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Die Letzten ihrer Art: Telefonzellen verschwinden langsam aus dem Stadtbild

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Zu Höchstzeiten gab es Ende der 1990er-Jahre in Deutschland rund 165.000 Telefonzellen, später nur noch Säulen ohne Kabine. Als nahezu alle privaten Haushalte Telefone erhielten, nahm die Bedeutung der Telefonzelle stark ab. Seit die meisten Bürgerinnen und Bürger ein Mobilfunkgerät besitzen, beschloss die Telekom den Abbau der öffentlichen Telefonkabinen.

Die Gemeinden mussten jedem Abbau zustimmen und die Bundesnetzagentur informiert werden. Seit Ende 2021 gibt es keine Verpflichtung mehr zum Betrieb öffentlicher Telefone. Die Münzzahlung wurde Ende 2022 deaktiviert, seit 2023 kann man an den Apparaten auch nicht mehr mit Karte bezahlen.

Der SÜDKURIER wollte wissen: Stehen im Landkreis Konstanz noch irgendwo Telefonkabinen? Wenn ja, wo? In welchem Zustand? Und: Mit Restfunktion? Eine Übersicht zu erhalten, erweist sich als gar nicht so einfach. Die Bundesnetzagentur verweist auf das Inkrafttreten des Telekommunikationsgesetzes am 1. Dezember 2021.

Die öffentlichen Telefone verschwinden nach und nach

Seitdem gibt es keine gesetzliche Pflicht mehr zum Betrieb von öffentlichen Telefonzellen oder -säulen. „Die Bundesnetzagentur verfügt aufgrund der fehlenden gesetzlichen Grundlage über keine Daten mehr zur Zahl der Telefonstellen“, teilt Pressesprecher Matthias Podolski mit.

Seitens der Telekom informiert Lena Raschke, das Unternehmen habe den Betrieb der öffentlichen Telefonzellen im Jahr 2023 eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt standen bundesweit noch rund 12.000 öffentliche Telefone. Seit der Abschaltung läuft der Abbau der verbliebenen Häuschen und Stelen Schritt für Schritt.

„Fernsprechkiosk“ lautete die Bezeichnung für die erste Telefonzelle, die am 12. Januar 1881 in Berlin in Betrieb ging. Münzfernsprecher gab es ab 1899. Die Farben der Häuschen wechselten oft, ab 1951 war es postgelb. Nach der Übernahme durch die Telekom Mitte der 1990er-Jahre wurden die Häuschen weiß, grau und magenta. Über die Jahrzehnte wechselten verschiedene Modelle. Ende der 1980er-Jahre führte die Deutsche Bundespost Kartentelefone ein, ab Ende der 1990er-Jare gab es Kombinationsgeräte, die Münzen und Telefonkarten akzeptierten.

Vor drei Jahren hatte die Telekom angekündigt, bis Ende 2026 vollends alle öffentlichen Fernsprechautomaten rückzubauen, doch der Zeitplan könnte ins Wanken geraten – auch wenn die Pressesprecherin versichert, bundesweit sei „bereits der Löwenanteil aller Telefonzellen abgebaut“ und dass weiter „mit hohem Tempo“ gearbeitet werde.

Wie Raschke erklärt, erfordert der aufwendige Rückbau die Beteiligung verschiedener Gewerke, die nacheinander arbeiten müssen und voneinander abhängig sind: Die Energieversorger müssen vor dem Abbau jeden Standort einzeln vor Ort stromlos machen. Dies wiederum kann laut Lena Raschke mehrere Monate dauern, weil dafür eine Tiefbaumaßnahme erforderlich ist.

Außerdem müssen die jeweiligen Bauämter zustimmen und die Straßenverkehrsbehörde verkehrsrechtliche Anordnungen erlassen, weil dabei Baumaschinen zum Einsatz kommen. Sobald das Fundament entfernt ist, wird die Oberfläche wiederhergestellt.

Die einstigen Fernsprechapparate seien nicht mehr notwendig, begründet Lena Raschke: „Mit dem Smartphone hat nahezu jeder Bürger seine persönliche Telefonzelle ständig dabei.“ In den kommenden Jahren plant das Unternehmen Mobilfunkmasten an 25 weiteren Standorten im Landkreis Konstanz.

Hier stehen noch Telefonzellen oder -säulen

Wie Recherchen des SÜDKURIER und eine Umfrage unter den größeren Kommunen ergaben, finden sich an einigen Stellen im Kreis Konstanz aber noch einige alte Telefonhäuschen oder -säulen: In Radolfzell gibt es eine der Letzten ihrer Art am René-Moustelon-Platz; Pressesprecherin Natalie Reiser vermutet vereinzelt noch weitere Exemplare.

Die Stele neben der Teggingerschule erfüllt ihren ursprünglichen Zweck indes nicht mehr: Das Display ist dunkel, vom einstigen Handapparat sind nur Rudimente übrig, die mit Klebeband an der Hörerschnur befestigt sind. Zifferntasten, Einwurfschlitze, Münzrückgabefach und Kartenschlitz wirken museal. Die Oberflächen sind mit Aufklebern übersät, die frühere Gebrauchsanweisung wegen Graffiti kaum noch lesbar.

Ähnlich trostlos und sogar ohne Hörer präsentiert sich die letzte Telekom-Säule in Stockach gegenüber der evangelischen Kirche. Wie Baurechts- und Ordnungsamtsleiter Carsten Tilsner informiert, ist dieses Gerät schon lange außer Betrieb.

In Engen befindet sich am Bahnhof noch ein solcher Apparat, auch dort sind nur das Display und das Eingabeterminal mit Schlitzen für Münzen und Karten erhalten, der Hörer fehlt. Mit Überdachung und Seitenschutz steht die Engener Stele vergleichsweise intakt da und ist bis auf ein Graffito nicht verunstaltet.

Auf der Insel Reichenau sucht man die markanten Zellen oder Stelen indes vergebens: „Alle Telefonzellen sind bei uns abgebaut“, informiert Andreas Schlegel vom Ortsbauamt. Birgit Rinklin vom Straßenbauamt des Landratsamts Konstanz verweist zudem auf zwei bestehende Notrufsäulen der Björn-Steiger-Stiftung an klassifizierten Straßen.

Die Städte Konstanz und Singen sind ratlos

Bei der Stadt Konstanz weiß niemand so recht, wo noch Säulen der Telekom stehen. Stefanie Degner vom Bürgeramt teilt mit, die Stadt sei in den Abbau nicht involviert – und verweist auf die Telekom. Ähnlich ratlos reagiert der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Singen: Angaben sind laut Stefan Mohr nicht möglich, „da wir hiervon keine Kenntnis haben“. In Moos weiß Bauamtsleiter Matthias Jäschke ebenfalls von keiner Telefonzelle mehr im Gemeindegebiet.

Fazit: Telefonhäuschen oder -stelen, die jahrzehntelang überall zum Stadtbild gehörten, werden bis Ende des Jahres überall verschwunden sein. Allenfalls überdauern die Zellen noch als Bücherschränke.

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