ein Trauma.
Auch im Iran zeigt sich diese Logik bereits: Die Ziele verschieben sich: Von der Zerstörung des Atomprogramms als angeblicher „Präventivschlag“ hin zu einem möglichen Regimewechsel - und zwischendurch zum „Zurückbomben des Iran in die Steinzeit“ (Trump) wegen der Schließung der Straße von Hormus. Der US-Präsident musste über inzwischen knapp sechs Wochen beobachten, dass militärische Erfolge nicht automatisch zu politischer Kontrolle führen. Der Gegner reagiert asymmetrisch, er wird unterstützt von den mit iranischen Waffen und Geldern ausgestatteten Hisbollah im Libanon und Huthi-Rebellen im Sudan.
Irak: Der verführerische Blitzkrieg
Noch näher liegt der Vergleich mit dem Irakkrieg 2003. Auch damals begann alles mit überwältigender militärischer Überlegenheit – „Shock and Awe“, schnelle Siege, der Sturz des Regimes und vor allem das Aufspüren von angeblichen Massenvernichtungswaffen waren das Ziel. Die Bevölkerung, hauptsächlich Schiiten unter dem Diktat der regierenden Sunniten, zog am Anfang mit, bejubelte die „Koalition der Willigen“ und stürzte Denkmäler des Diktators Saddam. Der wurde sieben Monate später verhaftet, von einem irakischen Sondertribunal zum Tode verurteilt und hingerichtet. Bereits sechs Wochen nach den ersten Luftschlägen hatte Präsident George W. Bush an Bord des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln seine „Mission accomplished“-Rede gehalten - doch der Einsatz war noch lange nicht erfüllt, tatsächlich zogen die amerikanischen Truppen erst acht Jahre später aus dem Irak ab.
Afghanistan: Der Krieg ohne Ende
Der Afghanistankrieg, von den USA gestartet, um den von den Taliban beherbergten 9/11-Terrordrahtzieher Osama Bin Laden zur Rechenschaft zu ziehen, liefert die düsterste Perspektive: erwartet worden war ein schneller Sieg, stattdessen gab es eine lange Agonie. „Nation Building“ war das Ziel, Demokratie sollte vermittelt, den Mädchen und Frauen Freiheit und Gleichberechtigung gebracht werden. Stattdessen zeigte sich, wie moderne Konflikte verlaufen können: Der Gegner verschwindet nicht, sondern passt sich an. Truppen der Taliban wurden geschlagen, am nächsten Tag ließen sich die jüngeren Brüder der gefallenen „Gotteskrieger“ für den Kampf gegen die USA verpflichten. Militärische Überlegenheit ersetzt eben keine politische Lösung. Und wenn sich ein echter Erfolg nicht mehr messen lässt, wird der Rückzug zum strategischen Problem. Er gelang den USA in demütigender Weise erst 20 Jahre nach Kriegsbeginn.
Allerdings gibt es wichtige Unterschiede zu den drei traumatischen Kriegserfahrungen der USA: Der Iran war eine hoch entwickelte, moderne Gesellschaft, bevor die Mullahs 1979 an die Macht kamen. Seitdem findet religiöse Indoktrinierung statt – aber die immer wieder aufflammenden Proteste von Frauen und Mädchen gegen den Kopftuchzwang zeigen, dass insbesondere in den Städten die Ayatollahs nicht über die Köpfe gesiegt haben. Der wirtschaftliche Niedergang und die verheerende Versorgungslage bereits in Friedenszeiten trugen dazu bei. Landesweite Aufstände zurm Jahresbeginn, bei denen das Regime nach Expertenschätzungen über 30.000 Demonstranten töten ließen, haben die Ablehnung der Mullahs durch die Bevölkerung erneut dokumentiert.
Führt jetzt die von Trump angekündigte (und zunächst verschobene) Krieg gegen zivile Infrastruktur zur Abkehr der Bevölkerung von den USA? Einst versprach er den Demonstranten, „Hilfe ist auf dem Weg“, nun droht er mit der Apokalypse.
Eine Implosion des Iran wäre gefährlicher als die Kriege in Afghanistan oder Vietnam: Das Land hat die drittgrößten Reserven an Erdöl und Erdgas und ist in der Lage, globale Energiepreise explodieren zu lassen, Lieferketten zu unterbrechen und die Inflation weltweit anzuheizen. Auch der Irak war ein wichtiger Player auf den Energiemärkten. Aber anders als damals Bagdad ist Teheran ein strategischer „Gatekeeper“ durch seine Kontrolle der Straße von Hormus.
Damit handelt es sich bei dem aktuellen Waffengang nicht nur um einen militärischen Konflikt für eine bestimmte Region, sondern um einen ökonomischen und politischen Schock für die Weltordnung.
Vietnam, das war die schleichende Eskalation. Der Irak die Illusion des schnellen Sieges. Und Afghanistan die Gefahr des endlosen Konflikts. Der Iran-Krieg könnte jede diese Dynamiken zugleich entfalten.
