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Kaputte Rolltreppen und Aufzüge: Wenn die Verkehrswende auf dem Weg zum Gleis scheitert

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Kaputte Rolltreppen und Aufzüge Wenn die Verkehrswende auf dem Weg zum Gleis scheitert

Meinung | Berlin · In der Spritpreiskrise wirbt die Politik fürs Deutschlandticket – doch an Bahnhöfen stehen immer wieder Rolltreppen still. Für Senioren und Eltern mit Kinderwagen wird der Weg zum Gleis zum Hindernisparcours. Was jetzt nötig ist.

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Fahrgäste tragen ihre Koffer am Berliner Hauptbahnhof über die Treppe, weil mehrere Rolltreppen kaputt sind. Foto: Britta Pedersen/dpa/Britta Pedersen

Wenn die Spritpreise steigen, verweist die Politik gerne auf Alternativen zum Auto. Das Deutschlandticket etwa, für das Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) zuletzt wieder geworben hat. Doch das hilft wenig, wenn am Bahnhof ausgerechnet die letzten Meter zum Gleis zur unüberwindbaren Hürde werden – weil Rolltreppen stillstehen. In den vergangenen Monaten hat das Rolltreppen-Chaos am Berliner Hauptbahnhof ebenso wie an Verkehrsknotenpunkten in Nordrhein-Westfalen oder Hessen wiederholt Schlagzeilen gemacht. Die Reparatur dauert manchmal sogar Wochen. Und wer ausweichen will, steht oft vor dem nächsten Problem: Aufzüge sind häufig langsam, verschmutzt, ebenfalls außer Betrieb – oder gar nicht erst vorhanden.

Gerade in einer alternden Gesellschaft gilt: Wenn sich daran nichts ändert, wird nicht nur die beschworene Mobilitätswende zur Farce. Für ein Land, das einst für erstklassige Technik, für Qualität und Fortschritt bekannt war, ist es schlicht peinlich, wenn noch nicht einmal eine seit hundert Jahren bewährte Alltagstechnik zuverlässig funktioniert. Die erste Rolltreppe Deutschlands wurde schon am 11. Juli 1925 in einem Kölner Kaufhaus in Betrieb genommen.

Über Unpünktlichkeit, Zugausfälle, defekte Toiletten und Sicherheitsprobleme wird inzwischen viel diskutiert. Der Bahnhof als Hindernisparcours bleibt dagegen oft ein Randthema. Dabei sind Millionen Menschen von solchen Barrieren betroffen – neben Menschen mit Behinderung viele Seniorinnen und Senioren mit Rollator ebenso wie Eltern mit Kinderwagen.

Der Sozialverband VdK veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Umfrage, wonach 63 Prozent der Befragten sich in Sachen Barrierefreiheit politisch schlecht vertreten fühlten. Die größten Hürden sahen dabei über 40 Prozent im Bereich Mobilität. Die Ursachen sind seit Langem bekannt: marode Infrastruktur, lange und bürokratische Wartungsprozesse, fehlende Ersatzteile und Personalmangel bei Fachkräften wie Mechatronikern. Es ist längst überfällig, dass die Politik reagiert.

Die Chance dafür bieten die neuen Schulden des milliardenschweren „Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität“. Es wäre wünschenswert, dass ein Teil davon für eine funktionierende Mobilität und den Abbau der Barrieren verwendet wird. Das wäre auch eine Investition in die Zukunft: Denn wer die Verkehrswende fördern will, muss die Menschen überzeugen, dass sie auf dem Weg von A nach B nicht stecken bleiben. Und das ist weder ein Luxusproblem noch eine Frage des Komforts – sondern eine Frage von Teilhabe, Würde und Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates.


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