menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Der stumme Pilger

12 0
06.05.2026

Wer Daniel Beerstecher anspricht oder ihn grüßt, bekommt immer ein freundliches Kopfnicken und ein Lächeln. Doch er sagt kein Wort. Anfangs ist ihm das noch schwergefallen, doch nach mehr als zehn Monaten hat er darin Übung. Denn er schweigt – ein Jahr lang. Dieses Schweigen trägt er durch ganz Deutschland, das er als stummer Pilger umrundet, etwa 3500 Kilometer zu Fuß. Am Beginn seines Wegs hatte er ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich höre zu! Ein Jahr im Schweigen“ an seinem Rucksack befestigt. Das war aber nach ein paar Regengüssen so aufgeweicht, dass er es durch ein wetterfestes Transparent mit demselben Text ersetzt hat. Das sieht nun, zum Ende seiner Reise, auch schon ziemlich mitgenommen aus.

Etwa 120 Nächte hat er im Zelt übernachtet, die anderen bei Unterstützern verbracht, einige in Klöstern oder kirchlichen Tagungshäusern. Verschiedene Stiftungen haben seine Ausrüstung finanziert. Ab und zu bekommt er private Spenden zugesteckt, damit er unterwegs auch einmal in einer Pension bleiben und sich erholen oder sich in einem Wirtshaus ein warmes Mittagessen gönnen kann. Sonst bereitet er das oft selbst zu: auf seinem Benzinkocher, der 1,5 Kilo in seinem über 20 Kilo schweren Rucksack wiegt. 

Wer ihn begleitet, für den pflückt Beerstecher manchmal ein Kleeblatt ab. Das soll kein nettes Glückssymbol sein. Er deutet auf seinen Mund: Der Weggefährte soll das essen. Und tatsächlich liegt einem für geraume Zeit ein........

© Tag des Herrn