Gemeinsam anders: Kinder erleben spielerisch, was Vielfalt bedeutet
30 Kinder toben durch die Sporthalle. Einige sitzen im Rollstuhl, andere tragen dicke Brillen, Augenbinden oder Lärmschutzkopfhörer, wieder andere versuchen, den Ball mit Handschuhen zu fangen. Manche haben ein, manche mehrere Handicaps, manche bringen das eigene mit. Sie spielen Zombieball - alle halten sich an die Regeln, niemand wird geschont, Lachen und Rufen hallt durch den Raum. Nach einigen Minuten wechseln die meisten Einschränkungen ihre Träger und es geht weiter.
Vier Schüler des Graf-Zeppelin-Gymnasiums organisieren ein Inklusionsprojekt. Ihr Ansatz: gemeinsam probieren, spielen und bewegen. Die beteiligten Klassen der Stephan-Brodmann-Schule und der Schule am See kennen einander. „Das ist unsere Kooperationsklasse, wir treffen uns jede Woche zum gemeinsamen Musikunterricht“, sagt Tanja Arnold, Klassenlehrerin der 4a. Ihre Kollegin Bettina Bauer von der Schule am See schränkt ein: „Die Schüler haben im Alltag kaum eine Chance, einander kennenzulernen. Sie begegnen sich in der Schule eher flüchtig.“
Die Organisatoren halten die Vorstellungsrunde kurz und kommen zum Thema. Ihm sei aufgefallen, dass alle hier unterschiedlich seien, sagt Tim Randler: „Wir haben alle unterschiedliche Haarfarben und unterschiedliche Hobbies.“ „Wir haben verschiedene Augenfarben und manche haben Sommersprossen“, ergänzt Lilly Endres. Finja Tinz sagt: „Manche nehmen Kälte und Wärme anders wahr.“ Jonas Müller bemerkt: „Manche bewegen sich anders fort, es gibt Hilfsmittel wie Rollstuhl, Gehstock oder Krücken.“ Tim Randler stellt fest: „Das gilt auch für das Gehör. Ihr kennt das bestimmt: manche Großeltern hören schlecht.“ „Jeder Mensch ist einzigartig, das macht uns aus, das sollten wir wertschätzen“, sagt Lilly Endres..
Stationen werden zum Erlebnis
Sie haben Stationen zum Sehen, Hören, Fühlen und Fortbewegen aufgebaut. Bei Lilly Endres liegen Brillen, die Einschränkungen von leichtem Nebel bis zu tiefem Schwarz simulieren. Mit diesen vor den Augen raten Schüler Stoffe, stecken Spielzeugsteine und ertasten, was ihr Gegenüber auf einem Nagelbrett gestaltet hat. Eine Herausforderung ist es, eine Strecke mit Blindenstock zurückzulegen. „Der Weg kam mir mit dem Stock viel länger vor“, sagt eine Schülerin. Tim Randler hat Kopfhörer und Ohrstöpsel dabei und animiert seine Gruppe zu Pantomime. Sie üben auch Lippenlesen. Das funktioniert bei einfachen Worten wie „Auto“ und „Schule“ gut, „Marmelade“ ist schon schwieriger.
An der Fühlstation von Finja Tinz liegen Handschuhe aus Leder, Wolle und Fleece, dünne Radfahrhandschuhe und dicke Fäustlinge. Mit diesen gilt es Perlen aufzufädeln und Gegenstände wie Gabel, Jojo oder Legostein in einer Schachtel zu erkennen. Ein Mädchen schreibt mit Winterhandschuhen ihren Namen und kommentiert: „Das ist wie mit links schreiben, aber es geht.“ Besonders viel los ist bei der Rollstuhlstation. Jonas Müller hat einen Parcours mit Hindernissen aufgebaut, die Probanden fahren Slalom und heben Gegenstände vom Boden auf. Mühsam ist das Überwinden einer Schwelle, die unter einer Matte versteckt ist. Immer wieder gibt es Schreckmomente, wenn der Rollstuhl sich plötzlich nach hinten neigt. „Da hinten ist ein Kippschutz, da kann nichts passieren“, beruhigt er.
Abschlussrunde stimmt nachdenklich
In der Abschlussrunde sind viele Kinder nachdenklich. „Es hat etwas gefehlt, ich habe mich schwergetan“, fasst ein Schüler zusammen. „Vor allem das Rollstuhlfahrer hat anfangs viel Spaß gemacht. Aber mit der Zeit wurde es doch anstrengend“, sagt ein anderer. Ein weiterer erzählt: „Ich fand das Auffädeln mit Handschuhen sehr schwer.“ Die Lehrerinnen sind von dem Projekt beeindruckt. „Ich denke, unsere Schüler haben bewusst wahrgenommen, dass es auch anders sein kann. Ich hoffe, sie gehen jetzt aufmerksamer durchs Leben“, sagt Tanja Arnold. Bettina Bauer hat gefallen, dass alle Kinder mit irgendeiner Einschränkung zusammen gespielt haben: „Da war niemand anders. Es ist eine tolle Erfahrung für unsere Kinder, sich auf Augenhöhe zu begegnen.“
Das Inklusionsprojekt haben die vier Schüler im Rahmen ihres Seminarkurses „Projektmanagement“ am Graf-Zeppelin-Gymnasium umgesetzt. Sie haben die Idee entwickelt, recherchiert, Material zusammengestellt, Sponsoren gesucht und den Vormittag in der Sporthalle gestaltet. Mitgemacht haben die Klasse 4a der Stephan-Brodmann-Schule und die Klasse 5b der Schule am See. Die Stephan-Brodmann-Schule ist die Regel-Grundschule in Immenstaad. Die Schule am See ist ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung der Stiftung KBZO. Der Hauptstandort liegt in Fischbach, zwei Klassen sind in Immenstaad untergebracht.
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