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Unternehmer wagt Vorstoß gegen mächtige Elektrotechnik-Norm im Gesundheitswesen

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Jeder Patient kennt die roten Notrufknöpfe am Bett oder im Zimmer. Wer Hilfe benötigt, drückt den Knopf, damit das Pflegepersonal nach der Alarmierung schnell den Weg ins richtige Zimmer findet. Drahtgebundenes Lichtrufsystem mit Flurlampen nennt sich diese Vorrichtung, die seit Jahrzehnten durch die Norm DIN VDE 0834 in den Einrichtungen vorgeschrieben ist. Die Norm beschreibt detailliert den technischen Aufbau der drahtgebundenen Lichtrufanlage, zu der als zentrales Element zwingend die Flurlampe gehört.

Unternehmer sieht freien Wettbewerb beeinträchtigt

Dieter Martin, Unternehmensgründer aus Aach-Linz, sieht diese Norm aber als entscheidenden Schlüssel eines Kartells, wie er es bezeichnet, bestehend aus Lichtrufherstellern und Anbietern von Schulungen und Zertifikaten, um Hersteller von preisgünstigeren alternativen Technologien wie funkbasierten Rufanlagen systematisch vom Wettbewerb auszuschließen, so wie seine Firma CoSi Electronics. Mit fünf Beschäftigten entwickelt Martin seit Jahren zahlreiche Innovationen und Alarmierungssysteme, die gänzlich ohne die Verlegung einer systemeigenen Verkabelung auskommen, sondern mit Funktechnik funktionieren. „Unser System funktioniert immer. Egal, ob WLAN, LAN oder sogar der Server ausfällt“, versichert Martin.

Zudem wäre die innovative Lösung aus Aach-Linz viele hundert Millionen Euro günstiger als die bisherigen Anlagen. Er taxiert das Einsparvolumen bei geschätzten 50.000 Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Behinderteneinrichtungen auf jeweils 10.000 Euro und damit auf insgesamt 500 Millionen Euro. Das Problem? CoSi-Electronics-System erfüllt nicht die DIN VDE 0834 und ist deshalb im Prinzip vom Wettbewerb ausgeschlossen, denn für die Heimbetreiber würde der Einbau eines nicht DIN-gerechten Systems erhöhte Haftungsrisiken mit sich bringen. „Bei uns waren schon etliche potenzielle große Kunden und alle waren begeistert, aber schlussendlich wurden aufgrund der fehlenden Normenkonformität die erhofften Aufträge nicht erteilt“, berichtet der Unternehmer im SÜDKURIER-Gespräch. Aber ohne Referenzprojekte ist in Deutschland der Vertrieb seiner Produkte enorm schwierig, während in der Schweiz solch funkbasierte Rufanlagen übrigens Standard seien.

Rechercheteam des ZDF-Magazins „Frontal“ in Aach-Linz

Gegen diese „wettbewerbsverzerrende Norm“ hat Dieter Martin im Juli 2025 Klage vor dem Bundeskartellamt erhoben. Hersteller von Rufanlagen, Einrichtungsbetreiber und Politiker verfolgen den Fall, der bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Nicht nur die Elektronikbranche schaut gebannt, wie der ungleiche Kampf vor der Kartellbehörde enden wird. Die „Wirtschaftswoche“ hat bereits über die Auseinandersetzung um die Norm DIN VDE 0834 berichtet. Zuletzt war auch ein Rechercheteam des ZDF-Magazins „Frontal“ in Aach-Linz. Der Beitrag wird im April ausgestrahlt. Hin und wieder gelingt es dem Unternehmer, ein Referenzprojekt an Land zu ziehen - die Camphill-Dorfgemeinschaft Lehenhof im Deggenhausertal wird seine Rufanlage einbauen, und zwar von den eigenen Elektrikern, angeleitet durch CoSi-Mitarbeiter. Als Vorbereitung für den erhofften Durchbruch seiner Rufanlage hat der Aach-Linzer an der deutsch-polnischen Grenze in Zittau eine Partnerfirma für die Fertigung der Komponenten seiner Anlage in größeren Stückzahlen gefunden.

Mit seiner Eingabe an das Kartellamt haben CoSi und weitere Mitstreiter erreicht, dass die im April 2025 veröffentlichte Neufassung der DIN-Norm vorerst auf Eis liegt. Dieser neue Entwurf hätte nach Angaben von Martin das bisherige System weiter verfestigt und den alten Profiteuren für ein weiteres Jahrzehnt eine sichere Einkommensquelle beschert. Zudem würden sich die Kosten durch neue technische Anforderungen um geschätzte 20 Prozent erhöhen. So soll beispielsweise eine unterbrechungsfreie Stromversorgung für alle Rufanlagen vorgeschrieben werden und gefordert wird der Einbau von Lichtrufanlagen in Bereiche, für die bisher keine vorgeschrieben waren. Sofern diese Norm verabschiedet wird, müssen Bestandsanlagen in Deutschland binnen 24 Monaten nachgerüstet werden, was nach Angaben von Martin hunderte Millionen Euro kosten würde. Weitere Kosten entstehen durch die vorgeschriebenen Quartalsüberprüfungen, die ausschließlich durch geschulte und zertifizierte Fachkräfte durchgeführt werden dürfen. „Und je komplexer die Vorgaben, desto teurer die Überprüfung“, bringt es Martin auf den Punkt.

Viele Betreiber stehen der Entwicklung von CoSi positiv gegenüber und warten nun den Ausgang des Kartellverfahrens ab. Mehr als 2000 Personen, darunter zahlreiche Verantwortliche von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, hat Dieter Martin zu einem Netzwerk geformt und werden von ihm über den Sachstand beim Kampf von David gegen Goliath informiert.

Auf Anfrage des SÜDKURIER bestätigt Gregor Baumann, stellvertretender Pressesprecher der in Bonn ansässigen Kartellbehörde, dass sich die Eingabe des Aach-Linzer Unternehmers im Status von „Vorermittlungen“ befinde. „Wir treiben das Verfahren weiter voran“, versichert Baumann, dass zunächst geprüft werde, ob es schon ähnliche Hinweise oder Eingaben in Zusammenhang mit der DIN VDE 0834 gegeben hat und man schaue sich den „Markt“ an. Klar ist, dass die Aufsichtsbehörde den Hinweis von Dieter Martin ernsthaft verfolgt, ansonsten gäbe es keine Überprüfung. Auf die SÜDKURIER-Frage, welche Folgen es hätte, wenn die Kartellbehörde zu der Erkenntnis kommen würde, dass quasi eine kartellartige Absprache konkreten Einfluss auf eine DIN-Norm hatte, erklärt Baumann, dass es hier für keinen Präzedenzfall gebe: „Das hatten wir noch nie.“

Übergeordnete Normungsorganisation in Deutschland ist das Deutsche Institut für Normierung (DIN) in Berlin. Elektrotechnische Normen werden von der Normenorganisation des Verbands Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE), der Deutschen Kommission Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (DKE) erstellt. Im DKE-Ausschuss sind unter anderem die Fachvereinigung Krankenhaustechnik, der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Digitalindustrie und der Verband der Elektro- und Digitalindustrie, aber auch Experten vom Bundesverband Telekommunikation vertreten.

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