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„Kiss All the Time. Disco, Occasionally“: Neues Album – Harry Styles infiziert die Welt mit guter Laune

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06.03.2026

„Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ Neues Album – Harry Styles infiziert die Welt mit guter Laune

Meinung | Düsseldorf · Zwölf Popsongs wie Seifenblasen: Der freundlichste Popstar der Welt veröffentlicht das erste neue Album seit vier Jahren. Wie gut ist es?

Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden

Harry Styles bei den Brit Awards.

Das Album klingt nicht so sensationell, wie man gehofft und erwartet hatte, doch das ist egal. Es hat trotzdem eine ganz wunderbare Wirkung, es liefert den Soundtrack zum seelischen Sonnenaufgang. In seiner unspektakulären Gutgelauntheit umhüllt es den Hörer wie eine schillernde Seifenblase, in der man 43 Minuten lang mit Seitenaufprallschutz durch einen aggressiv grauen Alltag diffundiert.

Nun ist also endlich „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ da, das neue Werk von Harry Styles, dem derzeit nicht nur größten, sondern auch freundlichsten Solo-Performer in der Champions League des Pop. Er ist ein zeitgenössisches Beispiel für die steinalte Showbiz-Regel „It’s the singer, not the song“. Der 32-Jährige darf als eine Art König Midas gelten — mit leicht anderer Akzentuierung: Es wird nicht alles zu Gold, was er berührt, aber alle strahlen, wenn er auftaucht.

Die Art Sonnenstrahl, die nicht blendet

Deshalb hatte man sich so auf diese Platte gefreut: bisschen Sunshine, bitte. Und das bietet sie tatsächlich. Diese Art von Sonnenstrahl, der am Urlaubsmorgen durch die Pinienwälder in Frankreich stößt und nicht blendet, sondern in den Augen kitzelt. Styles singt irgendwie gar nicht, er flüsterschmeichelt eher. Als liege er bestrumpfsockt auf der Seite und schaue versonnen. Er hört sich an wie jemand, der die Schuhe ausgezogen hat.

Die Songs sind im besten Sinne gleichförmig und unaufgeregt arrangiert. Es gibt kein „As It Was“ und kein „Watermelon Sugar“, keinen Knüller also. Aber Styles hat das Aroma seiner Superhits in kleinen Dosen auf alle zwölf Stücke verteilt. Im besten Fall entsteht dabei eine Kostbarkeit wie „Pop“. Man hört lächelnd und mit halb geschlossenen Lidern zu und fühlt sich, wie es in „Carla’s Song“ heißt, als habe man auf einem Schokoriegel geschlafen.

„Als Mann, als Künstler und als Läufer“

Womöglich versteht die Idee hinter dem ersten Styles-Album seit vier Jahren nur, wer die umwerfende Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe von „Runner’s World“ gelesen hat. Im tollsten Stück Popjournalismus seit Monaten bringt das US-Sportmagazin Styles und den Schriftsteller Haruki Murakami miteinander ins Gespräch. Beide laufen ja Marathon, der Japaner schrieb ein Buch darüber, und die erste Frage von Styles ist gleich mal fantastisch: „Ich frage mich, ob Sie mir vielleicht einen Rat mit auf den Weg geben könnten: als Mann, als Künstler und als Läufer?“

Murakami antwortet wie eine Figur aus seinen Romanen. „Eine der wichtigen Aufgaben des Menschen ist es, den Widerspruch anzunehmen.“ Und weil es so schön ist, muss man komplett zitieren: „Wenn es etwas Schmutziges in dir gibt, kannst du es nicht einfach so präsentieren, wie es ist. Sublimiere die Widersprüche in dir zu Kunst.“

Jedenfalls berichtet Styles, er habe nach seiner enormen Welttournee erstmal Pause in Italien und Berlin gemacht und die Clubkultur für sich entdeckt. Und die habe viel gemeinsam mit dem Marathonlaufen. Also habe er — stark paraphrasiert — ein Album produzieren wollen, das wie eine Begleitung zum Laufen funktioniere: gleichmäßig, ohne Ausbrüche, stetig und repetitiv.


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