Künstliche Intelligenz als Fehlerteufel
Der niederländische Wissenschaftsverlag Elsevier präsentiert sich seinen Kunden als Unternehmen für Informationsanalysen, das den Datenschatz, den es durch die von ihm verlegten Wissenschaftsjournale sammelt, für die Lösung verschiedenster Probleme nutzbar macht. Eigentlich will man kein Verlag mehr sein, sondern ein Datendienstleister nach dem Vorbild von Google. Die Einsparung menschlicher Arbeitskraft durch Künstliche Intelligenz gehört zu den Eckpfeilern dieses Wandels, sorgt aber offenbar für Verwirrung: Zum Jahresende hat fast das gesamte Herausgebergremium der von Elsevier verlegten paläoanthropologischen Fachzeitschrift „Journal of Human Evolution“ seinen Rücktritt erklärt. Besonders in den letzten zehn Jahren habe der Verlag die wissenschaftliche Kontrolle an sich gezogen und die Produktionsqualität kontinuierlich gesenkt, heißt es in der Rücktrittserklärung. Wichtige Stellen seien eingespart worden. Ersatzweise habe man den Herausgebern im Herbst 2023 eine KI aufgezwungen, die Fehler über Fehler produziert und der Redaktion viel unnötige Arbeit beschert habe.
In der Fachpresse sorgte das für Heiterkeit und besorgte Diskussion über den menschlichen Faktor im wissenschaftlichen Publikationsprozess. Es war aber nicht der einzige Grund für den Rückzug. Außerdem, schreiben die Wissenschaftler, seien die Publikationsgebühren derart gestiegen, dass viele Wissenschaftler sie sich nicht mehr leisten könnten. Im fortschreitend verwendeten Open-Access-Modell müssen nicht mehr die Leser oder Bibliotheken für die Zeitschrift bezahlen, sondern die Autoren für ihre Artikel. Beim „Journal of Human Evolution“ liegt der Preis laut der Rücktrittserklärung bei 3990 Dollar. Das ist kein Pappenstiel für einen Wissenschaftler und weit entfernt von den 1000 Euro, die von Open-Access-Aktivisten als rote Linie genannt wurden. Open Access wurde einmal als Demokratisierung der Wissenschaft beworben. Heute heißt die Botschaft: Das wissenschaftliche Publizieren muss man sich leisten können.
Die Fehlerteufel-KI ist vielleicht nur eine Momentaufnahme, das nächste Modell könnte es schon besser machen. Irrig dürfte jedoch die Annahme sein, man könnte den gesamten wissenschaftlichen Publikationsprozess automatisieren, ohne systematisch Fehler zu produzieren. Es ist deshalb ein Problem, dass der wissenschaftliche Publikationsprozess mit tätiger Mithilfe der Wissenschaftspolitik in die Hände von Großverlagen wie Elsevier gegeben wurde, die trotz hoher Gewinne fortschreitend die Kosten reduzieren und meinen, man könne einen wissenschaftlichen Artikel wie einen Schokoriegel produzieren. Elsevier ist eine Gewinnmaschine mit sagenhaften Renditen von mehr als 30 Prozent. Es ist nicht so, dass sich das Unternehmen keine menschliche Arbeitskraft leisten könnte. Trotzdem ist keineswegs sicher, ob es den Rückzug der Herausgeber als Hinweis darauf begreift, dass es doch die ein oder andere Grenze für die Automatisierung menschlicher Arbeit geben mag. Eine Stellungnahme des Verlags auf eine Nachfrage dieser Zeitung lag bis zum Redaktionsschluss dieses Artikels nicht vor.
Ergänzung, 7. Januar, 17:55 Uhr: Einem Sprecher von Elsevier zufolge wurden die bemängelten Fehler nicht durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz hervorgerufen, sondern durch einen neuen Produktionsworkflow, „der aufgrund der einzigartigen Aspekte dieses Forschungsgebiets versehentlich einige Formatierungsfehler einführte“. Man sei inzwischen in Zusammenarbeit mit den Chefredakteuren zum bestehenden System der Zeitschrift zurückgekehrt.
