Was ist eigentlich los hier, in diesem Land?
„Dieses Theaterstück ist unsere Frage an euch“, erklärt Micha Messermann dem Publikum. „Wir erzählen hier die Geschichte unserer realen Erlebnisse und Gefühle.“ Der Mann mit dem markanten Haarschnitt in Form einer Bürste reißt sofort alle mit. Es wird auf die Oberschenkel getrommelt – one, two, three, action! Das Theater kann beginnen:
Ein Kriegsversehrter stützt sich auf die Frau neben ihm, während drei Frauen das traurige Lied von Lili Marlen singen. Die Frau neben dem Soldaten ist seine Tochter, hier Hedy genannt, der er seinen Rucksack überreicht. Beladen mit seinen Erinnerungen an den Krieg. „Nie wieder, nie wieder!“, schreit er ins Publikum. So belastet, packt Hedy das ganze Elend der heutigen Welt dazu und kann die Last kaum tragen.
Das Thema ist Feiern in Krisenzeiten
Als sie von Biggi zum 60. Geburtstag eingeladen wird, könnte der Kontrast nicht größer sein. „Du siehst aus, als hättest du das Leid der Welt auf den Schultern“, sagt diese zur Begrüßung ihrer Freundin. „Es ist alles wieder da“, erwidert Hedy. Sie mache sich Sorgen um ihre Enkel und um alles, was plattgemacht werden soll.
Doch Biggi hat anderes im Sinn. Den Sonnenschein, die Vorfreude auf die Geburtstagsparty und den Champagner, den es heute im Sonderangebot gibt. „Komm, wir gehen shoppen.“ Ein lesbisches Pärchen schlendert herein. Eine von ihnen hält sich ihren gerundeten Bauch. „Ja, schämt ihr euch nicht“, schleudert der Darsteller Kevin ihnen entgegen. „Zwei Weiber zusammen und eine ist auch noch schwanger. Das ist ekelhaft!“ Er spuckt vor ihnen aus.
Hedy ist dadurch ganz am Ende. Biggi versteht aber nicht, dass sie das so aufregt: „Versau mir ja nicht meine Geburtstagsparty“, gibt sie der Freundin mit auf den Weg. Und Hedy ruft ins Publikum: „Ich begreife es nicht!“
Der brasilianische Theaterregisseur Augusto Boal, Begründer des „Theaters der Unterdrückten“, hat mit dem Forumtheater in den 1960er Jahren eine Methode entwickelt, mit der alle Beteiligten in einem gemeinsamen Prozess spielend zur Konfliktlösung beitragen. Entstanden sind die hier aufgeführten Szenen in einem einwöchigen Theaterkurs in einem Prozess des gemeinschaftlichen Ausprobierens. Da Forumtheater Interaktion mit dem Publikum ist, kann es sich nach jeder Aufführung verändern. Im Rahmen der Theatertage am See ist das Forumtheater der Omas gegen rechts am Samstag, 28. März, um 11.30 Uhr und 15.15 Uhr zu sehen.
Es braucht ein paar Minuten, um das Gesehene zu begreifen, bevor es vom Zuschauer erfasst wird, das, was das Forumtheater so besonders macht. Wie könnten sich die geschilderten Szenen aber auch anders entwickeln?
Zuschauerin greift ein
Eine Dame aus dem Publikum ist befremdet von der Passivität der Supermarktkunden, als das Frauenpaar homophob angegangen wird. Sie möchte Paroli bieten und betritt die virtuelle Bühne des Probenraums in der Zeppelin Universität. Messermann lässt die Szene wiederholen. „Warum gehen Sie auf die Frauen los?“, fragt die Frau aus dem Publikum Kevin. Dieser kontert: „Was haben Sie sich überhaupt einzumischen? Meine Oma hätte sich geschämt!“ Die Antwort der Teilnehmerin ist schlagfertig, was das Publikum mit Lachen belohnt. Sie antwortet: „Meine Oma hätte sich für Sie auch geschämt!“, dann geht sie zurück ins Publikum. Dort bekommt die Frau für ihr Einschreiten zwar Zustimmung, gleichzeitig wird festgestellt, dass Zivilcourage selten geworden ist.
Ein Zuschauer will nur feiern
Ein Mann aus dem Publikum möchte zur Geburtstagsparty gehen, Biggi diese aber ein wenig „versauen“. Messermann lässt Partystimmung machen. Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ wird vom Publikum zum Besten gegeben. Der Partysprenger ist zwar dafür, das Leben zu feiern, konfrontiert aber Biggi mit ihrer Oberflächlichkeit: „Auch ich will, dass man Spaß hat, aber auch darüber nachdenkt, wo es keinen Spaß mehr macht.“
Die Party-Szene scheint das Publikum am meisten zu triggern. Ein Mann schlägt Hedy eine Therapie vor, um mit den vererbten Kriegserinnerungen und der Last der gegenwärtigen Krisen leichter umzugehen.
Er geht auf die Bühne, er will eine Party feiern. Er will Helene Fischer hören und nicht irgendeinen „Scheiß“. Eine Frau aus dem Publikum übernimmt Hedys Rolle und redet an ihrer Stelle Klartext: „Ich werde nicht kommen, ich finde es unmöglich, in der heutigen Zeit zu feiern. Hörst du keine Nachrichten? Woanders sterben die Menschen!“ Der Partyfan ist anderer Meinung. Darüber könne man übermorgen auch noch nachdenken. „Heute ist Champagner im Sonderangebot, du Spaßbremse!“ Einen überraschenden Lösungsansatz bringt eine weitere Zuschauerin ins Spiel. Nach der Einladung Biggis und ihrer Aufforderung an Hedy, die Party nicht zu verderben, humpelt sie mit dem schweren Lebensrucksack davon, packt ihn mit den Händen und schleudert ihn mit einem lauten Schrei ins Publikum.
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