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Morgen um diese Zeit

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Im Oktober 1962 gab es einen Tag, an dem unser Deutschlehrer sich nach dem Unterricht von uns mit einer kurzen Ansprache verabschiedete, die mit den Worten endete: »Morgen um diese Zeit sind wir vielleicht alle nicht mehr am Leben.« Irgendwo hatte er wahrscheinlich ein »meine Herren« eingebaut, denn wir waren in dem Alter, wo die Lehrer zum Siezen übergingen, und diejenigen, die den Krieg als Offiziere verbracht hatten, eben so sprachen. Er war in der Sowjetunion gewesen.

Es muss der 24. Oktober 1962 gewesen sein, ein Mittwoch. Wenige Stunden später begann eine vom US-Präsidenten John F. Kennedy angeordnete »Quarantäne«, eine Blockade Kubas durch Kriegsschiffe, nachdem die Sowjetunion Raketen auf der Insel stationiert hatte. Sowjetische Schiffe sollten gezwungen werden, sich innerhalb einer 500-Meilen-Zone einer »Inspektion« zu unterwerfen. Das widersprach eindeutig internationalem Recht. Bange Stunden, aber alle sowjetischen Schiffe drehten vor Erreichen des Sperrgürtels ab. In den folgenden Tagen und Wochen wurde eine Lösung nach dem uralten diplomatischen Prinzip »do ut des« (Ich gebe, damit du gibst) ausgehandelt.

In der Nacht zu Mittwoch läuft – falls Donald Trump nicht plötzlich ein neuer Zeitplan einfällt – wieder einmal ein Ultimatum ab, von dem sich nicht sagen lässt, was auf dem Spiel steht. Der US-Präsident hatte dem Iran am 21. März erstmals mit der ­Zerstörung seiner Energieanlagen gedroht, falls er sich nicht allen Forderungen unterwerfen würde. Es folgten mehrere neue Terminsetzungen und immer wildere Vernichtungsdrohungen, die der exzentrische Milliardär mit Märchen über angeblich vielversprechende gute Gespräche abwechseln ließ. Am Sonnabend setzte Trump eine angeblich wirklich allerletzte »Deadline« mit 48-Stunden-Frist. Andernfalls werde er »die Hölle auf sie niederregnen lassen«. Folgend konkretisierte er: »Dienstag, 20:00 Uhr Eastern Time!« Am Freitag hatte er auf seinem persönlichen Forum »Truth Social« unter Bezug auf die Zerstörung einer großen Brücke in der Islamischen Republik gedroht, »viel mehr« werde folgen. »Es ist Zeit für Iran, einen Deal zu machen, bevor es zu spät ist.«

Den USA ist das militärische Potential zuzutrauen, diesen Krieg noch monatelang fortzusetzen, das industrielle Potential zumal, ihre Kriegsgeräte zu erneuern, deren Zahl zu vergrößern, qualitativ zu verbessern, und die kriminelle Energie und der Überlegenheitswahn, die dafür erforderlich sind. Die Gefahr einer regionalen Ausweitung des Krieges ist real. Dass wir morgen vielleicht nicht mehr leben, ist – soweit es jedenfalls diesen Krieg angeht – für uns kaum zu befürchten. Aber für die Bevölkerung Irans ist das eine reale Gefahr. In einem gewissen Sinn, trotz aller Unterschiede, liegt darin etwas von der »tragischen Einsamkeit« Vietnams, die Che Guevara beklagte.


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