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Atomwaffen: Massenmord per Knopfdruck

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19.02.2026

»Der Irre mit der Bombe«, »Kim bedroht den Westen mit Atomraketen«, »Nordkorea – Milliarden für Raketen, während die Menschen hungern«. So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen, als der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un der Welt klarmachte, dass er sein Land atomar bewaffnen werde. Der Grund: Kim sieht sein Land bedroht – vor allem durch Südkorea und die USA. Für ihn und seine Dynastie ist die Bombe eine Lebensversicherung: Ein Szenario wie in Venezuela, wo die USA kurzerhand Präsident Nicolás Maduro entführt haben und nun die Geschicke des Landes diktieren wollen, ist dann nicht möglich.

Ein ähnliches Lagebild meinen politisch Verantwortliche in Europa zu erkennen. Der Bösewicht hier: Russland, das seit rund vier Jahren einen erbarmungslosen Angriffskrieg in der Ukraine führt, bedroht nach westlicher Lesart nun nicht nur Kiew, sondern auch Warschau, Berlin und Helsinki. Ob da was dran ist, sei dahingestellt. Folgt man aber dieser Logik, dann versteht man, warum in der EU gnadenlos aufgerüstet wird. In der Bundesrepublik beispielsweise mit Hilfe des 100 Milliarden Euro schweren »Sondervermögens« für die Bundeswehr.

Das aber scheint nicht zu reichen. Jetzt sollen in Europa mehr eigene Atomraketen her. Die Begründung: Der atomare Schutzschirm der USA ist seit der zweiten Legislatur von Präsident Donald Trump nicht mehr verlässlich. Zudem reichten die Arsenale der Franzosen (knapp 300 Atomsprengköpfe) und Großbritanniens (etwas mehr als 200) nicht aus, um Russland abzuschrecken. Moskau verfügt nämlich über rund 5500 atomare Sprengköpfe. Das ist nach Adam Riese mehr als zehn Mal so viel wie in Europa.

Christian Klemm arbeitet seit 2007 beim »nd«. Er ist Leiter des Online-Ressorts nd.aktuell.

Sind von den rund 500 französischen und britischen Atomsprengköpfen auch nur die Hälfte einsatzbereit, könnte man schon jetzt einen erheblichen Teil des russischen Territoriums unbewohnbar machen. Wenn Moskau auf den roten Knopf drücken würde, bliebe von Europa auch nicht mehr als eine Wüstenlandschaft übrig. Mehr gegenseitige Abschreckung ist schon jetzt nicht nötig.

Nötig dagegen ist eine Ächtung von Atomwaffen. Denn diese sind die Krönung menschlichen Vernichtungsfantasie: Auf einen Schlag verbrennen tausende Menschen im atomaren Höllenfeuer. Dafür braucht es nicht mal mehr eine »Enola Gay«, die am 6. August 1945 über Hiroshima die Luke aufgemacht und die erste im Krieg eingesetzte Atombombe (»Little Boy«) abgeworfen hat. Atomwaffen sind heute nichts anderes als Massenmord per Knopfdruck.

Zum Thema: »Einen kleinen Atomkrieg gibt es nicht« – Inga Blum zu den Debatten über nukleare Abschreckung auf der Münchner Sicherheitskonferenz

Die Debatte über mehr Atomwaffen für Europa fällt aus Sicht der Befürworter in eine günstige Zeit: Am 5. Februar ist mit »New Start« der letzte große Abrüstungsvertrag zwischen den USA und Russland ausgelaufen. Einem neuen Wettrüsten der beiden Staaten sind also keine Grenzen gesetzt. Da will man in Brüssel nur ungern Zaungast sein, schließlich hat man dort eigene Großmachtambitionen. Und da kommt man sich selbst im Westen mitunter in die Quere, Stichwort: Grönland.

Die EU ist in der Konsequenz ebenso kurzsichtig wie der »Irre aus Pjöngjang«. Denn die beste Absicherung gegen eine Kriegseskalation ist Abrüstung und Vertrauen. Beides gibt es nur durch Annäherung – und nicht durch Konfrontation.


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