Urlaub vor der Wahl
Es ist ein Elend mit der Kommentiererei. Da hat man endlich mal einen Groß-Anlass und dann ist die Sache so eindeutig, dass man gar nicht drüber schreiben kann, ohne die Leute zu langweilen. Trump und Netanjahu führen schließlich gerade einen Angriffskrieg, der auch dann völkerrechtswidrig bleibt, wenn einige der Opfer noch größere Schurken als die Angreifer sind. Was den einen ihr »Präventivschlag«, ist den anderen ihre »militärische Spezialoperation« – ab jetzt boykottieren wir deshalb Energielieferungen aus den USA, das haben wir bei Putins Gas auch so gemacht.
Thema durch, auf die Landtagswahlen in meinem Bundesland hat der Flächenbrand im Nahen Osten sowieso keine Auswirkungen. Wäre doch lächerlich, wenn man plötzlich anfinge, über Krieg, Frieden und ähnlichen Kleinkram zu reden. Wir haben hier Wichtigeres zu besprechen. Um Landespolitik geht es auch nicht, die hat im Wahlkampf bisher noch gar keine Rolle gespielt. Wie denn auch, wo es doch um Altmänner-Gelaber und die Leberwurst geht. Für Außerschwäbische: CDU-Kandidat Manuel Hagel hat Junge-Union-Sachen gemacht und über eine damals 16-Jährige und deren »rehbraune Augen« schwadroniert. Acht Jahre später, ein paar Tage vor der Wahl, hat nun die Grünen-Politikerin Zoë Maier das Video veröffentlicht, das sie sicher erst kurz vorher selbst erhalten hat. Sie hätte es selbstverständlich auch publik gemacht, wenn es nicht Hagel, sondern ihren Parteifreund Cem Özdemir zeigen würde. Über den lässt sich derweil im Wahlkampf nur sagen, dass er sein Bild auf Plakate druckt und »Cem« oder »Er kann es« drüberschreibt.
Grün-Wählern reicht das an Substanz, nur SPD-Kandidat Andreas Stoch moniert kleinkariert, Özdemir wisse selbst nicht, wofür er stehe. Nützen wird Stoch das nichts, denn bei einem Wahlkampftermin in Bühl fuhr sein Fahrer nach Frankreich (beginnt 15 Kilometer hinter Bühl) und fragte den Chef, ob er ihm etwas mitbringen solle. Worauf der eine Scheibe »pâté de campagne« orderte, eine Leberwurstterrine zu zwei Euro. Dieser dekadente Verrat an der Arbeiterklasse wird die SPD noch mal zwei Prozentpunkte ihrer Stimmen kosten.
Christoph Ruf ist freier Autor und
beobachtet hier politische und sportliche Begebenheiten.
Auch deshalb ist im Südwesten derzeit das einzige Thema, ob Özdemir noch an Hagel vorbeizieht oder nicht. Objektiv ist das reichlich egal. Denn zum einen könnten die beiden selbst nicht länger als zehn Sekunden erzählen, was sie inhaltlich unterscheidet. Und zum anderen bleibt – sollten FDP und SPD nicht noch massiv zulegen – eh nur grün-schwarz als künftige Regierungsoption. Oder schwarz-grün. Dann wäre Hagel Minischderbräsident. Der mag ein typisches Geschöpf der schwäbischen CDU-Provinz (zwei Worte für ein Phänomen) sein. Es gibt Landstriche (und Parteien), da sprach schon die Generation von Hagels Großeltern anders über Frauen. Doch offenbar hat er – das passiert solchen Männern logischerweise häufiger – eine deutlich modernere Frau geheiratet.
Die habe ihm »damals direkt den Kopf gewaschen«, sagt Hagel nun. Woraufhin Amelie Volmer, eine der drei Spitzenkandidatinnen der Linken, ihn zurecht gefragt hat, warum dann nicht seine Frau in den Landtag gehe. Und damit zurück zur Politik. Ach, nee, stimmt, die hat ja Urlaub.
