Fall Collien Fernandes: Die Scham muss die Seite wechseln
Fall Collien Fernandes Die Scham muss die Seite wechseln
Meinung | Düsseldorf · In einem Gastbeitrag für unsere Redaktion schreibt Mona Neubaur, stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin und Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie, zum Fall Collien Fernandes.
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Collien Fernandes beim Deutschen Fernsehpreis 2022 in Köln.
Collien Fernandes ist eine mutige Frau. Ihr Schritt an die Öffentlichkeit ist ein starkes Signal für viele andere Frauen, die schweigen, weil sie Angst davor haben, was mit denen passiert, die reden.
„Die Scham muss die Seite wechseln“, hat Gisèle Pelicot gesagt. Nicht die Opfer tragen sie, sondern die Täter. Und das Umfeld, das wegschaut. Da macht es Hoffnung, dass die Solidarität mit Collien Fernandes gerade überwiegt.
Dennoch: Mal wieder lese ich in den Kommentarspalten die Frage, ob wir ihr wirklich glauben könnten. Ob sie den durchlebten Horror richtig beschreibe. Ob der Zeitpunkt passe, die Öffentlichkeit, die Lautstärke. Und einmal mehr macht der Fall erst so richtig die Runde, als bekannt wird, dass Collien Fernandes nun Anzeige gegen ihren prominenten Ehemann erstattet, nicht mehr nur gegen Unbekannt. Als würde das an der Brutalität des Erlebten irgendetwas ändern.
Die Scham muss die Seite wechseln. Wenn wir ehrlich sind, hat sie das noch nicht zur Genüge. Collien Fernandes weigert sich, das zu akzeptieren. Das verdient Dank und Respekt. Meinen Dank und Respekt jedenfalls hat sie.
Respekt, der ernst gemeint ist, darf hier aber nicht enden. Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet. Berichte über digitale Gewalt nehmen zu. Immer häufiger kommt dabei künstliche Intelligenz zum Einsatz, Deepfakes sind längst kein Nischenthema mehr. Gesetzgeberisch gehen wir aktuell noch nicht voran, sondern rennen hinterher.
Nordrhein-Westfalen hat deshalb in den vergangenen Jahren gehandelt. Auf unsere Initiative hin hat der Bundesrat beschlossen, den Schutz vor häuslicher Gewalt zu stärken: Gerichte und Polizei sollen künftig schneller eingreifen können, Schutzanordnungen wirksamer durchgesetzt werden. Gemeinsam mit Niedersachsen haben wir die Initiative zur Strafbarkeit von Voyeuraufnahmen und heimlichen Bildaufnahmen angestoßen. Und wir setzen uns dafür ein, Femizide als eigenes Mordmerkmal im Strafrecht zu verankern. Wer eine Frau aus Besitzdenken, Kontrollanspruch oder Frauenhass tötet, handelt aus besonders niedrigen Beweggründen. Das muss sich im Gesetz klar widerspiegeln.
Das ist nicht nichts. Aber es reicht nicht. Das gilt insbesondere für den digitalen Raum.
Digitale Gewalt ist reale Gewalt. Wer ein gefälschtes, sexualisiertes Bild einer Frau ins Netz stellt, zerstört Würde und Sicherheit – oft mit denselben Folgen wie physische Gewalt. Strafrecht muss das abbilden. Wir wollen deshalb das Sexualstrafrecht dahingehend reformieren, dass digitale und physische Gewalt gleichgestellt werden. Immer noch klaffen erhebliche Strafbarkeitslücken im Bereich von Deepfakes, die wir schließen wollen. Und wir brauchen spezialisierte Gerichte für (analoge wie digitale) sexuelle Gewalt, wie es sie in anderen Ländern bereits gibt. In Spanien etwa, wo Collien Fernandes nun klagt. Frauen, die Anzeige erstatten, verdienen auch in Deutschland ein System, das entsprechend geschult ist und ihnen nicht erst einmal das Gefühl gibt, selbst auf der Anklagebank zu sitzen.
Unschuldsvermutung ja, aber sie gilt für beide Seiten.
Was dieser Moment politisch von uns, auch von mir persönlich einfordert, ist keine Betroffenheitsgeste. Es ist Klarheit – und Gesetze, die schützen. Nordrhein-Westfalen wird sich dafür einsetzen.
Denn: Collien Fernandes ist eine mutige Frau. Aber sie sollte nicht mutig sein müssen. Sie hat ihren Teil getan. Jetzt sind wir dran.
