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FR-üh dran: Gleichstellung unter Beschuss – Was der Internationale Frauentag 2026 bedeutet

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08.03.2026

FR-üh dran: Gleichstellung unter Beschuss – Was der Internationale Frauentag 2026 bedeutet

Stand: 08.03.2026, 06:03 Uhr

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Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Wenn es um Rechte für Frauen geht, hat sich auf dem Papier Einiges getan – doch die Realität bleibt bitter. Die Lage in „FR-üh dran“.

Berlin – FRüh Radar – das steht heute an: Heute ist der 8. März – Internationaler Frauentag. Weltweit gehen Frauen auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. In Deutschland finden in zahlreichen Städten Kundgebungen und Veranstaltungen statt. Morgen (9. März) beginnt in New York die 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission – ein Jubiläum, das in diesem Jahr unter keinem guten Stern steht. Bundesfrauenministerin Karin Prien (CDU) reist dafür in die USA. Und auch hierzulande ist der Tag politisch aufgeladen: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nutzt den Frauentag, um zur Teilnahme an den laufenden Betriebsratswahlen aufzurufen, die noch bis Ende Mai 2026 stattfinden.

Was verbindet all das? Eine Welt, in der Gleichstellung nicht mehr selbstverständlich voranschreitet – sondern verteidigt werden muss. Was heute auf dem Spiel steht, welche Kräfte dagegenarbeiten und was Sie darüber wissen sollten: Wir haben es für Sie zusammengefasst.

FR-üh dran zum Internationalen Frauentag 2026: Die Ausgangslage

Wir fassen zusammen, wie es dazu kam: Der Internationale Frauentag hat tiefe historische Wurzeln. Bereits 1910 beschlossen Frauen aus 17 Ländern auf einer internationalen sozialistischen Frauenkonferenz die Einführung eines jährlichen Aktionstags – damals noch am 19. März. Ein Jahr später fanden in mehreren europäischen Ländern und den USA erstmals Kundgebungen statt. Im Mittelpunkt: das Frauenwahlrecht und Arbeitnehmerinnenrechte. 1975 erklärten die Vereinten Nationen den 8. März offiziell zum Internationalen Frauentag, wie die Bundeszentrale für politische Bildung berichtet.

Seitdem hat sich viel getan – und doch bleibt so vieles unverändert. Die UN-Frauenrechtskommission, die morgen zu ihrer 70. Sitzung zusammenkommt, existiert seit 1946. Ihr Ziel: Gemeinsam um Frauenrechte ringen. Manchmal gab es dabei große Sprünge – bessere Bildung, mehr Berufschancen, mehr Eigenständigkeit für Millionen Frauen weltweit. Doch zuletzt dreht sich der Wind. Judith Rahner, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats, erinnerte sich laut dpa an eine UN-Frauenkonferenz im Oktober in New York: 99 Reden, und jede dritte oder vierte sprach von Rückschritten.

In Deutschland sank der Frauenanteil im Bundestag nach der Wahl 2025 von 35 auf 32,4 Prozent, wie die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte bereits zum Frauentag 2025 darauf hingewiesen, dass Frauenfeindlichkeit auch hierzulande wachse – Bürgermeisterinnen zurücktreten oder Abgeordnete ihre Mandate niederlegen, weil der Gegenwind zu stark wird, wie die dpa berichtet.

Internationaler Frauentag 2026: Die Crux

„Was wir gerade sehen, ist der weltweite Backlash gegen Frauenrechte“, sagt Judith Rahner vom Deutschen Frauenrat laut dpa. „Da wird ein rückwärtsgewandtes Familienbild propagiert, sexuelle Minderheiten werden zum Feindbild stilisiert, Gleichstellungs- und Diversityprogramme werden eingestellt, Bücher zu Diversität verschwinden aus den Bibliotheken. Das sind alles keine kulturellen Randerscheinungen mehr: Gleichstellung wird diffamiert.“

Die Lage am MorgenFR-üh dran: Matthiae-Mahl in Hamburg – Merkel meldet sich mitten in der Zeitenwende zurück

Die Beispiele sind global und konkret: US-Präsident Donald Trump strich als eine seiner ersten Amtshandlungen 2025 alle Förderprogramme, die er als Auswuchs der „Gender-Ideologie“ betrachtete. In Russland wurde Sexualkunde aus den Lehrplänen gestrichen, in Nigeria, Brasilien, El Salvador, Paraguay und Peru wurde der Unterricht eingeschränkt, wie die US-Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace dokumentiert. Und der Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen steht in den USA, Polen und Ungarn unter Druck.

Internationaler Frauentag: Die Lage in Deutschland – der Feind ist „der Rotstift“

In Deutschland sei „der Feind der Rotstift“, wie Rahner es gegenüber der dpa formuliert. Bei Frauenhäusern werde gekürzt, Gleichstellungsbeauftragte eingespart – gerne unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus. „Was über Jahrzehnte an Schutzrechten aufgebaut wurde, wird schleichend ausgedünnt“, sagt Rahner.

Hinzu kommt: Der Gender Pay Gap in Deutschland sinkt zu langsam. Frauen verdienen laut DGB im Schnitt noch immer 16 Prozent weniger als Männer. Laut Statistischem Bundesamt lag der Gender Gap Arbeitsmarkt im Jahr 2025 mit 37 Prozent auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr. Und in den 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen lag der Anteil weiblicher Vorstandsmitglieder zuletzt bei gerade einmal 19 Prozent – erstmals stagnierend nach Jahren des Anstiegs, so die Bundeszentrale für politische Bildung.

Die 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission, die morgen beginnt, steht unter dem Thema: Beseitigung diskriminierender Gesetze, Politiken und Barrieren sowie die Förderung inklusiver Rechtssysteme. Karin Prien, seit Mai 2025 Bundesfrauenministerin, reist nach New York. Sie weiß: „Der Gender Pay Gap sinkt zu langsam, Frauen sind in Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert und Sorgearbeit ist häufig ungleich verteilt“, sagte sie laut dpa. Ihr Ziel: „Wir müssen weiter an Tempo gewinnen.“

Internationaler Frauentag: Espresso-Argumente für die Kaffeeküche

Mit diesen Argumenten punkten Sie bei der politischen Debatte in der Kaffeeküche: „Feminismus ist doch heute überflüssig – Frauen haben doch längst alle Rechte.“ Wer das sagt, sollte sich die Zahlen anschauen: Frauen verdienen in Deutschland noch immer 16 Prozent weniger als Männer. Selbst bei vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erwerbsbiografie beträgt die Lücke noch mehrere Prozent, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Weniger als jede dritte Führungskraft in Deutschland ist weiblich – ein Wert, der sich seit zehn Jahren kaum verändert hat. Gleiche Rechte auf dem Papier sind eben noch keine gleiche Realität im Leben.

„Gender Pay Gap? Frauen arbeiten halt mehr Teilzeit – das ist doch ihre freie Wahl.“ Teilzeit ist selten eine freie Wahl, sondern oft die einzige Möglichkeit, Beruf und unbezahlte Carearbeit zu vereinbaren – die nach wie vor überwiegend an Frauen hängt. Ein riesengroßer Prozentsatz der Alleinerziehenden sind Frauen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Wer Kinderbetreuung und Pflege als Privatangelegenheit behandelt und gleichzeitig unter anderem nicht die Kinderbetreuung stärkt, zwingt Frauen strukturell in die Teilzeitfalle. Das ist keine Wahl – das ist ein System.

„Gleichstellungsprogramme sind Bürokratie und kosten nur Geld.“ Das Gegenteil ist der Fall: Gleichstellungsbeauftragte und Betriebsräte sind nachweislich wirksam. Laut DGB gelingt Gleichstellung besonders dort, wo Betriebs- und Personalräte mitbestimmen und Tarifverträge gelten. Wer Gleichstellungsstrukturen abbaut, spart kurzfristig – und zahlt langfristig drauf: durch höhere Altersarmut von Frauen, durch Abhängigkeiten, die Gewalt begünstigen, und durch verschwendetes wirtschaftliches Potenzial.

FR-üh dran – die Lage am Morgen

In unserer Kolumne informieren wir Sie täglich über den wichtigsten Termin des Tages und bereiten Sie als FR-Leser:in auf die politische Debatte in der Kaffeeküche und am Mittagstisch vor, indem wir die passenden Argumente direkt mitliefern. Lesen Sie hier genau, warum „FR-üh dran“ zu Ihrem täglichen Morgenritual werden sollte.

Sie sind anderer Meinung, Ihnen fehlen Argumente oder Sie haben ein Thema, dem wir uns in der Kolumne annehmen sollen? Dann schreiben Sie uns oder diskutieren Sie mit in der Kommentarspalte unter diesem Artikel.

Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Der wichtigste Folgetermin ist bereits morgen: Am 9. März 2026 beginnt in New York die 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission. Die Sitzung dauert mehrere Wochen. Bundesfrauenministerin Karin Prien wird Deutschland dort vertreten. Das Gremium setzt internationale Standards – auch wenn es im Schatten der aktuellen geopolitischen Verwerfungen steht.

Weltweit lebten 2025 über 230 Millionen Mädchen und Frauen mit den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung – rund 30 Millionen mehr als noch 2016, wie die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert. Und in Deutschland? Hier wird noch immer jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer physischer oder sexualisierter Gewalt. Jede vierte erlebt Partnerschaftsgewalt – und Fachleute gehen von einer erheblich höheren Dunkelziffer aus. Frauenfeindliche Straftaten im Bereich politisch motivierter Kriminalität stiegen 2024 um 73 Prozent. Knapp jede dritte junge Frau zwischen 16 und 24 Jahren wurde bereits Ziel von Hass im Netz – mit der Folge, dass viele von ihnen sich online zurückziehen. Gleichstellung ist kein abgehaktes Projekt der Vergangenheit. Sie ist eine Baustelle, auf der gerade aktiv abgerissen wird. (fbu)


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