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Die Grünen, Angela Merkel und ein Gerücht in Berlin

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14.02.2026

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Die Grünen, Angela Merkel und ein Gerücht in Berlin

13. Februar 2026 | Ansgar Graw

Chronik der Woche: In dieser Woche passierte mehr, als in einer Zeitung passt, aber das hier habe ich notiert

Früher witzelten Zeitungsleute, glücklicherweise passiere jeden Tag exakt so viel, wie zwischen die erste und die letzte Seite passe, nie mehr und auch nie weniger. Das Internet hat die Limitierung des Angebots an News und Reflexionen längst beseitigt. In meiner wie immer höchst subjektiven Chronologie der Woche dünne ich trotzdem verwegen aus – was mir in diesen Tagen so auffiel: Donnerstag, 5. Februar Nochmals zum Glatteis in Berlin: Wegen der grünen Gesetzeslage darf bekanntlich kein Streusatz eingesetzt werden. Heute ist deshalb der frühere „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer schwer gestürzt. „Ein total vereister Gehweg – so schnell konnte ich gar nicht gucken, wie ich da lag. Ich bin gestürzt, auf den Kopf gefallen, wurde ohnmächtig“, berichtete er später auf Instagram. Und bedankte sich ironisch bei der Ökoorganisation Nabu. Dass sie es möglich machen, dass Bäume nicht beschädigt werden, „dafür die Menschen aber stürzen, sich Gehirnerschütterungen und Knochenbrüche einfangen. Herzlichen Dank.“ Nabu hatte geklagt, weil der Senat in höchster Not doch Streusalz zulassen wollte, und diese Erlaubnis über das Verwaltungsgericht gekippt. Ich werde konsequent vom „angeblichen Naturschutzbund Nabu“ sprechen – wer nicht begreift, dass Menschen Teil der Natur sind, sollte sich nicht in moralische Höhen schwingen. Freitag, 6. Februar Trauerfeier in Dormagen für den 14-jährigen Yosef aus Eritrea, der offenkundig von einem 12-Jährigen an einen See gelockt und erstochen wurde. Der Täter habe sich gemobbt gefühlt. Nachrichten über Kriminelle im strafunmündigen Alter häufen sich. Die CSU-Politikerin Susanne Hierl, Rechtsexpertin der Unionsfraktion im Bundestag, hat unlängst gefordert, auch Kinder unter 14 vor Gericht zu stellen. Das Gericht solle dann keine Haft, wohl aber Erziehungsmaßnahmen nach klaren rechtlichen und bundeseinheitlichen Maßstäben anordnen können. Ein vernünftiger Vorschlag. Bislang werden häufig selbst 21-Jährige nach dem milden Jugendstrafrecht belangt. Und die Grünen (übrigens auch die FDP) fordern seit geraumer Zeit, die Wahlaltersgrenze auf 16 herabzusenken. Jugendlichen mehr Rechte einzuräumen, geht nur, wenn sie auch mehr Verantwortung tragen müssen, samt Konsequenzen für Straftaten.

Samstag, 7. Februar „Lasst uns die Spielchen beenden und das richtig machen: mit einer öffentlichen Anhörung“, schreibt Bill Clinton auf X, und seine Frau Hillary stimmt zu: „Wenn sie diesen Kampf wollen (...), führen wir ihn öffentlich.“ Weil der Ex-Präsident mehrfach im Flugzeug des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein mitgeflogen ist und die ehemalige Außenministerin ebenfalls in den Akten auftaucht, sollen beide vor dem Untersuchungsausschuss des (republikanisch dominierten) US-Repräsentantenhauses aussagen, sie am 26., er am 27. Februar. Der ebenfalls wiederholt in den „Epstein Files“ erwähnte republikanische Präsident Donald Trump, der ausweislich fröhlicher Partyvideos mit dem (wohl durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen) Multimillionär und jungen Frauen feierte, wurde vom Ausschuss natürlich nicht vorgeladen.

Sonntag, 8. Februar Lindsey Vonn und ihr brutaler Sturz bei der Abfahrt in Cortina d’Ampezzo. Jetzt überschlagen sich die Besserwisser, die ja gleich gesagt haben, nach einem Kreuzbandriss gehe ein solcher Start doch gar nicht. Die Amerikanerin habe „nicht den Mut gehabt“, auf dieses letzte olympische Rennen zu verzichten. Unsinn! Der Kreuzbandriss war nicht ursächlich für den Sturz, sie touchierte vielmehr nach einer harten Bodenwelle sehr unglücklich das vierte Tor. Für mich bleibt Lindsey Vonn großartig. Es gibt zwei Arten des Heroismus. Der eine verneigt sich vor dem, was wir als Schicksal betrachten, und folgt jederzeit der Verantwortungsethik. Der andere fordert das Schicksal heraus und ist zum Risiko auch da bereit, wo es im Rückblick wie eine Dummheit aussehen mag. Die Heroen und Heroinnen dieser zweiten Kategorie bleiben überlebensgroß. Montag, 9. Februar Abendessen mit zwei erfolgreichen Unternehmern und einer Start-up-Chefin. Wir reden über künstliche Intelligenz und deren Einsatz in unserem Alltag. Die beiden Männer erzählen, dass sie ChatGPT anweisen: „Bitte suche mir das, bitte entwirf mir jenes…“ Bitte? Sie sagen bitte?! Grenzen verschwimmen. Unser Zusammenwirken mit der Technologie und vor allem die Selbstwahrnehmung unseres Menschseins hat eine neue Qualität erreicht, wenn wir Maschinen um etwas bitten. Ich tue das bei jedem Menschen – aber weder bei meinem Auto oder meiner Waschmaschine noch bei ChatGPT. Dienstag, 10. Februar Die Regierung in Nairobi wirft Moskau vor, kenianische Staatsbürger nach Russland zu locken und dann zum Krieg in der Ukraine zu schicken. „Diese Menschen werden als Kanonenfutter an der Front missbraucht“, sagte der Vizeaußenminister des ostafrikanischen Landes, Korir Sing'Oei, der Nachrichtenagentur AFP. Die Zahl der auf russischer Seite im Ukrainekrieg kämpfenden Kenianer gibt Kenias Regierung mit etwa 200 an, sie könnte jedoch weitaus höher liegen. Wie war das doch gleich mit der ständigen Falschbehauptung, Russland habe keine koloniale Vergangenheit? Sogar Moskaus Politik der Gegenwart ist kolonialistisch. Das können alle Ukrainer bestätigen, und viele Keniaten nun auch. Mittwoch, 11. Februar Der Energiemulti BP beendet seinen Ausflug in die erneuerbaren Energien mit milliardenschweren Abschreibungen. Die neue Konzernchefin Meg O’Neill will sich wieder auf das Öl- und Gasgeschäft konzentrieren. Die Aktionäre des Unternehmens, das sich selbst gelegentlich in der Chiffre des Gutmenschentums nicht mehr „British Petroleum“, sondern „Beyond Petrol“ nannte, hatten erkannt, dass die grüne Transformation in rote Zahlen führte. Donnerstag, 12. Februar Lese frühmorgens in „Bild“ eine schlagzeilenträchtige Spekulation über Grünen-Pläne, Angela Merkel als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt vorzuschlagen. Käme es so, wäre Friedrich Merz in der Defensive, der Gerüchten zufolge über andere Kandidatinnen nachdenkt: Julia Klöckner, Karin Prien und, falls Söder mitzöge, Ilse Aigner. Der Autor des Artikels ist der in Berlin sehr gut verdrahtete Florian Kain. Ich schreibe ihm eine kurze Email: „Glückwunsch zu der Story… - hoffentlich ist sie nicht wahr.“ Etwas später dementiert eine Merkel-Sprecherin: „Das ist abwegig.“ Manche Geschichten werden dadurch unwahr, dass sie frühzeitig geschrieben werden.

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