Zur Verteidigung des Übergangsprogramms
Warum Trotzkis Methode entscheidend ist, um heute ein sozialistisches Programm zu schaffen.
Dieser Artikel erschien erstmalig am 4. April 2021 auf Left Voice.
Der Sozialismus ist in den Vereinigten Staaten auf dem Vormarsch. Millionen von Menschen haben sich als Sozialist:innen bezeichnet. Zehntausende haben sich sozialistischen Organisationen angeschlossen. Aber wofür stehen Sozialist:innen? Diese Frage zu beantworten, ist der Sinn eines Programms. Ein Programm ist ein Dokument, in dem eine politische Bewegung ihre Ziele darlegt und erklärt, wie sie diese erreichen will.
Bei so vielen neuen Sozialist:nnen werden wir in den kommenden Jahren viele Programme sehen. Die Democratic Socialists of America zum Beispiel haben einen Entwurf eines Programms veröffentlicht, der auf ihrem Parteitag diskutiert werden soll. Wir von Left Voice haben 2020 auch ein paar kurze Aktionsprogramme produziert, und es werden nicht die letzten gewesen sein.
Aber wie wird ein sozialistisches Programm zusammengestellt? Sozialist:innen streiten darüber, seit es Sozialist:innen gibt. Dieser Artikel erklärt die oft missverstandene Übergangsmethode, die darauf abzielt, die Kluft zwischen den unmittelbaren Forderungen der Arbeiter:innenbewegung und dem Ziel des Sozialismus zu überbrücken.
Die ersten sozialistischen Massenparteien entstanden zwischen den 1860er und 1880er Jahren. Ihre Programme gliederten sich in zwei Teile: ein „Minimalprogramm“ (eine Liste von Forderungen, die in dem kapitalistischen System umgesetzt werden könnten) und ein „Maximalprogramm“ (die langfristigen Ziele der Partei, eine Beschreibung des Sozialismus). Diese Struktur wurde in das Programm der Parti Ouvrier aufgenommen, das 1880 von Jules Guesde und Karl Marx entworfen wurde, und erreichte ihre volle Form mit dem Erfurter Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) im Jahr 1891.
Diese Spaltung gehörte zu einer Epoche, in der der Kapitalismus wuchs und die Arbeiter:innenrevolution nicht auf der unmittelbaren Tagesordnung stand, als Europa nach der Niederlage der Pariser Kommune in eine Phase der Reaktion eintrat. Eine sozialistische Partei musste für eine Verbesserung des Lebens der Arbeiter:innen kämpfen, ohne den letztendlichen Kampf um die Macht der Arbeiter:innen aus den Augen zu verlieren. Doch als die Sozialdemokratie zu einer Massenkraft heranwuchs, wurde diese programmatische Spaltung Teil der täglichen Praxis der Parteien: Von Montag bis Samstag kämpften sie für wirtschaftliche und politische Reformen, um das Leben der arbeitenden Bevölkerung zu verbessern. Am Sonntag hielten sie Reden über die glorreiche sozialistische Zukunft.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Kapitalismus immer mehr Widersprüche angehäuft. Mit den wachsenden Spannungen zwischen den Großmächten begannen sich große Krisen am Horizont abzuzeichnen – einschließlich der Möglichkeit neuer proletarischer Unruhen.
Als die sozialistischen Parteien in diese neue Ära eintraten, hielten sie an ihren alten Programmen fest und unterschieden sich zwischen der „bewährten Taktik“, für kleine Reformen zu kämpfen, und der Veröffentlichung allgemeiner Propaganda darüber, wie das Leben im Sozialismus aussehen würde. Diese Aufteilung hatte zunehmend eine materielle Grundlage. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bauten die sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften große Bürokratien auf1. Dies war insbesondere in Deutschland der Fall, wo die SPD und die mit ihr verbundenen Gewerkschaften viele Tausend Beschäftigte hatten. Diese Bürokrat:innen genossen enorme Privilegien im Vergleich zu der Klasse, aus der sie hervorgegangen waren. Sie hatten kein Interesse daran, die bürgerliche Gesellschaft zu stürzen – ihre soziale Position beruhte auf der Vermittlung der Widersprüche zwischen Kapital und Arbeiter:innen.
Die Theoretiker:innen der Sozialdemokratie, von denen Karl Kautsky der Brillanteste war, versuchten, dieses schwierige Gleichgewicht zwischen der revolutionären Theorie der Partei und der reformistischen Praxis der Bürokratie aufrechtzuerhalten. Kautsky verteidigte die Revolution im Abstrakten, sah aber in der Revolution etwas, das vom Himmel fallen und die politische Macht in den Schoß der Partei legen würde, wie er 1909 schrieb:
Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre, nicht aber eine Revolutionen machende Partei. Wir wissen, dass unsere Ziele nur durch eine Revolution erreicht werden können, wir wissen aber auch, dass es ebensowenig in unserer Macht steht, diese Revolution zu machen, als in der unserer Gegner, sie zu verhindern. Es fällt uns daher auch gar nicht ein, eine Revolution anstiften oder vorbereiten zu wollen.
Kautskys Kritiker:innen, allen voran Rosa Luxemburg, bezeichneten diese Politik als „attentisme“ – abgeleitet vom französischen Wort für geduldiges Warten. Luxemburg hingegen rief zum Aktivismus auf: Eine sozialistische Partei sollte die Arbeiter:innenklasse systematisch auf die Revolution vorbereiten, sowohl durch Bildung als auch durch die Vernetzung und Radikalisierung von Kämpfen.
Das Minimal-Maximal-Programm wurde so zu nichts anderem als einer Entschuldigung für Passivität und Fatalismus. Als mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 die revolutionäre Krise ausbrach, offenbarten Kautsky und der größte Teil der SPD, dass sie in der Tat keinerlei Vorbereitungen für einen solchen „großen Tag“ getroffen hatten. So gelang es ihnen nicht, gegen den Krieg zu mobilisieren. Und als 1918 die Arbeiter:innen auf die Straße gingen und die Regierung stürzten, sah Kautsky keine andere Wahl, als sich der Konterrevolution anzuschließen.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zeigte zweifelsfrei, dass eine neue Ära begonnen hatte: eine Ära der „Krisen, Kriege und Revolutionen“. Von einer langsamen Häufung von Reformen und gelegentlichen Reden von einer Revolution, die in Jahrzehnten, wenn überhaupt, kommen könnte, konnte keine Rede mehr sein. Mit der Russischen Revolution von 1917 begann der Zyklus der proletarischen Revolutionen.
Die Russische Revolution wurde von der bolschewistischen Partei durchgeführt, die formal noch ein Programm von 1903 hatte – ein Dokument, das auf dem Minimal-Maximal-Schema basierte. Aber die Tatsache, dass sowohl die Menschewiki als auch die Bolschewiki, die in der Arbeiterrevolution von 1917 auf entgegengesetzten Seiten der Barrikaden standen, dasselbe Dokument verwendeten, zeigte, dass ein schriftliches Programm zwangsläufig den Ereignissen hinterherhinkt.
In Wirklichkeit war die bolschewistische Partei weit über ihr Programm von 1903 hinausgegangen. Sie kämpfte nicht für eine bürgerliche Republik in Russland, sondern für eine Arbeiter:innenrepublik auf der Grundlage von Sowjets oder Räten als Teil einer internationalen sozialistischen Revolution – und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern in diesem Moment.
Dieses neue Programm spiegelte sich in den Diskussionen in der neuen Kommunistischen Internationale wider, die 1919 von den Bolschewiki gegründet worden war. Anstatt für Reformen im Kapitalismus zu kämpfen und über Sozialismus zu sprechen, begann die Komintern nach Methoden zu suchen, um die täglichen Kämpfe der Arbeiter:innen mit revolutionären Zielen zu verbinden.
In der Komintern gab es Linke – viele von ihnen hatten sich erst kürzlich zur revolutionären Sache bekannt -, die erklärten, die proletarische Revolution mache jeden Kampf um Reformen überflüssig. Sie wollten ein Programm, das nichts anderes als den Kampf um die Macht enthielt – sie nannten dies die „Theorie der Offensive“. Weitsichtigere Führer:innen, darunter Lenin, Trotzki und Luxemburg, erkannten jedoch, dass die Kommunist:innen, um die Mehrheit der Arbeiter:innenklasse für ein Programm der sozialistischen Revolution zu gewinnen, zunächst ihre Kräfte in allen möglichen Teilkämpfen bündeln müssen. Die Einheitsfront war eine Taktik, die darauf abzielte, so viele Arbeiter:innen wie möglich um eine Reihe von dringenden Forderungen zu versammeln.
Wie also lassen sich die Kämpfe für Reformen mit dem nicht mehr allzu fernen Ziel verbinden, die politische Macht für die Arbeiter:innenklasse zu erobern? In den Tagen der Sozialdemokratie waren diese auf zwei im Wesentlichen getrennte Programme reduziert worden. Die Komintern begann, das Konzept der........
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