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Union: Wer im Glashaus sitzt ...

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20.02.2026

Allzu oft machen es sich rhetorisch versierte Politiker*innen leicht und nutzen allerlei demagogische Tricks, um ein ansonsten sinnvolles Argument zu entkräften. Sie greifen dabei nicht das Argument an, sondern etwa dessen vermeintliche Unnatürlichkeit, Unsittlichkeit oder einfach die Person, die das Argument äußert.

Gelegentlich kommt man jedoch nicht umhin, über ein prinzipiell richtiges Argument hinwegzublicken und auf die kolossale Doppelmoral des Rhetors zu starren, der es vorträgt.

So auch im Falle der neuesten Aussagen des Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU). Angesichts der Berichte über Vetternwirtschaft in der Alternative für Deutschland erklärte er: »Ich würde uns eine gesetzliche Regelung gerne ersparen. Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs werden wir aber möglicherweise nicht darum herumkommen.« Und weiter: Die AfD sei »geprägt von einer tief verankerten Filz- und Vetternwirtschaft«.

Ok. Die prinzipielle Kritik ist richtig. Doch das Motiv hinter dem Vorstoß des Kanzlers ist so transparent wie das Glashaus, in dem die Union sitzt. In der Hoffnung, der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zu schaden, hat die Union plötzlich ihre Abneigung gegenüber Korruption entdeckt – dabei gibt es kaum eine andere Partei in Deutschland, die dermaßen in Korruptionsfälle verwickelt war, wie sie selbst.

Die Liste einschlägiger Korruptions-Affären ist lang – zu lang. Daher hier nur ein kleiner Ausschnitt: In der »Maskenaffäre« kassierten der CDU-Abgeordnete Nikolas Löbel und der CSU-Politiker Georg Nüßlein hohe Provisionen für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken. Der Fall Philipp Amthor zeigte, wie eng Mandat und Lobbyinteressen verzahnt sein können – inklusive Aktienoptionen. In der sogenannten Aserbaidschan-Affäre geriet der CDU-Politiker Axel Fischer ins Visier der Ermittler, weil er im Interesse eines anderen Landes abstimmte. Schon bei Altkanzler Helmut Kohl gab es die schwarzen Kassen samt saftigen Spendenskandal.

Bei der Schamlosigkeit, mit der Merz erklärt, dass die AfD eben auch keine Saubermänner-Partei sei, stockt einem der Atem. Er hat nur noch vergessen zu sagen: »Sie sind eben doch korrupt – genau wie wir!« Gelegentlich wird ein richtiges Argument durch den Vortragenden eben doch kontaminiert.


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