Rezension: „Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen“ von Lukas Meisner
Die System- als Gretchenfrage des Politischen: Ausgehend von der Flucht seiner Eltern aus der DDR blickt Lukas Meisner kritisch auf den Fall der Mauer und die Krisen unserer Zeit – mit einem Text, der zwischen Literatur und Theorie stehend für einen sozialistischen Realismus im 21. Jahrhundert argumentiert.
Mit „Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen“, das 2025 im mandelbaum verlag erschienen ist, hat Lukas Meisner ein Buch geschrieben, das sich der Aufgabe verschrieben hat, „unsere Gegenwart aus dem Zerrbild der eigenen Vergangenheit zu befreien und so eine Zukunft freizulegen, zu deren Gestaltung wir alle auf Erden sind“ (S. 12)1. Dazu zeichnet er einerseits die Geschichte der Flucht der eigenen Eltern nach, die kurz vor dem Mauerfall – im Sommer 1989 und damit wenige Jahre vor der Geburt des Autors – aus der DDR in die BRD flüchteten. Eine Flucht – und hierin liegt eine weitere Ebene des Textes begründet, die sich schon im Titel ankündigt –, die zugleich mit einem Fluch einhergeht, insofern „er keinen Ausweg übrig gelassen hat“ (S. 15): „Denn am Ende des Flüchtens meiner Eltern gab es keinen Ort mehr, nirgends, der sich als Ziel noch hätte anbieten können. Das Exil war zu einem permanenten zusammengezurrt und damit verinnerlicht worden: Gerade diese Permanenz spiegelt den ‚Westen‘ als das wider, wohinein einst geflüchtet wurde und wovor heute zu flüchten wäre. Die Flucht von gestern jedoch hat die Fluchtrouten von heute verstellt: Das System ist ein Weltsystem und das Kapital herrscht allerorten (in letzter Instanz)“ (S. 20). Der Westen, das ist die Sintflut, die dritte wichtige Komponente des Titels. Meisner spricht daher auch vom „Fluch der Flucht in die Flut“ (u.a. S. 21). Nun ist Fluch(t) keineswegs eine Autobiographie, wenngleich der Text autobiographische Elemente aufweist. Er ist auch nicht als das deutsche Pendant zu den autofiktionalen, autoethnographischen beziehungsweise soziologisch introspektiven Schriften von Autor:innen wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis zu verstehen, sondern versucht, einen Schritt weiterzugehen, das heißt „von der Autofiktion zum sozialistischen Realismus, vom Geschichtenerzählen zur Rekonstruktion von Gegengeschichte“ (S. 10). Und so ist es folglich nur konsequent, den eigenen Text von den Grenzen literarischer Genres, die der Autor als „Scheuklappen“ (S. 17) versteht, zu befreien und die Fluchtgeschichte der eigenen Eltern sowie das eigene Aufwachsen nach dem Mauerfall mit marxistischer Gegenwartsdiagnostik und Debatten für einen (neuen) sozialistischen Realismus im 21. Jahrhundert zu verbinden. Grundgedanke dabei ist, dass „Literatur und Theorie […] sich nicht mehr trennen [können], ohne sich je selbst zu verlieren. Sie sind, wie so vieles, nur dialektisch zu haben“ (S. 18). Flucht vom Osten in den Westen, das sollte klar sein, meint weniger die Bewegung anhand von Himmelsrichtungen, sondern verläuft vielmehr anhand der Teilung „durch die Gräben der Systemfrage“ (S. 10), weshalb das Buch „die System- als Gretchenfrage des Politischen […] in seinem Herzen“ (S. 11) hat. Der Kontext von Ost und West wird weiterhin zum Ausgangspunkt des Verstehens wesentlicher Geschehnisse, die unsere Gegenwart prägen: „Dieser Fokus ist kein Provinzialismus. Er ergibt sich aus der Tatsache, dass die Faschisierung unserer Zeit nicht ohne Neoliberalismus erklärbar ist, während sich 50 Jahre Neoliberalismus nicht analysieren lassen unter Absehung von 150 Jahren Antikommunismus“ (S. 11). Weiterhin könne kein Antifaschismus es sich leisten, „die letzten 35 Jahre antikommunistischer Siegeshymne unter dem […] Decknamen Ende der Geschichte auszusparen“ (S. 11). Ob der Begriff der Faschisierung tatsächlich ein geeigneter ist, um den nationalen wie internationalen Rechtsruck zu beschreiben, ist an anderer Stelle noch zu klären; dennoch kommt dieser These, der sich das Buch mittels verschiedener Ansätze widmet, aktuell eine zentrale Bedeutung zu.
Die Flucht der Eltern begann im Sommer 1989: Von der DDR aus ging es über Ungarn, wo sie vorläufige bundesdeutsche Pässe erhielten (vgl. S. 27), nach dem Aufenthalt in einem Lager weiter nach Österreich und Bayern und schließlich nach Baden-Württemberg. Während Aufnahmebestätigung und neue Ausweise noch recht unkompliziert zu erhalten waren, begann anschließend „[d]ie Ohnmacht, […] ein erster Teufelskreis, der typisch bleibt für Fluchtgeschichten: Wie einen Job bekommen, wenn dieser verlangt, dass man eine Bankverbindung und einen Wohnsitz angeben könne; wie ein Konto eröffnen, wenn die Bank einen Nachweis von Einkommen und Adresse fordert; und wie eine Wohnung beziehen, wenn die Schufa nicht nach den Finanzen sehen kann, weil noch kein Lohn bezogen wird?“ (S. 28 f.). Die Mutter, zuvor im Buchhandel tätig, wurde, als sie schließlich Arbeit fand, „bis zur Rente mit einem Hungerlohn abgespeist“ (S. 29); eine Erfahrung, die paradigmatisch sein dürfte, denn „[v]on Anbeginn subventionierte die unterentwickelte DDR also realwirtschaftlich die überentwickelte BRD, nämlich in Form von qualifizierten Geflüchteten, ihrem Know-how und ihrer Arbeitskraft, was mit der Wende beschleunigt fortgesetzt wurde“ (S. 31). Hinzu kamen Mobbing und Chauvinismus: „Denn im Westen warteten nicht nur Armut, finanzielle Notlage und Existenzängste, kurzum alles, was es im Osten nicht gegeben hatte; vielmehr wurde einem mit Ressentiment, wenn nicht mit deutsch-deutschem Rassismus begegnet, gab es doch Hassreden gegen die ‚von drüben‘, die geballte Arroganz der Siegreichen und den ganzen hauseigenen Chauvinismus, für den der Westen schon immer steht und einsteht“ (S. 29 f.).
Entgegen der bürgerlichen Geschichtsschreibung sieht der Autor folglich im 3. Oktober, dem sogenannten Tag der deutschen Einheit, keinen Grund zum Feiern: „Was an diesem Tag beerdigt wurde, war die Systemalternative, die selbst dem Kapitalismus ein etwas menschlicheres Antlitz aufgezwungen hatte. Wirkliche Wiedervereinigung hätte die grundsätzliche System- und damit auch die Verfassungsfrage für beide Staaten, Regime, Systeme stellen müssen. Was stattdessen geschah, war unilateral verfügte Verödung, Brachlegung, Ausbluten des Ostens. […] Was hier von der Leine gelassen wurde, war die […] Treuhand als verlängerter Arm der ‚unsichtbaren Hand‘ des Marktes. Mit anderen Worten: Der politische Beitritt stellte sich als synonym zur profanen Ökonomie einer feindlichen Übernahme heraus“ (S. 56 f.). Der Analyse ist auf gewisse Weise zuzustimmen, sie müsste allerdings noch konkreter gefasst werden: Ein Großteil der deutschen Linken verweigerte, die demokratische Forderung nach der Wiedervereinigung zu erheben, und verteidigte daher die Mauer. Auch wenn dahinter nicht zwingend die Verteidigung der DDR-Bürokratie stand, hatte sie die Sorge vor einem Vierten Reichen beziehungsweise der Stärkung des deutschen Imperialismus. Andererseits gab es Sektoren, die die Wiedervereinigung als ausschließlich demokratische Frage betrachteten, ohne ihren sozialen Inhalt zu begreifen, was letztlich bedeutete, die vergesellschaftlichten Produktionsmittel in der DDR den Konzernen des Westens zum Fraß vorzuwerfen. Richtig wäre die Losung einer Wiedervereinigung auf sozialistischer Grundlage gewesen – das heißt damit die politische Revolution gegen die DDR-Bürokratie, während die sozialen Errungenschaften hätten bewahrt werden müssen. Man hätte es hier nicht mit einer Zauberformel zu tun gehabt, die........
