menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Innehalten in Washington? Das Chaos hat zu viele Nutznießer

20 0
26.04.2026

Die Schüsse von Washington als Chance auf Versöhnung? Das Chaos hat zu viele Nutznießer - ein Kommentar

Innehalten in Washington? Das Chaos hat zu viele Nutznießer

Auf die Schüsse beim Galadinner mit Donald Trump folgen eine US-Hauptstadt unter Schock - und versöhnliche Gesten des Präsidenten. Kommen die USA doch noch zur Vernunft? Die Chancen stehen leider schlecht.

Gewalt hat keinen Platz in der Demokratie, hat Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Reaktion auf den Anschlagsversuch auf das US-Korrespondenten-Dinner in Washington geschrieben.

Erstmals in dessen langer, schillernder Geschichte hatte Donald Trump als Präsident teilgenommen – schon deshalb geht er davon aus, dass die Schüsse ihm gelten sollten. Möglich ist das, auch wenn zunächst unklar blieb, weshalb der bislang als Einzeltäter identifizierte Informatiker aus Kalifornien den Saal schwer bewaffnet zu stürmen versuchte.

Der Schock in den USA ist erneut groß, wie bereits nach dem Attentat auf Trump im Wahlkampf. Wieder scheint die unversöhnliche, teils hasserfüllte Stimmung in der US-Politik in Gewalt gegipfelt zu sein. Wieder endet eine demokratische Tradition in Tumult und Entsetzen.

Gerade weil zugleich jede Orientierung im Iran-Krieg und im Kampf gegen die Wirtschaftskrise fehlt, wirkt das Ganze, als rutsche Trumps Amerika immer tiefer ins Chaos.

Gala-Dinner endet in Chaos: Trump entgeht offenbar erneut einem Attentat

Bei einem der glamourösesten Abende des politischen Washington fallen plötzlich Schüsse vor dem Festsaal. Donald Trump wird in Sicherheit gebracht, ein 31-Jähriger festgenommen. Stunden später tritt der Präsident im Smoking vor die Presse – und schlägt einen ungewohnten Ton an. Unser US-Korrespondent berichtet.

Nun könnte der Schock über die Schüsse auf die Herzkammer der US-Demokratie – wenn man das vergnügliche Beisammen von Politik und Presse so überhöhen will – ein Moment des Innehaltens sein. Es könnten Hadern, Grübeln und Besinnung folgen.

Solche Gelegenheiten erleben die USA immer wieder, zuletzt nach der Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk und den tödlichen Schüssen auf zwei Trump-Gegner durch Einwanderungsbeamte. Und tatsächlich äußerte sich Trump am Sonntag versöhnlich: „Wir müssen unsere Differenzen friedlich beilegen“, appellierte er an alle Amerikaner.

Der Chaos-Abend in Bildern

Leider stehen die Chancen schlecht, dass es dieses Mal anders kommt als nach den Schüssen auf Kirk und in Minneapolis. Das beginnt schon damit, dass Trump selbst sich nie lange so verhält. Seit seiner Wiederwahl treiben ihn Rache, Machtrausch und Gier - ohne Rücksicht auf Verluste. Er selbst hatte Kirks Witwe widersprochen, als sie dem Täter vergeben wollte.

Rechtliche Vorgaben ignoriert er ebenso wie die Gewaltenteilung. Politische Gegner respektiert er nicht, sondern versucht, das Wahlsystem anzugreifen. Und gegen Demonstranten und Migranten ist ihm jedes Mittel recht: Gewalt auf den Straßen ist eingepreist.

Chaos ist Trumps Mittel der Wahl

So hat Friedrich Merz zwar recht damit, dass Gewalt nicht zur Demokratie gehört. Leider gehören die Mittel des Krawallfernsehens zum Kern von Trumps Politik: immer neuer Trubel, immer neue Aufregung, immer neuer Streit - wenn man so eigene Ziele durchsetzen oder von Fehlern ablenken kann.

Auch weite Teile des amerikanischen Medienbetriebs, aber mehr noch die Betreiber der sozialen Plattformen und anderer Online-Dienste profitieren von der Daueraufregung, die aus dem Schüren politischer Unversöhnlichkeit entsteht. Wichtige Player der US-Politik und -Wirtschaft haben gar kein Interesse mehr an Kompromissen und einvernehmlichen Lösungen. Insofern birgt es reichlich Ironie, dass Friedrich Merz seinen Appell an die Vernunft auf der Plattform von Elon Musk gepostet hat.

Journalist Helge Fuhst war bei Dinner mit Trump: „Fühlte sich an wie eine Ewigkeit“

Secret Service: Angreifer beim ersten Kontakt gestoppt

Das Korrespondenten-Dinner: Ein Galaabend mit mehr als hundertjähriger Tradition

Donald Trumps Politik hat nie auf konstruktives Regieren gezielt, sondern stets darauf, das Versagen der bekannten Institutionen herbeizureden und auszuschlachten. Das Chaos und die Angst vor noch mehr Chaos sind seine Mittel der Wahl, um Anhänger zu mobilisieren. Dass dazu auch Lügen, Beleidigungen und im Zweifel auch Chaos und Gewalt gehören, steht jeder Hoffnung auf die dringend nötige Deeskalation in der amerikanischen Politik leider im Weg.


© Solinger Tageblatt