Tote und Verletzte im Nahostkonflikt: Im Iran-Krieg werden Zivilisten zur Randnotiz
Tote und Verletzte im Nahostkonflikt Im Iran-Krieg werden Zivilisten zur Randnotiz
Meinung | Berlin · Eineinhalb Wochen nach Beginn des Iran-Krieges steigt die Zahl der Toten und Vertriebenen. Zugleich zeigen sich Gefahren dieser neuen Zeit: In beschleunigten, datengetriebenen Kriegen droht der Blick auf Zivilisten zur Nebensache zu werden.
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Beirut: Eine Frau geht nach einem israelischen Raketenangriff auf eine Wohnung im Herzen Beiruts, bei dem vier Menschen getötet wurden, an zerstörten Autos vorbei.
Der Iran-Krieg hat schon Folgen, die weltweit spürbar sind – am deutlichsten beim Ölpreis. Während die Wirtschaft und geopolitische Interessen im Vordergrund stehen, drohen die Schwächsten zur Randnotiz zu werden: jene Menschen, die mit den Kämpfen nichts zu tun haben – und doch am meisten betroffen sind.
Seit die USA und Israel den Iran angegriffen haben, steigt die Zahl der Toten, Verletzten und Vertriebenen. Teheran und Verbündete antworten mit Drohnen und Raketen. Viele Angaben sind noch nicht unabhängig überprüfbar. Allein im Iran ist inzwischen von mehr als tausend Toten die Rede.
Besonders verheerend war der Angriff auf eine Mädchenschule im Süden des Landes, bei dem deutlich mehr als hundert Menschen starben. Es gibt Hinweise, dass die USA verantwortlich sein könnten – auch weil die Nachrichtenagentur AP ein Video zum Ort überprüft und die Expertengruppe Bellingcat die Munition als Tomahawk-Marschflugkörper identifiziert hat.
Verantwortung verschwimmt, wenn nicht genau hingeschaut wird
Den Libanon trifft es ebenfalls hart: Im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah wurden schon etwa 500 Menschen getötet, fast 700.000 Menschen vertrieben. In Israel starben zwölf Menschen bei iranischen Angriffen. Im Irak waren es ebenfalls etwa ein Dutzend. Von den Golfstaaten traf es besonders die Vereinigten Arabischen Emirate: Drohnen und Raketen trafen Flughäfen und Hotels, sechs Menschen wurden getötet.
Zugleich zeigt dieser Krieg ein weiteres Problem, das seit Jahren wächst und über den Nahen Osten hinausreicht: Verantwortung verschwimmt, wenn nicht genau hingeschaut wird. Die Recherche zur Mädchenschule im Iran ist eine Ausnahme. Doch in einer Zeit vieler eskalierender Konflikte, wo eine Nachricht die nächste jagt, wird das Leid von Zivilisten leicht zur Meldung unter vielen. Dabei soll das humanitäre Völkerrecht genau hier ansetzen: Zivilisten schützen, Leid begrenzen. Wenn aber nicht nach jedem einzelnen Angriff konsequent aufgeklärt wird, wer die Verantwortung für rechtswidriges Handeln trägt, bleiben am Ende die Konsequenzen aus.
Diese Verantwortungslücke kann durch KI-Einsatz bei der Identifizierung von Angriffszielen weiterwachsen. Der Streit zwischen Donald Trump und dem Unternehmen Anthropic zeigt, dass die Frage längst mehr als Science-Fiction ist: Das Start-up weigert sich, Schutzmaßnahmen gegen den Einsatz seiner KI für autonome Waffen zu entfernen. Zugleich soll die Technologie schon bei den Militäroperationen im Iran eine Rolle gespielt haben. Wenn also der zuständige Mensch unter Zeitdruck nur noch „Ja“ klickt, wird künftig die Frage noch schwieriger zu beantworten sein: Wer ist verantwortlich, wenn Zivilisten sterben?
