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Geld und Leben: Scheindebatten über Mehrarbeit führen nicht aus der Krise

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16.03.2026

Geld und Leben Scheindebatten über Mehrarbeit führen nicht aus der Krise

Kolumne | Mannheim · Wenn alle mehr arbeiten, geht’s schon wieder aufwärts? Diese Parole der Bundesregierung geht an den tatsächlichen Problemen vorbei.

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Ist Mehrarbeit - etwa in der Autoindustrie - die Lösung?

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise. In der Industrie werden Arbeitsplätze abgebaut, und die Lebenshaltungskosten sind schneller gestiegen als die Löhne und Gehälter der Erwerbstätigen. Viele Menschen fragen sich, wie wir dieser Dauerkrise entkommen können.

Bundeskanzler Merz und Wirtschaftsministerin Reiche haben darauf eine vermeintlich einfache Antwort: Die Deutschen müssen mehr arbeiten. Wenn nur alle kräftig „in die Hände spucken“, so die Botschaft, werde die Wirtschaft schon wieder in Schwung kommen.

Die vom Bundeskanzler angestoßene Debatte über die Arbeitszeit ist jedoch eine Scheindebatte, die an den tatsächlichen Problemen vorbeigeht. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen ist in den vergangenen Jahren nicht gefallen, sondern sogar leicht gestiegen. Zwar gibt es langfristig einen Rückgang der Arbeitszeit je Beschäftigten, doch ist dieser Trend zu großen Teilen darauf zurückzuführen, dass mehr Frauen mit Kindern in den Arbeitsmarkt eingetreten sind und überwiegend in Teilzeit arbeiten.

Unbestreitbar gibt es in Deutschland erhebliche strukturelle Probleme, die dringend angegangen werden müssen. An erster Stelle stehen dabei die hohen Energiekosten. Deutschland hat die höchsten Strompreise in der EU, und die Netzentgelte für Haushalte liegen hierzulande fast doppelt so hoch wie in Frankreich oder Spanien. Warum ist es in Deutschland so viel teurer, Strom von A nach B zu transportieren? Eine grundlegende Strukturreform im Energiesektor ist überfällig.

Solche Reformen würden die Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen senken, zugleich aber die Gewinne großer Energieversorger wie E.ON. sowie von Private-Equity-Investoren wie BlackRock schmälern. Leider hat die zuständige Bundesministerin Reiche hier bislang keinen erkennbaren Reformeifer gezeigt. Das ist enttäuschend, denn ohne eine spürbare Senkung der Energiepreise wird es keine nachhaltige wirtschaftliche Erholung in Deutschland geben – auch nicht, wenn wir alle noch so kräftig in die Hände spucken.

Unser Autor ist Professor für Makroökonomik an der Universität Mannheim und Mitglied der Mindestlohnkommission. Er wechselt sich hier mit der Ökonomin Ulrike Neyer, dem Wettbewerbsökonomen Justus Haucap und dem Energieökonomen Manuel Frondel ab.


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