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Schoa-Erinnerung ohne Juden

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14.04.2026

14. April 2026 – 27. Nissan 5786

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Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

Mein verstorbener Mann liebte den Rhein. Wenn er in seiner Geburtsstadt Mainz lehrte, saßen wir an lauen Sommerabenden manchmal am Ufer und schauten aufs Wasser, beobachteten die Menschen, die auf den Passagierschiffen zu sehen waren, und wunderten uns über die schweren Frachtschiffe, die sich beharrlich wie Flusspferde durchs Wasser schoben. »Während der Kreuzzüge war der Rhein rot mit dem Blut der Juden«, sagte er einmal in die Stille hinein.

In den darauffolgenden Jahrhunderten starben Juden in Pogromen in England, Frankreich, Russland, und wo immer die Mehrheitsgesellschaft einen Grund herbeiphantasierte, eine winzige Minderheit auszubeuten, zu berauben und zu töten. Und dann kam die Schoa. Neben ihm überlebten sein Bruder und ein Cousin.

Für Leo Trepp war der industrialisierte Massenmord die Kulmination eines Judenhasses, dem die Juden allein nicht in der Lage waren, etwas entgegenzusetzen. Öffentlich sprach er über seine Erlebnisse auf beinahe analytische Weise. Seine Gefühle – der Schmerz und die Trauer – fanden erst in seinen letzten Wochen einen Weg. Wenn er aus Alpträumen erwachte und erzählte.

Was soll die Lehre aus der Schoa sein?

Wie kann man so etwas als Gesellschaft erinnern? Den Verlust einer Familie? Einer Kultur? Einer Welt? Der Holocaust gehöre zu den Erfahrungen, die einen zum Schweigen verdammten, sagte der israelische Autor Aharon Appelfeld einmal in einem Gespräch mit Philip Roth. »Jede Aussage, jede Feststellung, jede ‚Antwort‘ ist klein, ohne Bedeutung und manchmal lächerlich. Und selbst die beste Antwort scheint belanglos.« Vielleicht sollten wir heute fragen, worauf wir überhaupt eine Antwort wollen. Was sollen die Erfahrungen der Überlebenden uns lehren? Oder die Holocaustmuseen und zahlreiche andere Institutionen, die diese Erfahrungen vermitteln, indem sie an den Völkermord erinnern, und auf die wir uns, wenn auch die letzten Überlebenden nicht mehr da sein werden, ausschließlich verlassen müssen?

Was also soll die Lehre........

© Juedische Allgemeine