«Du bist aber nicht vegan, oder?»
«Du bist aber nicht vegan, oder?»
Ein Schüler der Kantonsschule Sursee spricht über Reaktanz und Veganismus.
Ich bin Vegetarier. Kaum habe ich diesen Satz in den Mund genommen, kommen die Rechtfertigungen: «Ich esse auch nur wenig Fleisch.» «Ich könnte das nie.» «Ist das nicht ungesund?» Man spürt die kleinen Einwände, das leichte Unbehagen, das schnelle Überlegen, wie man selbst im Vergleich dasteht. Und dann folgt meistens die Frage, die das Ganze nochmals unterstreicht: «Du bist aber nicht vegan, oder?»
Solche Reaktionen sind kein Einzelfall, sondern ein verbreitetes Muster im Umgang mit allem, was vom Gewohnten abweicht. Genauer gesagt ist diese Abwehrhaltung ein psychologisches Phänomen: die Reaktanz. Sie tritt auf, wenn man das Gefühl hat, die eigene Freiheit könnte eingeschränkt werden – selbst wenn diese Bedrohung nur eingebildet ist. Plötzlich geht man in Abwehrhaltung. Plötzlich kommen Gegenargumente. Plötzlich verteidigt man sich.
Ich schade mit meinem Vegetarier sein niemandem. Schliesslich entscheide ich, was auf meinem Teller liegt – ohne zu moralisieren. Zudem hat das Vegetarisch sein auch positive Seiten: Man ist zum Beispiel für einen kleineren CO₂-Ausstoss verantwortlich – still, freiwillig, ohne erhobenen Zeigefinger. Dies wäre eher ein Grund für Anerkennung, nicht für Abwehr. Doch Anerkennung fällt uns meist schwerer als Abwehr.
Besonders stark spürt man die Reaktanz beim Thema Veganismus. Viele Menschen kennen niemanden mit dieser Ernährungsweise – sie ist abstrakt, fremd, weshalb viele abgeneigt sind und sie als radikal empfinden. Genau da setzt auch der Titelsatz dieser Kolumne an. Er verrät insgeheim die Meinung der fragenden Person: nämlich, dass das wirklich Andere doch bitte noch auf Abstand bleiben soll.
Am Ende geht es nicht darum, ob Fleisch oder Gemüse auf dem Teller liegt. Es geht um Haltung. Es geht darum, ob man sich direkt angegriffen fühlt oder ob man die Dinge einfach so stehenlassen kann – und ob man über seinen eigenen Tellerrand hinausschauen kann.
Dominic Elmiger ist 17 Jahre alt und Schüler an der Kantonsschule Sursee. In der U20-Kolumne äussern sich jeweils alle zwei Wochen Lernende von Kantonsschulen zu einem frei gewählten Thema. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.
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