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Warum die Opfer von Epstein in der Debatte kaum eine Rolle spielen

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13.02.2026

Warum die Opfer von Epstein in der Debatte kaum eine Rolle spielen

Stand: 08.02.2026, 18:58 Uhr

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Der Fall Epstein erregt die Öffentlichkeit. Doch die Betroffenen bleiben unsichtbar. Medien und Gesellschaft fokussieren sich auf die Täter. Der Leitartikel.

True Crime ist der Hit. Ob im Podcast, Film oder Fernsehen – das Publikum liebt dieses Genre. Und der Fall Epstein? Bietet er nicht genau das? Diese Mischung aus Erregung, Faszination und Abscheu, mit der wir auf die konspirativen Verstrickungen und Verbrechen eines Netzwerks aus Milliardären, Königsfamilien, Politikern und Bankern blicken? Wer kannte ihn? Wer flog mit? Wer kam auf die Insel und hat minderjährige Mädchen missbraucht?

Der Thrill für die Öffentlichkeit liegt bei Taten und Tätern. Kaum fällt der Name Epstein, kreist die Debatte um Sex, Geld und die Verdorbenheit der Machteliten. Das Wesentliche geht dabei unter: Hier geht es nicht allein um die Attraktion finsterer Machenschaften und die Lust, Prominente vom Sockel stürzen zu sehen. Hier geht es um Menschen, denen Gewalt angetan wurde.

Epstein-Skandal: Warum so viel über die Täter gesprochen wird – und so wenig über die Opfer

Dass über die Täter so viel, über die Opfer so wenig gesprochen wird, ist kein Zufall. Es ist Ausdruck einer Gesellschaft und ihrer Medien, die Skrupellosigkeit und krimineller Energie mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Leid von Betroffenen. Täter sind spannend, Opfer sind unbequem. Sie stellen Fragen, die wir nicht gern hören: nach Verantwortung, nach Versagen, nach Konsequenzen und unserer Rolle als Zuschauer:innen.

Über Opfer zu sprechen, heißt oft, sich mit Armut, Abhängigkeit und systemischem Wegsehen auseinanderzusetzen. Es heißt anzuerkennen, dass diese Taten nicht im luftleeren Raum passieren, sondern inmitten einer Gesellschaft, die Warnsignale ignoriert und Macht schützt.

Und das betrifft keineswegs nur den Epstein-Skandal. Wie lange hat es gedauert, bis eine Bewegung wie #MeToo es endlich geschafft hat, sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen ins globale Bewusstsein zu rücken? Wie konnte das System von Macht und Missbrauch in Schulen, Kirchen, Sportvereinen so lange funktionieren? Und warum müssen sehr viele Opfer noch immer um Glaubwürdigkeit und Entschädigung kämpfen?

Berichterstattung über den Fall Epstein: Kein Blatt kann sich da aus der Verantwortung stehlen

Auch Medien und ihre Mechanismen spielen beim Umgang mit Opfern keine rühmliche Rolle. Kein Blatt, kein Sender, keine Website kann sich da aus der Verantwortung stehlen. Doch Opfergeschichten sind komplex, oft fragmentarisch, manchmal widersprüchlich. Von einem Trauma lässt sich nicht sauber erzählen. Viele Betroffene können oder wollen nicht öffentlich sprechen, was mehr als ihr gutes Recht ist. Andere erzählen nur anonymisiert. Doch Anonymität verkauft sich schlechter als prominente Namen. In dieser Schieflage bekommen Täter vielfach Präsenz, während Opfer zu oft zur Randnotiz werden.

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Der Epstein-Skandal und der Fokus auf Täter: Wir verlängern das Machtgefälle, das die Taten ermöglicht hat

Der Fall Epstein ist auch für Europa besonders krass: Verwerfungen im königlichen Norwegen, Ermittlungen in Frankreich, Lettland, Litauen und Polen, Rücktritte in Schweden und der Slowakei. Beim Nachdenken über das politische Erpressungspotenzial, das in den Dokumenten steckt und gesteckt hat – mit oder ohne Putins Zutun – kann einem schwindelig werden. Hierzulande scheinen nur wenige Prominente im Epstein-Sumpf gewatet zu sein, doch die Recherchen haben ja erst begonnen. Und auch hier zeigt sich – wieder fixieren wir uns auf die möglichen Delinquent:innen.

Doch solange wir sexualisierte Gewalt über Täter erzählen, verlängern wir das Machtgefälle, das die Taten ermöglicht hat. Wir lernen nichts über Prävention, nichts über Schutzmechanismen, nichts über Verantwortung – außer der bequemen Illusion, dass alles vorbei ist, sobald der oder die Verbrecher entlarvt und als schuldig verurteilt sind.


© Frankfurter Rundschau