Götz Aly: „Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern“
25. August 2026 – 12. Elul 5786
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Götz Aly: »Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«
Der Historiker und Bestsellerautor über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots
Herr Aly, Ihr Buch »Wie konnte das geschehen?« ist ein großer Erfolg, 85.000 Exemplare wurden bereits verkauft. Wir erklären Sie sich das?Der Erfolg hat mich überrascht. Das Buch hat immerhin 750 Seiten und kostet 34 Euro. Mittlerweile wird es als Hörbuch vertrieben und derzeit in acht Sprachen übersetzt.
Sie widmen sich in dem Buch der Frage, warum so viele Deutsche in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt waren. Zu welchen Schlussfolgerungen sind Sie gelangt?Die zentrale Frage war, wie es möglich wurde, überwiegend mit normalen, bis heute gebräuchlichen politischen Mitteln die damaligen Deutschen teils zum Mitmachen zu bewegen, größerenteils aber dazu zu bringen, die offenkundigen Verbrechen passiv hinzunehmen oder gleichgültig wegzuschauen. Das letzte Drittel meines Buchs handelt davon, wie diese deutsche »Volksgemeinschaft« Schritt für Schritt zur »Verbrechensgemeinschaft« mutierte.
Wann setzte diese stufenweise Mutation ein?1933, zunächst aber fein dosiert. Man denke an Zehntausende willkürliche Verhaftungen und an einige Hundert gezielte Morde. Dann aber folgte eine Zeit relativer Ruhe. Sie endete mit Beginn des Krieges. Zu diesem Zeitpunkt begannen die sogenannten Euthanasiemorde an behinderten und psychisch kranken Deutschen, die Enteignungen, Zwangsumsiedlungen und Morde an Zehntausenden polnisch-christlichen, polnisch-jüdischen Zivilisten. Das war der Anfang. Mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Sommer 1941 radikalisierte die deutsche Führung ihre Politik des Raubens und der Massenmorde. Innenpolitisch setzte sie von nun an auf das Prinzip »Kraft durch Furcht«. Der Subtext lautete: Wenn unsere Feinde gewinnen und Gleiches mit Gleichem vergelten, dann bleibt von uns Deutschen nichts übrig. Angeblich ging es nunmehr um Leben oder Tod, um Sieg oder Untergang der gesamten Nation.
Dennoch gab es schon 1938 die November-Pogrome gegen Juden.Danke für die Ergänzung. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 begann der Zivilisationsbruch für jedermann sichtbar. Zur Feier des gescheiterten Putschversuchs von 1923 hatten sich Hitler und seine engsten Kampfgefährten am 9. November wie üblich im Alten Rathaus von München getroffen. Am späteren Abend raste man dort an die Telefone und ließ den überall im Land ebenfalls feiernden SA-Trupps unter einem gerade passenden Vorwand mitteilen, sie sollten gegen Synagogen, jüdische Geschäfte und Juden überhaupt losschlagen. Fast überall legten sehr kleine Trupps die Feuer, schändeten die Torarollen und zerschlugen die Scheiben der von Juden betriebenen Geschäfte. Das lockte dann Gaffer und Plünderer an. Aber sehr viele Deutsche wandten sich indigniert und schaudernd ab – schwiegen jedoch. Interessant bleibt, wie Goebbels darauf reagierte: Erstmals – und bis zum Kriegsende mit ständig gesteigerter Intensivität – behauptete er die Kollektivschuld aller Deutschen. In jener Nacht habe sich der Zorn des gesamten Volkes gegen die Juden entladen, ganz unabhängig von der Regierung.
Der israelische Historiker Yehuda Bauer vertrat die Ansicht, dass das Hauptziel der Nationalsozialisten die Vernichtung der Juden in Europa war und sie ihre anderen Kriegsziele dem unterordneten. Sehen Sie das genauso?Yehuda war ein guter Freund von mir und ein glänzender und anregender Historiker. Aber in diesem Punkt war und bin ich anderer Ansicht. Ich teile die These von der »kumulativen........
