Wenn der Frühling viral geht: Kirschbaum in London lockt Menschenmassen an
Auch an diesem sonnigen Sonntagmittag drängen sich viele Menschen unter den ausladenden Ästen eines prachtvoll rosa blühenden Kirschbaums in der Stanley Crescent, einer sonst ruhigen Wohnstraße im Londoner Stadtteil Notting Hill. Eine Frau mit schwarzem Hut und Sonnenbrille stellt sich in Position und lächelt in die Kamera. Andere tragen helle, rosafarbene Kleider, für den perfekt inszenierten Instagram-Moment. Antonia ist mit ihren Freundinnen Nikolina, Klara und Agata hierhergekommen. Die Touristinnen, alle Anfang zwanzig und aus Kroatien, haben ihr Bild gerade gemacht. „Wir haben den Baum auf Instagram gesehen und wollten ebenfalls ein Foto schießen“, sagt Antonia.
Viele tun es ihnen gleich. Die blühenden Kirschbäume im Londoner Viertel Notting Hill sind zu einem Anziehungspunkt geworden. Bilder in sozialen Netzwerken wie Instagram, TikTok und Rednote, einer chinesischen Plattform, haben die Straße weltweit bekannt gemacht. Während der kurzen Blütezeit kommen täglich Dutzende Besucher, an sonnigen Tagen auch weit über hundert. Inzwischen sorgt die Situation für Schlagzeilen, weil sie beispielhaft zeigt, wie stark soziale Medien den Blick auf einzelne Orte des Viertels lenken können, aber auch vor welche Probleme die Bewohner der charmanten Häuser dadurch gestellt werden.
Notting Hill ist eines der beliebtesten Touristenziele Londons
Notting Hill im Bezirk Kensington and Chelsea zählt zu den teuersten Wohnvierteln Londons und ist zugleich eines der beliebtesten Touristenziele der Stadt. Die berühmten pastellfarbenen Häuser, kleine Boutiquen und der Portobello Road Market, ein Straßenmarkt mit Kunst, Antiquitäten, Essensständen und Vintage-Mode, der jährlich rund sechs Millionen Besucher anzieht, machen die Gegend besonders attraktiv. Schon lange kommen Menschen hierher, um vor den bunt gestrichenen Fassaden Fotos zu machen oder bekannte Drehorte aus der 90er-Jahre-Romantikkomödie „Notting Hill“ zu besuchen. In den vergangenen Jahren hat sich dieser Trend jedoch spürbar verstärkt, zum Leidwesen der Anwohner.
„Früher sind die Menschen stehen geblieben und haben gestaunt – heute nenne ich es eine Plage“, sagt eine Bewohnerin der Stanley Crescent, die anonym bleiben möchte, gegenüber Journalisten. Besonders störe sie, wie selbstverständlich viele Besucher den Raum nutzten. „Die meisten klettern auf die Balustrade, stellen ihre Sachen ab und blockieren den Gehweg.“ Oft fehle es an Rücksicht. „Es gibt kein Bitte und kein Danke“, sagt sie. Alles werde regelrecht konsumiert, fügt sie hinzu, „diese Bäume, die Umgebung, die Gebäude“. Vieles geschehe nur noch für den perfekten Auftritt in den sozialen Medien. „Das ist alles für Instagram, um andere zu beeinflussen. Die Leute kommen mit Koffern hierher und wechseln ihre Outfits auf der Straße.“
Die Bewohner von Notting Hill wollen ihre Privatsphäre schützen
In vielen Straßen Notting Hills bemühen sich die Bewohner deshalb zunehmend, ihre Privatsphäre besser zu schützen. Einige haben ihre Häuser dunkel überstrichen, um ihr Anwesen als Fotomotiv für Touristen bewusst unattraktiv zu machen. Andere haben Schilder angebracht, Absperrungen installiert oder ihre Eingänge zusätzlich gesichert, zum Beispiel durch übergroße Blumentöpfe. Es sind pragmatische Versuche, die Grenze zwischen öffentlichem Interesse und privatem Raum wieder sichtbarer zu machen.
Am Stanley Crescent haben Anwohner mittlerweile einen Sicherheitsdienst engagiert, der auch an diesem Sonntag vor Ort ist. Ein Mann in gelber Weste weist Besucher freundlich, aber bestimmt zurück, wenn sie sich auf die weiße Balustrade setzen, in Richtung Eingang gehen oder auf der Straße stehen bleiben. Er achtet darauf, dass die Menschen einen gewissen Abstand halten und das Grundstück nicht betreten. Der Andrang sei in den vergangenen Tagen besonders groß gewesen, mit Besuchern aus ganz Europa, aber auch aus Japan und Mexiko, berichtet er. Zwar wird es in dieser Straße bald wieder ruhiger werden, wenn die Zeit der Kirschbaumblüte endet. Am grundsätzlichen Andrang in Notting Hill ändert das jedoch wenig.
Susanne Ebner Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis
London Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis
Instagram Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis
