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Quietschgrün in die Moderne: Der radikale Wandel bei der Elefanten AG

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Das Haus zur Sonne in der Hussenstraße atmet Tradition: Knarzende Treppen führen zum „Elefante-Stüble“. Es ist das Zimmer der Narrengruppe Elefanten AG, welches das ganze Jahr für Aktionen geöffnet ist. Auf der Theke steht ein Steinkrug mit Trauben und ein Schild mit dem schwarz-weißen QR-Code. „Kein Cash in der Täsch?“ Kein Problem. Der QR-Code ermöglicht das kontaktlose Zahlen mit dem Mobiltelefon. So viel Moderne in einer Traditions-Stube? Präsident Jan Scheidsteger sagt, die Kursumkehr sei die Rettung der Elefanten gewesen.

Die Geschichte der Elefanten-Actien- und Faschingsgesellschaft zu Konstanz ist groß. 1880 wurde die Narrengruppe als erster Konstanzer Karnevalsverein gegründet, ihre Bälle hatten bis zu 1500 Besucher, weit über 1000 kamen zu den Narrenkonzerten. Von den Elefanten, die über 2000 Mitglieder hatten, kommen Fasnachtsgrößen wie Karl Steuer und Helmut Faßnacht. Doch die Mitglieder wurden alt, die Aktivitäten schliefen ein, der Nachwuchs fehlte. 2017 hielt kaum mehr einer den Rüssel hoch. Es waren drei oder vier Mitglieder, sagt der heutige Präsident Jan Scheidsteger.

Genau zu diesem Zeitpunkt schloss er sich den Elefanten an. Warum? Er kannte den damaligen Präsidenten Marcus Linn. Dieser war der Meinung: Der Verein darf nicht sterben. Aus einer Bierlaune sei die Idee entstanden, dass Scheidsteger seine beruflichen Fertigkeiten in der Konzept- und Strategieentwicklung auf die Elefanten anwendet. Bezug zur Narrengruppe hatte er damals nicht. „Ich bin Litzelstetter. Ich war als Kind Kuckuck.“ Später habe er sich freien Gruppen angeschlossen und durch einen vorübergehenden Wegzug musste die Fasnacht erst einmal ruhen.

Heute fragt er, was die Elefanten brauchen, um als Verein für Mitglieder interessant zu werden. Offenbar mit Erfolg. „Mittlerweile haben uns die Leute auf dem Schirm.“ Die Zahl der Mitglieder wuchs auf 31, Tendenz steigend. Für den Präsidenten gilt: „146 Jahre Geschichte behandeln wir mit hohem Respekt.“ Der Verein müsse aber in die heutige Zeit passen.

Neuer Auftritt haucht wieder Leben ein

Dazu gehört ein neuer Auftritt. Im neuen Logo ergänzt ein stilisierter Elefantenkopf das Konstanz-Wappen. Das Motto: „Natural born Mäschgerle“. Auf der Internetseite ist quietschgrün die Leitfarbe. So getönt ist auch die Leitfigur, der faltige Po eines Elefanten und sein Ohr. Darüber steht „Frech, frei und wunderbar“. Die Gruppe hat auch die „Sendung mit dem Elefanten“ eingeführt, ein augenzwinkerndes Video, auf das Behörden oder andere Protagonisten antworten können. Es widmete sich etwa dem C-Konzept und dem Verkehrsfluss. „Wir suchen ein Thema, das unter den Fingern brennt.“ Die Elefanten führten auch die mobile Bütt ein, mit der sie durch die Gassen rollen.

Außerdem wurde das „Elefante-Stüble“ für die Allgemeinheit geöffnet. In diesem tagten früher vor allem die Elferräte. Jetzt wird der Raum das ganze Jahr über für Vorträge und Veranstaltungen genutzt, wie kürzlich beim Projekt Zukunftsmusik der Philharmonie. Unter den alten Bildern vom närrischen Treiben der Elefanten hängt die neue Konstanzer Erklärung für eine Kultur der Vielfalt und gegen Diskriminierung. Die Elefanten haben diese Selbstverpflichtung unterschrieben. Sie wollten diese leben, sagt der Präsident.

Hierarchische Strukturen gibt es hier nicht

So präsentiert sich im Juni im Stüble bei einer öffentlichen Veranstaltung die Konstanzer Initiative Nachtlicht, die sich mit Awareness beschäftigt, also mit dem bewussten und respektvollen Verhalten untereinander. Dieses drückt sich auch im alten Narrenmotto aus: „Allen wohl, niemand weh“. Bei der kommenden Jahreshauptversammlung werde vermutlich die erste Rätin der Elefanten gewählt, sagt Scheidsteger. Ob Mann oder Frau, „wir unterscheiden nicht.“ Moderne Ansätze wie Barrierefreiheit sind auch bei anderen Konstanzer Fasnachtsvereinen ein Thema. Sie setzen sich etwa dafür ein, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mitfeiern können.

Scheidsteger spricht nur ungern allein: „Elefanten ist etwas, das man gemeinsam macht. Bei uns gibt es keine hierarchischen Strukturen mehr.“ Nicht der Elferrat bestimme, was im Verein geschehe, sondern die Mitglieder. „Wir sind Dienstleister für den Verein.“ Habe einer eine Idee, die der Mehrheit gefalle, werde diese umgesetzt, egal, wie aktiv das vorschlagende Mitglied sei.

Narrengesellschaft ohne Häs

Die Elefanten haben kein Häs, in das sie während der närrischen Tage schlüpfen können. Sie müssen sich also immer neu überlegen, wie sie sich verkleiden. In der Regel hat dies Bezug zu einem aktuellen Thema. So gingen die Elefanten schon als Geister der Vergangenheit, um an all den Veranstaltungen zu gedenken, die wegen der ausufernden Vorschriften nicht mehr möglich sind, oder als Häusergeister, die in den Villen umherirren, die trotz Wohnungsnot in Konstanz leer stehen.

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