Wo die Wände zu klingen beginnen - ein Musik-Salon für Radolfzell
Wer die Räume des Radolfzeller Vereins Klangkultur in der Straße „Hinter der Burg“ betritt, verlässt die Gegenwart. Bisher war es allein die Musik, die bei den klassischen Konzerten des Vereins die Mauer des Alltags einriss und das Publikum in vergangene Jahrhunderte entführte. Doch nun wird die Zeitreise auch visuell fortgeschrieben.
Unter den Pinselstrichen des Kunstmalers Adrian Rovatkay scheinen die Wände des einst nüchternen Konzertraums durchlässig geworden zu sein und eine Geschichte zu erzählen. Man meint nun, das Flackern von Kristalllüstern zu spüren oder das Rascheln von Seide zu hören. Und Besucher können sich in eine Zeit zurückversetzen lassen, die längst der Vergangenheit angehört. Denn wer die neu gestalteten Räume betritt, der kann wie die Besucher der feinen Wiener Salons im 18. Jahrhundert nachfühlen.
Vom Salon des Adels hin zum Konzertsaal des Bürgertums
In der Zeit der Wiener Klassik waren die Salons oft private Refugien des Adels. Die Kammermusik wurde hier für einen ganz exklusiven Kreis komponiert und aufgeführt. Die klassische Musik stand aber auch immer in einem historischen Kontext: Wien war ein Schmelztiegel der klassischen Musik. Komponisten wie Mozart, Haydn und Beethoven lebten zeitweise gleichzeitig in der Metropole an der Donau. Der Tod der Österreichischen Erzherzogin Marie Antoinette durch die Französische Revolution markiert zugleich eine tiefgreifende Zäsur in der Wiener Musik mit ihrem Mäzenatentum - also der Förderung von Kunst und Kultur.
Die Angst vor revolutionären Unruhen in Wien führte dazu, dass der Adel die prunkvolle Hofhaltung einschränkte. Ihr folgte der Zusammenbruch eines ganzen Marktsystems für Musiker. An die Stelle der exklusiven Hofkonzerte trat nun das Bürgertum. Die Kammermusik wanderte von den Salons des Adels in die Wohnzimmer des aufstrebenden Bürgertums. Für größere Orchesterwerke entstanden neuartige Konzertsäle für ein zahlendes Publikum.
Konzertsaal auch als ein lebendiges Museum
Genau an dieser Schnittstelle setzt der Radolfzeller Verein Klangkultur an. Sein Domizil soll künftig mehr sein als nur ein reiner Aufführungsort: Es wird zu einem lebendigen Museum, in dem die klingende Kammermusik mit Ausstellungen historischer Instrumente verschmilzt, wie der Vorsitzende der Klangkultur und Professor an der Musikhochschule in Trossingen, Anton Steck, gegenüber dem SÜDKURIER erklärt.
Am Freitag, 13. März wird um 19 Uhr der neu gestaltete Musiksaal „Hinter der Burg 3“ mit einem Konzert feierlich wiedereröffnet. Es spielen Adrian Rovatkay (Fagott), Anton Steck (Violine), Chen-Ying Lu (Bratsche) Karen Benda (Cello) und Christina Kobb (Hammerflügel). Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung ist erwünscht. Am Samstag, 14. März berichten ab 16 Uhr der Historiker Christof Stadler über die Geschichte der Burg sowie der Kunstmaler und Musiker Adrian Rovatkay über die Barockmalerei. Unter der Leitung von Anton Steck treten junge Streicher-Talente auf. Der Eintritt kostet 25 Euro und ist für Jugendliche unter 18 Jahre frei. Am Sonntag, 15. März veranstaltet der Verein zwischen zwölf und 16 Uhr einen Tag der offenen Tür im neu gestalteten Musiksaal.
Um für die klassischen Konzerte und die Exponate den passenden Rahmen zu schaffen, ließ der Verein das Ambiente eines Salons wiederaufleben. Für die Gestaltung dieses Refugiums engagierte der Verein den Kunstmaler und Musiker Adrian Rovatkay. Mit seinen Wandmalereien zwischen Barock und Rokoko schuf er eine Umgebung, die den Geist der damaligen Epoche atmet, dabei aber ganz bewusst auf den Pomp früherer Wiener Salons verzichtet. So soll ein Raum entstehen, in dem Geschichte nicht nur gehört, sondern an den Wänden und in den Vitrinen förmlich greifbar wird.
Vom maßstabsgetreuen Entwurf zur fertigen Wandmalerei
Die Kammerkonzerte des Vereins Klangkultur strahlen - architektonisch betrachtet - vom schweren Barock in das verspielte Rokoko mit dessen zarten Pastelltönen, geschwungenen Linien und dem typischen Rocaille-Muschelwerk aus. Dieses Konzept übernahm Adrian Rovatkay in seinen architektonischen Entwurf für einen Salon in einem schlossartigen Gebäude. In einem exakten Maßstab von 1:20 entwickelte der Kunstmaler vorab Wandmalereien für den Konzertsaal. Dabei berücksichtigte er alle Türen, Fenstern und Durchgänge des vorhandenen Saals.
Diesen Entwurf übertrug er dann maßstabsgetreu auf die Wände. Ausgehend von einer beleuchteten Bühne an der Stirnwand des Saals integrierte Rovatkay auch den Schattenwurf der gemalten Rocaille-Muschel und der Säulen samt ihren Kapitellen und Postamenten rund um den Veranstaltungsraum. Was damals wie heute noch gängig ist: Das Werk befindet sich in einem fortlaufenden Prozess. Auch die Decke soll mit einem zeitgenössischen Himmelmotiv bemalt werden. Hierfür sucht der Verein noch Sponsoren. Die fertigen Entwürfe dafür liegen im neu gestalteten Vereinsheim bereit.
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