Wenn die Lumpenmusik das Narrenherz bewegt
Es geht im Schweinsgalopp durch Konstanz, von der einen Seite der Altstadt zur anderen und wieder zurück. „Wir wollen euch schwitzen sehen“, witzelt Uli Topka, Mitglied der Blätzebuebe-Zunft, Forscher zur Geschichte der Konstanzer Fasnacht und einer der Leiter der Aktion Lumpenmusik. Wer sie erleben will, muss ganz schön viel laufen. Denn bei den Orten für die kleinen Konzerte handelt es sich um die Türme, die von Narrenzünften oder -freunden belegt sind, sowie die Stube der Elefanten AG im Haus zur Sonne. Die AG ist Mitveranstalterin.
Ran an die Menschen, die nicht kommen
Mit der Lumpenmusik geht die Bodensee-Philharmonie raus aus dem Konzertsaal und kooperiert mit der größten Brauchtumsbewegung in Konstanz. Die Narretei ist hier seit Beginn des 14. Jahrhunderts urkundlich nachgewiesen. Das Orchester will Menschen gewinnen, die wenig oder gar nicht ins Konzert gehen.
Mit Erfolg. Die Lumpenmusik wird überrannt. Bei 120 Teilnehmern muss Schluss sein, sonst platzt die Veranstaltung aus allen Nähten. Es kommen Menschen wie Anna Zimmermann, die üblicherweise nicht in Konzerten des Orchesters zu finden sind. „Das hat sich so locker angehört. Das ist mal was anderes. Was für die Bürger.“
Claudia Büchler ist aktiv in der Fasnacht. Ihr erscheint die Kombination von Fasnachtsmusik und Philharmonie spannend. Überhaupt gefällt ihr das Konzept, aus dem Konzertsaal zu gehen. Es sind aber auch Menschen wie Brigitte Sautter dabei, die seit über 60 Jahren regelmäßig Konzerte der Philharmonie besucht. Zudem sei sie Fasnachterin. Sie ist der Meinung: „Die Philharmonie ist wichtig für Konstanz.“ Auch Sabine Richter stellt fest: „Auf diese Philharmonie kann Konstanz nicht verzichten.“
Orchester steht immer wieder infrage
Wegen des klammen Haushaltes der Stadt steht das Orchester immer wieder infrage. Dabei bekommt es eine Exzellenzförderung des Bundes, welche die Reihe Zukunftsmusik ermöglicht. Das sind Projekte wie die Lumpenmusik, die auch Menschen ansprechen sollen, die dem Orchester fern stehen. Luise Schauer, Managerin der Zukunftsmusik, sagt: „Es ist ein Grundrecht, klassische Musik zu erfahren.“
Bei der Lumpenmusik hören die Teilnehmer aber erst einmal die für Fasnachter vertrauten Gruppen. In der Stube der Elefanten erinnern Karl & Karle (Klaus Hagmüller und Michael König) mit Akkordeon und Gesang an die alten Zeiten. „Ich möcht’ noch einmal sandele.“ Neben ihnen tanzen auf einem Bild Kamel und Elefant, in der Ecke hängt eine riesige Maske, an der Wand sind alte Bilder von der Fasnacht zu sehen.
Im Pulverturm der Narrengesellschaft Niederburg spielt die Jazzband Blue Birds of Paradise. Sie begeistert mit „Rosamunde“ und dem Gassenhauer „Mädle kumm mit mir, mir gond ge gundele“. Die Teilnehmer singen mit und wiegen sich im Takt. Der Jazz, so sagt Uli Topka, sei in den 1920er-Jahren von Amerika nach Deutschland geschwappt. Man merkt, dass die Teilnehmer gern noch mehr von den Blue Birds gehört hätten, aber Topka muss aufs Gehen drängen. Erst im Anschluss an die Führung haben Teilnehmer die Möglichkeit, einen Ort zu wählen und dort eine halbe Stunde lang ein Konzert zu erleben.
Im Zeichen des Wandels
Die Bodensee-Philharmonie kann dank einer Exzellenzförderung des Bundes das Projekt „Zukunftsmusik. Neue Wege hören“ realisieren. Die jüngste Projektwoche stand unter dem Thema Wandel. Zentrale Frage: Welche Orte prägen die Stadt? Wie kann daraus ein Konstanz der Zukunft entstehen, in dem sich alle wiederfinden? Der Philharmonie ist es ein Anliegen, Tradition und Aufbruch in verschiedenen Aktionen zu verbinden und neue Perspektiven zu eröffnen.
Und dann ist die Philharmonie zu hören. Ein Bläserensemble spielt im Rheintorturm. Es erklingen der bekannte Radetzky-Marsch und das Badnerlied. Blasmusik hat im 19. Jahrhundert eine große Rolle in Konstanz gespielt, legt Uli Topka dar. 1868 war in der Stadt das Badische Infanterie Regiment Nummer 114 stationiert. Dieses hatte eine außergewöhnlich gute Musik. Klar, dass die Narren dies zu nutzen wussten. Die Kapelle spielte bei allen Fasnachtsbällen in Konstanz.
Musikverbot durch den Magistrat
Im Vorbeigehen informiert Topka über Wissenswertes, zum Beispiel am Münster. Im spätgotischen Chorgestühl finden sich einige Figuren mit Musikinstrumenten. 1388, so sagt er, wurde per Erlass des Magistrats laute Musik verboten. „Das war Lärmschutz. Wie heute Tempo 30.“
Bisher hört sich alles leicht und beschwingt an. Ein Ensemble der Philharmonie schlägt im Turm der Blätzebuebe am Schnetztor dann andere Töne an. Auf Fiedeln, Nachbauten mittelalterlicher Instrumente, und Flöte spielen Ulrike von Hagen, Peter Achtzehnter und Csaba Dimen melancholische Liebeslieder. Das fällt ein wenig aus der Reihe. Doch das hat seinen Grund. Im Turm der Blätzle gilt: In der Fastenzeit darf kein Narrenlied erklingen – auch nichts, was dem ähnelt.
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