«Ein Blatt Papier, das so tut, als würde es einen Menschen erklären»
«Ein Blatt Papier, das so tut, als würde es einen Menschen erklären»
Die verdienten Schulferien sind endlich da. Zuvor gibt's für Kinder und Eltern den alljährlichen Zeugnis-Stress. Kolumnist Lee Aspinall mit einer kritischen Einordnung.
Ich in meinem Garten, als mir bewusst wurde, es sind bald Schulferien. Man merkt das nicht am Wetter. Sondern an den Kindern, die mit überfüllten Schulsäcken und zerknitterten Zeichnungen durch das Quartier ziehen. Glücklich, als hätten sie gerade den Friedensnobelpreis gewonnen. Oder komplett durch, als hätte das System sie aussortiert.
Gestern stand ein Nachbarsjunge vor mir. Das Zeugnis fest umklammert, als wäre es ein amtliches Urteil aus einem deutschsprachigen Paralleluniversum. Dieser Blick. Nur Kinder können ihn. Stolz, Angst und die Hoffnung, dass Erwachsene bitte nur die guten Zahlen sehen und den Rest emotional korrekt entsorgen. «Lueg mal.» Ein paar Fünfer. Ein paar Vierer. Kein Drama. Kein Triumph. Einfach ein Blatt Papier, das so tut, als würde es einen Menschen erklären.
Himmel oder Hölle? Vor den Schulferien gibt es noch das Zeugnis.
Und trotzdem kippt plötzlich alles. Abendessen werden zu Krisensitzungen mit passiv-aggressivem Unterton. Noten zu Identität. Eine Fünf wird gefeiert wie ein Karriere-Boost, eine Vier diskutiert wie ein persönlicher Systemabsturz mit........
