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Von Klassenzimmern zu Hörsälen: Welche Strategie im Kampf gegen den Militarismus?

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Von Klassenzimmern zu Hörsälen: Welche Strategie im Kampf gegen den Militarismus?

Die Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht stellt die Ambitionen des deutschen Imperialismus infrage. Wie kann sie gewinnen?

Seit der Ankündigung der teilweisen Reaktivierung der Wehrpflicht, die am 1. Januar in Kraft trat, kam es bundesweit bereits zu drei Schulstreiks, zuletzt am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. An allen drei Aktionstagen gingen jeweils zehntausende Schüler:innen während der regulären Schulzeit auf die Straße. Die Aktionen in etwa 150 Städten wurden größtenteils von Streikkomitees der Schüler:innen selbst organisiert. In den letzten Monaten wurden mehrere Schulstreikkonferenzen abgehalten, wie in Hamburg und in Göttingen, auf denen darüber diskutiert wird, wie Schüler:innen eigene Komitees aufbauen oder sich gegen kriegstreiberische Gegenargumente behaupten können. Doch schauen wir uns die Bewegung tiefer an. 

Eine Generation stellt sich gegen die Militarisierung 

Die Schüler:innen protestieren in erster Linie gegen die verpflichtenden Fragebögen für Männer zur Erfassung von Eignung und Motivation für die Bundeswehr, deren Nichtausfüllen mit einem Bußgeld von bis zu 1.000 Euro geahndet werden kann. Darüber hinaus richtet sich der Protest gegen die ab 2027 geplante verpflichtende Musterung. Doch zeigt sich in Gesprächen mit den Schüler:innen und ihren Redebeiträgen immer wieder, dass viele von ihnen nicht nur gegen die Wehrpflicht auf die Straße gehen. Denn sie stellen sich gegen die Kriege im Iran und der Ukraine, gegen den Genozid in Gaza sowie gegen die Komplizenschaft der Bundesregierung in all diesen Geschehnissen. Sie wehren sich dagegen, für einen Staat zukünftig zur Waffe greifen zu müssen, der ihnen nichts außer Krisen und Repression anzubieten hat, während die Politiker:innen fernab der lebensbedrohlichen Realität in Bundestag und Talkshows Kriegshetze betreiben. Es handelt sich hierbei um eine Bewegung, die in Europa trotz der überall vorangetriebenen Militarisierung und Aufrüstung – so spricht der französische Generalstabschef davon, sich wieder daran zu gewöhnen, die eigenen Kinder im Krieg zu verlieren – noch einzigartig ist. 

In den letzten Jahren sahen wir eine immer stärker hervortretende Militarisierung der Schulen. Erst im März wurde im Parlament über die Kooperationen zwischen Schulen und der Bundeswehr diskutiert. Ein Antrag der Linkspartei vom Herbst 2025 zeigt auf, wie stark sich die Bundeswehr mittlerweile in den Erziehungsauftrag der Schulen einmischt. In einigen Ländern verfügt die Bundeswehr über Kooperationsvereinbarungen mit Schulen, was ihr einen besonderen Zugang zu den Schüler:innen ermöglicht. In Bayern wurde 2024 sogar ein Gesetz zur Förderung der Bundeswehr verabschiedet, welches die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr für Schulen und Hochschulen verpflichtend macht. Thomas Röwekamp, der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, geht in seinen Forderungen sogar so weit, dass ein ganzes Pflichtfach rund um die Bundeswehr und ihren Aufgabenbereich eingeführt werden sollte. Darüber hinaus zeigt der Antrag, dass sich der Einsatz von Jugendoffizieren, die es bereits seit 1958 gibt, an den Schulen innerhalb der letzten fünf Jahre verdoppelt hat. Seit dem Jahr 2022 werden von diesen Schulbesuchen jährlich über 5.000 verzeichnet. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres liegt die Anzahl von solchen Schulbesuchen bei über 2000. In Hamburg wurde eine solche Kooperationsvereinbarung erst im April 2026 beschlossen, wonach zwei Jugendoffiziere dauerhaft im Einsatz sind. Diese in der Regel für Schüler:innen verpflichtenden Veranstaltungen sollen den Wehrdienst in der Bundeswehr und Kriegseinsätze spielerisch erfahrbar machen sowie Wissen über ‚Sicherheitspolitik‘ und Streitkräfte vermitteln. Wie viel Geld in dieses Werben zum Streben fließt, ist unklar. Auch Wehrdienstberater:innen bekommen Zugang zu den Schulen, wo sie direkt versuchen, den Nachwuchs an der Waffe zu rekrutieren. Damit verfügt das Bundesministerium der Verteidigung über einen Zugang zu Jugendlichen, der mit keinem anderen Bundesministerium vergleichbar ist.

Gleichzeitig setzt die Bundeswehr verstärkt auf Marketingstrategien, die gezielt junge Menschen ansprechen und unfassbar kostspielig sein müssen. Seit Jahren vermehrt sich die Werbung an Schulen, im öffentlichen Raum und im Netz sowie auf Social Media. In München führte diese massive Medienkampagne dazu, dass drei Tramfahrer:innen ihren Dienst verweigerten, weil sie auf ihren Fahrten keine Werbung fürs Sterben kutschieren wollten. Neben solchen Propagandamaßnahmen wird die Bundeswehr als Ausbildungsort auch aufgrund der im Vergleich zu anderen Bereichen deutlich höheren Entlohnung, beziehungsweise in diesem Fall Besoldung, für immer mehr junge Menschen attraktiv. Während sich die soziale Krise in der Bundesrepublik immer weiter zuspitzt, werden die Menschen durch genau diese Krise in die Arme der Bundeswehr getrieben. Denn wer kein Geld für Essen, Wohnen, Transport oder andere alltägliche Notwendigkeiten hat, steht unter Druck, für die eigene soziale Stabilität auch eine Waffe in die Hand zu nehmen. 

Es sind genau diese Zustände, gegen die sich die Schüler:innen stellen – und damit geraten sie ins Fadenkreuz des deutschen Staates. Dass dieser auf die Belange der Schüler:innen lediglich mit Repression reagiert, zeigt sich in den vergangenen Monaten immer deutlicher. Ein Präzedenzfall der Repression ist die Verurteilung eines ehemaligen Schülers im letzten Jahr, der nach dem Besuch eines Jugendoffiziers an seiner Schule wegen der Erstellung eines Memes zu 15 Stunden „gemeinnütziger Arbeit“ verurteilt wurde. Seitdem weitet sich die Repression immer weiter gegen die gesamte Bewegung aus. Nicht nur wurden Schulen verriegelt, damit die Schüler:innen ihr Schulgelände nicht verlassen können. In München wurden sie während ihres Streik sogar von der Polizei wieder dorthin gebracht, nachdem ihre Personalien für Schilder mit der Aufschrift „Merz stirb du doch selbst an der Front“ aufgenommen wurden. In Ingolstadt droht ein Rektor mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen Schüler:innen. In Berlin kam es auf den Demonstrationen im März und Mai zu mehrfachen Verhaftungen von Schüler:innen, unter anderem wegen Schildern mit der Aussage „Merz leck Eier“. Ein Slogan, der seither den Widerstand gegen die bürgerliche Kriegshetze und die Bundesregierung sowie die Solidarität mit den betroffenen Schüler:innen in der gesamten Bewegung ausdrückt. Vor wenigen Tagen haben Schüler:innen aus Kiel bekannt gemacht, dass sie auf der Straße vom Verfassungsschutz und in ihrem Schulpraktikum vom BKA mit Fragen angesprochen wurden. 

Wie sich erkennen lässt, baut der deutsche Staat immer mehr auf Elemente des Zwangs, um der angestrebten „Kriegstüchtigkeit“ näher zu kommen. Diesen Umbau spürt die breite Öffentlichkeit auch in der Einschränkung ihrer Reisefreiheit. Eine über einen längeren Zeitraum ausgesetzte, doch mit dem 1. Januar wieder in Kraft getretene Regelung untersagt es Männern im wehrfähigen Alter, längere Auslandsaufenthalte ohne Genehmigung der Bundeswehr anzutreten. Damit erweitert sich die Disziplinierung des deutschen Staates von den Schüler:innen auf einen großen Teil der Bevölkerung, denn wehrfähig gelten alle Männer von 18 bis 45 Jahren. 

Hierbei zeigt sich die Notwendigkeit, dass der Widerstand gegen die Wehrpflicht und die Militarisierung insgesamt nicht allein von den Schüler:innen getragen werden darf. Denn der Umbau zur „Kriegstüchtigkeit“ betrifft nicht nur die Orte, an denen Jugendliche diszipliniert und rekrutiert werden sollen, sondern hat größere gesellschaftliche Implikationen. So betrifft er ebenso die Universitäten, an denen geforscht, ausgebildet und ideologisch legitimiert wird. Gerade deshalb kommt auch den Studierenden eine zentrale Rolle im Kampf gegen den deutschen Militarismus zu. In den vergangenen Jahren standen sie wiederholt an vorderster Front politischer Auseinandersetzungen, zuletzt insbesondere in den Protesten gegen die Komplizenschaft deutscher Hochschulen und des deutschen Staates im Genozid in Gaza. 

Von Klassenzimmern zu Hörsälen   

Die vergangenen Jahre an den Universitäten sind geprägt von studentischen Protesten, die ein Ende des Genozids in Gaza, einen sofortigen Stopp von Waffenlieferungen sowie die Einhaltung beziehungsweise Einführung von Zivilklauseln – also die Selbstverpflichtung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Forschung und Lehre ausschließlich auf friedliche und zivile Zwecke auszurichten – an deutschen Hochschulen fordern. Denn ähnlich wie die Schulen, haben die Universitäten einen Nutzen für den Kriegskurs der Bundesregierung. Viele Hochschulen pflegen Kooperationen mit Rüstungsunternehmen oder der Militärforschung, ob sie eine Zivilklausel haben oder nicht. 

In Bayern hat die Landesregierung noch vor wenigen Wochen versucht, die Universitäten zu Kooperationen mit der Bundeswehr zu verpflichten. Dieser Versuch ist gescheitert, jedoch konnte durchgesetzt werden, dass institutionelle Zivilklauseln verboten werden. Ein beispielloser Schritt, der die Selbstbestimmung der Universitäten gegenüber dem Staat aushebeln soll. Das Fehlen solch einer Zivilklausel ermöglicht es beispielsweise, wie die Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt, dass an der erhöhten, aber auch umweltfreundlicheren Sprengkraft von Bomben und Sprengsätzen geforscht werden kann. Gleichzeitig bedeutet eine vorhandene Zivilklausel leider nicht, dass die Universität tatsächlich losgelöst von der Rüstungsindustrie und Militärforschung ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Universität Bremen, die als erste in Deutschland eine Zivilklausel im Jahr 1986 eingeführt hat. Bereits 2012 stand jedoch fest, dass die Universität Bremen mehrfach gegen die Zivilklausel verstoßen hat, mehrere hunderttausend Euro in die Militärforschung geflossen sind und eine ganze Professur von dem Rüstungskonzern OHB finanziert wurde. Seitdem ist die Infrastruktur der Rüstungskonzerne rund um das Universitätsgelände stetig gewachsen, ebenso wie die ökonomische Abhängigkeit von ihnen. Über „Dual Use“ – also Technologien mit ziviler und militärischer Nutzung – wird die Zivilklausel faktisch umgangen und diese Abhängigkeit weiter ausgebaut. Um solche Abhängigkeiten öffentlich einsehbar zu machen und schlussendlich aufzulösen, braucht es eine völlige Transparenz der Drittmittelfinanzierung  der Universitäten. Um zu verhindern, dass die Universitäten mit Rüstungskonzernen zusammenarbeiten, müssen die Kooperationen und die Finanzierung auch demokratisch verwaltet werden, gemeinsam von Studierenden und Beschäftigten. Wo es keine Zivilklausel gibt, muss diese erkämpft werden, wo sie besteht, braucht es eine demokratische Kontrolle ihrer Einhaltung.

Im Rahmen der Aufrüstung gibt es vielfältige Angriffe auf unsere Lebensgrundlage, unter anderem durch Kürzungen im Sozialen, der Gesundheit und der Bildung. An den Unis gibt es darüber hinaus noch weitere konkrete Angriffe, wie die massiven Erhöhungen der Semestergebühren. Während immer neue Kredite für die „Kriegstüchtigkeit“ beschlossen werden, stiegen die Semesterbeiträge an vielen Hochschulen mittlerweile auf über 400 Euro. Eine Summe, die Studierende in finanzielle Nöte bringt und sie  zum Abbruch ihres Studiums zwingen kann. Im Zuge solcher Erhöhungen haben Bremer Studierende die erste beschlussfähige Vollversammlung seit 20 Jahren abgehalten, die sich klar gegen die horrenden Preise positioniert hat. Kurz danach besetzten sie auch den zentral gelegenen Boulevard auf dem Universitätsgelände. In Berlin führte die Kürzungspolitik dazu, dass Studiengänge wie die Italianistik der Humboldt-Universität aufgegeben wurden. Es wurde sogar darüber diskutiert, ganze Hochschulen zu schließen. In Berlin bedeutet das konkret, dass 25.000 der 170.000 Studienplätze mittelfristig wegfallen sollen. 

Nicht nur die Konzerne fressen sich immer tiefer in die Universitäten hinein, sondern auch die Regierung versucht in den letzten Jahren vermehrt in die Hochschulautonomie einzugreifen und die Studierendenschaft und Wissenschaft zu disziplinieren. Im Zuge der Proteste der Studierenden gegen den Genozid in Gaza verabschiedete der Bundestag zwischen den Jahren 2024 und 2025 zwei Resolutionen zur Bekämpfung von Antisemitismus, die jedoch nur darauf abzielten, die Kritik am Genozid sowie an der deutschen Staatsraison mundtot zu machen. Auch wenn diese Resolutionen nicht bindend sind und die Hochschulrektorenkonferenz diesen kritisch gegenüber steht, sehen wir, wie enorm die Repression gegen die studentischen Proteste und die Solidarität mit Palästina vorangetrieben wurde. So kam es an der Freien Universität (FU) Berlin zu einem der brutalsten Polizeieinsätze in der Geschichte der Universität, als Studierende ein Protestcamp errichteten. Im ganzen Land, aber vor allem in Berlin wurden zahlreiche Studierende vor Gericht gezerrt. Dagegen wurde von den Studierenden eine Antirepressionskampagne ins Leben gerufen, die möglichst alle Betroffenen organisieren und unterstützen wollte. Jedoch reichten dem Berliner Senat Anzeigen nicht aus. Mit dem 2024 verabschiedeten neuen Berliner Hochschulgesetz wurden politisch motivierte Exmatrikulationen wieder möglich. Die Repression ging soweit, dass der Berliner Senat versuchte vier palästinasolidarische Aktivist:innen abzuschieben, drei EU-Bürger:innen und eine:n Student:in aus den USA. Alle vier waren wegen keinem Verbrechen verurteilt, wodurch der geplante Ausweisungsbeschluss offensichtlich illegal war. Im Falle der Student:in Cooper Longbottom hätte eine Abschiebung sowohl den Verlust der Heimat als auch die Beendigung des Masterstudiums an der Alice-Salomon-Hochschule bedeutet. 

Auch Beschäftigte der Universitäten und ihre gewerkschaftliche Organisierung wurden in den letzten Jahren vehement von den Universitätsleitungen bekämpft. Ein Beispiel dafür liefert die Freie Universität Berlin, wo gewerkschaftlich organisierte Beschäftigte Abmahnungen erteilt bekommen haben, weil sie die Prekarität und Tarifflucht durch das Präsidium als Nährboden für die extreme Rechte angeklagt haben. Die Abmahnungen wurden vor Gericht mehrfach als unrechtmäßig erklärt, was die FU dazu veranlasste, ihre Berufung fallen zu lassen. Gleichzeitig stellten sich über tausend Lehrende aus der ganzen Bundesrepublik gegen die massive polizeiliche Repression an den Berliner Hochschulen. Auch die GEW als eine der beiden großen Gewerkschaften an den Hochschulen stellte sich gegen die Änderung des Berliner Hochschulgesetzes, da sie diese als reine Bestrafung gegenüber der Studierendenschaft verurteilte. Wenn wir über den studentischen Protest an den Universitäten sprechen wollen, dann müssen wir dies stets in Verbindung zu den Lehrenden und anderen Beschäftigten der Hochschule betrachten. 

Die Militarisierung trifft Schüler:innen also nicht isoliert – sie ist Teil eines umfassenden Projekts der Kriegsvorbereitung, das die Schritte zur Wiedereinführung der Wehrpflicht, Aufrüstung mit Kürzungen im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich, einer ideologischen Offensive gegen Gegner:innen des Kriegskurses und einem wachsenden Autoritarismus verbindet. Ebenso wenig darf der Kampf gegen die Militarisierung isoliert bleiben, er muss sich auf andere Sektoren ausweiten. Die Universitäten waren Ort einer sich zeitweise aufbauenden Studierendenbewegung und Schauort von Kämpfen für ein freies Palästina, gegen die Verteuerung der Studienkosten und die erstarkende Repressionen. Doch lässt sich erkennen, dass die fortschrittliche Bewegung der Schulstreiks noch wenig Ausdruck und Anklang an den Universitäten bekommen hat, obwohl die Kämpfe gegen die Wehrpflicht mit den Kämpfen und Interessen........

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