Annette Schavan zur Zukunft Europas: „Nichts hält ewig, ohne dass daran gearbeitet wird“
Gegen den blauen Himmel der westlichen Welt stellen die Sterne die Völker Europas in einen Kreis, dem Zeichen der Einheit. Die Zahl der Sterne ist unveränderlich auf zwölf festgesetzt. Diese Zahl versinnbildlicht die Vollkommenheit und Vollständigkeit… Wissen Sie, woher das stammt?
ANNETTE SCHAVAN: Nein.
Aus der amtlichen Erläuterung des Europarates zur Annahme der Europa-Flagge und ihrer Symbolik. Und wissen Sie, wann das war?
1955, in Ihrem Geburtsjahr. Wenn Sie die Europa-Flagge, die heute eines der Symbole der Europäischen Union ist, sehen, was denken Sie dann?
SCHAVAN: An ein großartiges Friedenswerk, das in Europa geschaffen wurde und meiner Generation ein Leben in Frieden ermöglicht hat. Etwas, das keine Generation vor uns kannte.
Sie leben in Ulm, haben rheinischen Migrationshintergrund, waren nach Ihren Minister-Jahren Deutschlands Botschafterin am Heiligen Stuhl und sind beruflich inzwischen im internationalen Frankfurt am Main beheimatet. Fühlen Sie sich als Europäerin?
SCHAVAN: Ja, Europa ist Teil meiner Identität, denn die EU ist eine großartige Geschichte. Vor allem, weil es diesem Kontinent gelungen ist, Vielfalt als Wert und Potenzial zu begreifen. Im Forschungsministerrat in Brüssel habe ich seinerzeit erfahren, wie im Alltag aussieht, was Hannah Arendt politische Freundschaft nennt: Um die Unterschiede wissen, eine riesige Vielfalt erleben und sich zugleich um Zusammenarbeit ohne Dominanz zu bemühen. Da ging es damals im Ministerrat zum Beispiel um die Stammzellforschung. Die Meinungen der Kolleginnen und Kollegen waren sehr unterschiedlich. Ich dachte: Wie sollen wir je zu einem Ergebnis kommen? Wir haben über Stunden diskutiert, am Ende aber einen gemeinsamen Weg gefunden. Diese politische Kultur ist großartig.
Ist diese Art der Zusammenarbeit schon Teil einer europäischen Identität? Gibt es die überhaupt?
SCHAVAN: Ich finde, das Bemühen um europäische Identität, zu der für mich diese politische Kultur gehört, hilft, um die EU zu stärken. Und dann haben in den letzten Jahrzehnten Ereignisse eine europäische Öffentlichkeit geschaffen, die Identität gestiftet hat. Die Einführung des Euro, der Wegfall der Binnengrenzen, die Schaffung des Binnenmarktes, das Erasmus-Programm für junge Leute. Da wurde Europas Potenzial deutlich.
Was macht für Sie europäische Identität noch aus?
SCHAVAN: Die abrahamitischen Religionen: Judentum, Islam und natürlich das Christentum. Ich bin zum Beispiel gerade erst in Pompeji gewesen. Da ist mir erst richtig klar geworden, wie sehr das Christentum in der Antike eine Irritation war. Etwas komplett Neues. Anfangs fanden manche, das ist eine große Spinnerei: Die sagen tatsächlich, jeder Mensch hat die gleiche Würde – etwas bis dahin Unvorstellbares. Dann gab es etwa die Zeiten, als die Benediktiner-Klöster diesen Kontinent mit kultiviert haben. Wenn ich heute lese, dass in den allerersten Tagen, in denen die Reliquien von Franz von Assisi besucht werden können, 160.000 Menschen kamen, merkt man wieder, dass dieser Kontinent bei allen säkularen Entwicklungen eine große spirituelle Kraft hat. Das weist weit über Institutionelles hinaus, ist eine große geistige und geistliche Tradition.
Nun könnte man einwenden, dass damals im EU-Verfassungskonvent der Widerstand gegen einen Gottesbezug in der Präambel aber sehr massiv war. Und das war vor gut 25 Jahren. Religiöser ist der Kontinent seither sicher nicht geworden. Meinen Sie wirklich, dass religiöses Erbe noch ein gemeinsamer Nenner ist, auf den sich alle verständigen können?
SCHAVAN: Das ist schwierig geworden. Es gibt vielleicht am ehesten einen Konsens, dass das relevante Quellen in der Geschichte waren. Und es stimmt, in der Religion steckt auch die Kraft der Zerstörung, die Kraft, es nicht miteinander auszuhalten. Wenn wir nur an die Konfessionskriege denken.
Europa-Salon: Reden wir über europäische Identität
Zumal in Augsburg, der Stadt des Religionsfriedens. Was verbindet uns Europäer denn besonders?
SCHAVAN: Ich kenne keinen zweiten Kontinent, in dem die Vielfältigkeit von Sprachen, Kulturen, Landschaften so stark, so positiv gesehen wird. Eben als Quelle, als Potenzial. Und spätestens seit es diesen Unionsgedanken gibt, die EU, kann man auch sagen, es gibt ein Bewusstsein dafür, dass es ohne die anderen nicht geht. Das ist die Grundidee der EU-Gründerväter – alle Katholiken übrigens – nach den zwei Weltkriegen gewesen. Und gerade weil es an der EU Zweifel gibt, sich Rückfälle in nationales Selbstverständnis zeigen, ist es umso wichtiger, heute über unsere gemeinsame Identität zu reflektieren. Was bedeutet „Nicht ohne den anderen“ in den nächsten zehn Jahren? Denn klar ist doch: Nichts hält ewig, ohne dass daran gearbeitet wird.
Ab Juni muss die gemeinsame Asylpolitik der EU in allen Staaten umgesetzt sein. Europa macht dicht. Verträgt sich die Abschottung mit den religiösen Wurzeln unseres Kontinents?
SCHAVAN: Schwerlich. Sie schwächt uns.
Wie stellen Sie sich die Europäische Union in zehn Jahren vor?
SCHAVAN: Wir haben weitere Staaten aufgenommen, sind noch diverser geworden. Auch das Konzept der unterschiedlichen Geschwindigkeiten finde ich interessant. Vor allem aber wünsche ich mir, dass dieser Kontinent sich ganz der Innovation verschreibt, als Quelle künftigen Wohlstands. Wir haben in Europa schon ein paar der innovativsten Regionen in der Welt. Das müssen wir ausbauen. Das ist das wichtigste Ziel. Denn davon geht die Faszination aus, das stärkt das Selbstbewusstsein, das macht den Charme aus: etwas zuwege zu bringen, was woanders noch nicht ist.
Welche Stadt ist für Sie die Europäischste? Wohin sollten junge Leute reisen?
SCHAVAN: Paris, Stadt der Französischen Revolution, in deren Folge sich die Werte der Aufklärung und der Demokratie in Europa etablieren.
Die langjährige Bundesforschungsministerin und frühere Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl ist Vorstandsvorsitzende der Hertie-Stiftung. Diese veranstaltet gemeinsam mit der Augsburger Allgemeinen am Donnerstag, 19. März, um 18.30 Uhr einen Europa-Salon im Kleinen Goldenen Saal. Es geht darum, wie Erinnerung „unser europäisches Wir“ prägt. Auf dem Podium sind: Saba-Nur Cheema, Eva Menasse, Manfred Weber und Peter Müller. Es moderiert Nora Bossong.
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