Stadt und Land: Provinzialität als Kampfbegriff
Stadt und Land: Provinzialität als Kampfbegriff
Stand: 10.03.2026, 14:44 Uhr
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Anstelle des Jammers über Rückstürze ins Klein-Klein kommt es darauf an, das Eigene ins Spiel zu bringen
Viele machen sich gerade große Sorgen um die deutsche Weltläufigkeit. Manche beschleicht Unbehagen aus der unzureichenden Einhaltung von Fahrplänen, andere monieren Stockungen im Prozess der Digitalisierung. Alles läuft irgendwie schief in dem Land, das einen Großteil seines Selbstbewusstseins einst aus einem nahezu ungebrochenen wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bezog.
Stolz darauf, trotz der Verheerungen des Nationalsozialismus wieder Schritt halten zu können, stürzte man sich in die Nachkriegsmoderne und ging auf Distanz zu einem sich falsch anfühlenden Patriotismus. Rückständigkeit war gestern, proper konstruierte Automobile fuhren für internationale Anschlussfähigkeit.
Unterdessen hat das Wort Provinzialität wieder Konjunktur – mal als Warnung, mal als resigniertes Urteil angesichts einer scheinbar unaufhaltsamen Entwicklung. Die Konzerne rufen Gewinnwarnungen aus, die Photovoltaik kommt aus China und die Wärmepumpen bald auch. Aus dieser Perspektive meint die Zuschreibung der Provinzialität eben dies: Die erfolgsverwöhnten Deutschen sind der eigenen Saturiertheit erlegen und drohen nun abgehängt zu werden.
Eine andere Verwendung des Begriffs hat politisches Fehlverhalten im Visier. Weil ein tölpelhaft agierender Kulturstaatsminister partout nicht akzeptieren mochte, dass seine Regierung von der Bühne eines von ihm finanzierten Filmfestivals bezichtigt wurde, einem Völkermord zu assistieren, sahen Dutzende Unterschriftsteller die Freiheit des offenen Wortes in Gefahr. Provinzialität und Selbstverzwergung als Fluch und Strafe. Dahin der schöne Schein aus Hollywood, perdu eine Grandezza wie man sie aus dem französischen Cannes zu kennen meint.
Ich vermute, dass den verschiedenen Unterstellungen eines Abrutschens in die Bedeutungslosigkeit eine unzureichende Vorstellung von Provinz zugrunde liegt. Dabei verdient, was als Schmähung mit erzieherischer Note intendiert gewesen sein mag, gerade jetzt einer Wiederbelebung. Der kluge Hans Magnus Enzensberger hat einmal einen Essayband unter dem Titel „Ach Europa“ veröffentlicht, in dem er sich an der Differenz der Regionen erfreute.
Das „Ach“ war keineswegs als ins Verzweifelte tendierender Stoßseufzer misszuverstehen. Vielmehr fanden sich in den Texten Hinweise auf „Italienische Ausschweifungen“, „Ungarische Wirrungen“ und „Portugiesische Grübeleien“. Es war ein aus den unterschiedlichen Landschaften und den Eigenheiten der dort lebenden Menschen gewonnener Blick auf ein Europa der Wünsche, der Zauber der Provinz als Zukunftsgenerator eines politisch nur schwer unter einen Hut zu bringenden Kontinents, wie behäbig und träge auch immer es hier und dort zugehen mochte.
Die als Schmäh- und Kampfbegriff verwendete Zuschreibung der Provinzialität scheint aus einer Verlusterfahrung hervorzugehen, eine gravierende Verunsicherung über die Geltung des Eigenen und des Fremden in der Welt. Anstelle des Jammers über Rückstürze ins Provinzielle käme es nun vielleicht darauf an, das jeweils Eigene ins Spiel zu bringen und gegenüber dem Fremden zu erproben. Den ängstlichen Erwartungen äußerer Bewertung und Etikettierung mangelt es an jener Lässigkeit, die es zum Weltverständnis in unruhigen Zeiten braucht.
