Den Jungen ist es nicht egal, sie sind schlecht vertreten
In Sachen Generationen-Polemik, darum ist sie so beliebt, kann man es sich recht einfach machen. Man kann sagen: Die Jungen schauen nur aufs Handy, kleben an TikTok, wissen nicht, wer Nationalratspräsident ist und interessieren sich ohnehin für nichts außer sich selbst. Eine Generation individualisierter Stubenhocker, bequem, apathisch, eigentlich und kurz gesagt: verloren.
Das ist heute freilich genauso falsch wie früher, als die Großeltern-Generation es so oder so ähnlich (weil noch ohne Tiktok und Handy) der Eltern-Generation unterstellten.
Ein Bericht, der diese Woche im Auftrag des Parlaments präsentiert wurde, zeichnet ein ganz anderes Bild: Junge Menschen in Österreich beschäftigen sich mit politischen Themen und engagieren sich. Neun von zehn haben sich im vergangenen Jahr an mindestens einem demokratischen Prozess beteiligt. Gleichzeitig, und hier wird es heikel, fühlt sich aber nur noch rund ein Drittel von der institutionalisierten Politik vertreten.
Fühlen sich im Parlament schlecht repräsentiert: Junge blicken ernüchtert auf politisches System
Der Grund dafür wird oft in den Zahlen gesucht: Im Parlament gibt es zu wenig junge Vertreter, nur fünf von 183 Abgeordneten sind jünger als 30, wie sollen sich Österreichs Jugendliche da repräsentiert fühlen? Doch dieses Argument greift zu kurz. Man muss den Nationalrat nicht mit 25-Jährigen fluten, als wäre er eine Jugendorganisation. Repräsentation heißt nicht Altersdurchschnitt, sondern Interessenvertretung, Perspektiven und das Abbilden von Lebensrealitäten.
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Doch auch das funktioniert eben nicht. Die Interessen der Jungen bleiben systematisch unterbelichtet, weil sich das politische Gewicht zunehmend von ihnen weg verschiebt. Man denke etwa an Großbritannien, wo die Älteren mit ihrer Mehrheit für den Brexit entschieden, und die Jüngeren, die ihn zum Großteil nicht wollten, nun damit leben müssen. Auch für Österreich gilt: Über wen organisieren politische Parteien ihre Mehrheiten denn in einer alternden Gesellschaft? Wer Wahlen gewinnen will, richtet seine Inhalte nicht nach den Interessen der 20-Jährigen, sondern nach jenen der 60-Jährigen aus.
Entspricht das einfach dem Wesen einer Demokratie? Nicht unbedingt. Die alten Griechen haben ja niemandem verboten, Politik trotzdem weitsichtig und über den Horizont des nächsten Wahltermins hinaus zu machen.
»Die Interessen der Jungen bleiben systematisch unterbelichtet, weil sich das politische Gewicht zunehmend von ihnen weg verschiebt.«
»Die Interessen der Jungen bleiben systematisch unterbelichtet, weil sich das politische Gewicht zunehmend von ihnen weg verschiebt.«
Was oft als Desinteresse der Jugend abgetan wird, ist also eigentlich Ernüchterung. Die überrascht auch angesichts des sogar für ausgewachsene Wahlberechtigte mitunter verstörenden Schauspiels auf der politischen Bühne nicht: Eitelkeiten, interne Rivalitäten und Postenschacher. Das Bild der Männer, die sich in Hinterzimmern mauschelnd alles ausmachen, hat sich viel zu oft bestätigt.
Es ist auch bezeichnend, dass niemals so emotional und mit so viel Verve nach mehr Demokratiebildung in den Schulen gerufen wurde wie jetzt plötzlich für die Beibehaltung aller Lateinstunden. Wo war denn bitte die Promi-Intellektuellen-Initiative dafür? Das Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige, bei dem sich nun eine Einigung der Regierungsparteien abzeichnet, wird es uns auch nicht ersparen, mit den Jugendlichen darüber zu sprechen, warum ihnen welche Politiker welche Inhalte verkaufen wollen und welche Machtinteressen damit verbunden sind.
Die beste Nachricht, die aus der eingangs erwähnten Studie hervorgeht, ist wahrscheinlich: Die Jungen halten die Demokratie unbestritten für die beste Staatsform. Sie haben hohe Erwartungen an sie. Nur droht die Politik eben allzu oft, diese Erwartungen zu enttäuschen.
E-Mails an: elisabeth.hofer@diepresse.obfuscationcom
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