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Neue Flügelkämpfe: Özdemirs Wahlsieg freut nicht alle Grünen

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09.03.2026

Neue Flügelkämpfe Özdemirs Wahlsieg freut nicht alle Grünen

Meinung | Berlin · Cem Özdemir hat die Wahl in Baden-Württemberg dank eines konsequenten Mitte-Kurses und scharfer Abgrenzung von den Bundes-Grünen gewonnen. Für Geschlossenheit zu sorgen, wird für die Parteiführung jetzt eine noch schwierigere Aufgabe.

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Wahlsieger Cem Özdemir (links) und der noch amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bei der Wahlparty in Stuttgart.

In dieser Nacht nach der Wahl mussten Cem Özdemir und die Grünen noch lange zittern: Am Ende retteten sie ihren Vorsprung mit der hauchdünnen Mehrheit von 0,5 Prozentpunkten vor der CDU aber ins Ziel. Nach einer fulminanten Aufholjagd kann Özdemir den einzigen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann beerben. Der 60-jährige „anatolische Schwabe“ wird der erste Regierungschef mit Migrationshintergrund sein. Bei einem Bevölkerungsanteil der Menschen mit ausländischen Wurzeln von 30 Prozent ist das überfällig – wobei der heimatverbundene Özdemir schwäbischer wirkt als manche Landsleute.

Özdemir hat mit einem konsequenten Mitte-Kurs überzeugt. Vom Linksruck der Bundespartei nach dem Ende der Ampelkoalition in Berlin hat er sich maximal abgesetzt. Auf seinen Plakaten vermied er das Parteilogo. Erst das Land, dann die Partei, lautete sein Credo. Wie Kretschmann, der das Industrieland Baden-Württemberg seit 2011 regierte, gibt sich der frühere Bundeslandwirtschaftsminister und Ex-Grünen-Chef maximal pragmatisch. Das Verbrenner-Aus sei bis 2035 schlicht nicht zu erreichen, weil die E-Mobilität nicht schnell genug aufwachse, sagt er – und stellt sich damit gegen den Kurs der Grünen im Bund. In der Migrationspolitik unterstützt er Asylverfahren an den EU-Grenzen – und ist damit auf CDU-Kurs statt auf dem seiner Partei.

Für die Grünen ist das ein schwer auszuhaltender Spagat. Grüne-Jugend-Chef Luis Bobga kritisierte den eigenen Wahlsieger sofort nach Schließung der Wahllokale scharf und warf Özdemir vor, keine grüne Politik zu machen. Dass sich die Nachwuchsorganisation über diesen Sieg nicht einmal freuen kann, ist ein Alarmsignal für die Parteiführung: Den Laden zusammenzuhalten, war ihre Aufgabe nicht nur vor dieser Wahl, sondern wird es vor allem danach sein.


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