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Warum lernen wir nicht von deutschen Heiligen?

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08.02.2025


Es mag verwundern, wenn ausgerechnet ein Migrant, ein Neudeutscher noch dazu Muslim die Frage aufwirft, warum wir von deutschen Heiligen etwas lernen sollten. Immerhin hat meine Wenigkeit die gesamte Schulausbildung bis hin zum Doktortitel in Deutschland absolviert, zudem in einer Zeit, in der Studenten nicht nur zu Fachidioten erzogen worden sind, sondern ein gewisses Maß an Universalwissen durchaus gelehrt wurde. Dennoch habe ich bisher sehr wenig von deutschen Heiligen gelernt. Auf die Idee zu diesem Artikel hat mich unter anderem ein Freund gebracht, der unter dem Titel „Warum Deutschland seine Geschichte nicht aufarbeitet“ bereits einen sehr ausführlichen Blick hinter Kulissen geworfen hat, die den Meisten Menschen verborgen sind [1]. Möglicherweise werden viele seine Darstellungen als „Verschwörungstheorie“ verwerfen, aber es schadet doch nicht, auch einmal eine Verschwörungstheorie zu studieren, ist doch die Menschheitsgeschichte seit Kains Mord durchzogen von Verschwörungen.



Will man sich über einschlägige Medien auf die Suche nach deutschen Heiligen begeben, und wollte man die deutsche Geschichte in 24 Stunden aufteilen, so erhält man den Eindruck, als wenn der Zweite Weltkrieg und die damit zusammenhängenden Verwerfungen der Verfolgung von Juden und anderen gute 23 Stunden ausmachen, und der gesamte Rest der deutschen Geschichte nur eine Stunde sei. Weder erfahren wir ernsthaft die Hintergründe des Ersten Weltkrieges noch über das Leben und die Berufe der Juden, ihren Lebensstil und ihre Religionsausübung, bevor sie in Deutschland verfolgt worden sind. Dass der geistige Vater des Zionismus einen urdeutschen Namen trägt, wird auch nur selten erwähnt. Nicht einmal den Zusammenhang der weltweit größten Komponisten aller Zeiten, die allesamt Deutsche waren, mit der Französischen Revolution [2] wird ernsthaft thematisiert.

Im Vergleich zum Iran, das ja auch ein indogermanisches Volk mit einer dem Deutschen ähnlichen Sprache ist, ist mir als Vielreisender noch etwas aufgefallen, was mich als Neudeutschen traurig macht. In Deutschland ist nichts, aber auch gar nichts mehr heilig! Kann es sein, dass ein Volk auch dadurch entwurzelt wird, indem man es aller seiner Heiligkeiten beraubt?

Im Iran liegt in fast jedem Dorf ein „Imamzade“ [3]. Ein Imamzade ist ein Nachkomme der für Schiiten heiligen Zwölf Imame [4]. In größeren Städten gibt es Dutzende davon. Wohlgemerkt, ein Imamzade ist „nur“ ein Nachkomme, also, Sohn, Tochter, Enkel oder sogar Urenkel eines der Zwölf Imame. Von den wirklich heiligen Zwölf Imamen liegt nur ein einziger im Iran, weshalb die Großstadt Maschhad [5] die heiligste Stadt im Iran ist. Die zweitheiligste Stadt ist Qum [6]. Dort liegt die Schwester des heiligen Imams. Drittheiligste Stadt ist Schiraz [7]. Dort liegen gleich mehrere direkte Verwandte des besagten Imams wie zwei Brüder. Und so gibt es wohl ca. 10.000 Imamzades im Iran. Die genaue Zahl kennt niemand. Imamzades sind aber nicht nur Gräber, in denen der Besucher oder Pilger mit dem Verstorbenen spricht. Es handelt sich auch um sehr ruhige und viel Heiligkeit ausstrahlende Orte, in denen die Seele beruhigt wird und neue Hoffnung und Mut fassen kann. Viele Iraner gehen nicht nur bei Problemen in das nächstgelegene Imamzade sondern z.B. auch vor der Arbeit oder danach, vor........

© Neue Rheinische Zeitung