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Böllerverbot: Wenn die Tradition ein Update braucht

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02.01.2026

Am 31. Dezember 1858 startete der berühmte Wissenschaftler Prof. Dr. Silvester Böller ein Experiment: „Lass mal den Leuten für einen Tag einen Haufen Alkohol geben und dazu Sprengstoff, für den man eigentlich einen Pyroschein bräuchte, und dann gucken wir mal, was passiert!“

Leider brach er das Experiment niemals wie geplant ab, da ihm ein fehlgezündeter Knaller den Kopf wegpustete, und somit wurde die Tradition geboren, dass am 31. Dezember – also an Silvester, nach Prof. Dr. Silvester Böller – jeder Hanswurst nach drölfzig Gläsern Bowle ein bisschen mit Schwarzpulver hantieren darf.

Na gut, vielleicht habe ich diese Geschichte gerade erfunden, aber für den Privatgebrauch erhältliches Feuerwerk gibt es ungefähr seit dieser Zeit, und die Story fühlt sich, wenn ich die Jahreswechsel meines Lebens so rekapituliere, erschreckend glaubhaft an.

Es ist Silvester 2025, als ich beginne, diese Zeilen zu schreiben. Nachmittag. Das nervtötende Geknalle hat schon vor Tagen begonnen und nur das Schneegestöber hält die üblichen Verdächtigen gerade davon ab, bereits am Nachmittag komplett zu eskalieren, wie in manch einem Jahr zuvor.

Zwei unserer Katzen sind schon panisch unters Bett geflüchtet, als vorhin auf der Straße direkt vor unserem Haus irgendwas detoniert ist. Unser fragiler, ältester Kater ist zum Glück taub. Nachher lassen wir wieder alle Außenjalousien herunter und hoffen auf das Beste.

Wie jedes Jahr stelle ich mit diese zwei Fragen:

Muss das private Geböller wirklich sein?

Und: Gilt es als Notwehr, wenn ich an Silvester zum Axtmörder werde?

Meine Katzen sind noch relativ entspannt, verglichen mit dem, was ich immer wieder von anderen Tierhaltern höre. Der Hund eines Bekannten liegt jedes Jahr an Silvester (und auch an den Tagen davor und danach, wenn noch vereinzelt Knaller losgehen) hechelnd und zitternd unterm Küchentisch.

Das Pferd einer Freundin starb vor wenigen Jahren trotz aller getroffenen Vorkehrungen in der Silvesternacht an einer Stresskolik. Nachbarn haben trotz Bitten der Pferdebesitzer auf Rücksichtnahme Feuerwerkskörper direkt in der Nähe der Koppel und des Stalls gezündet.

Freunde von mir betreiben einen Gnadenhof und müssen jede Silvesternacht auf den Weiden und in den Ställen verbringen, um die aufgebrachten Tiere zu beruhigen, die in Panik auch mal einen Weidezaun durchbrechen.

Und jetzt denke man an die Wildtiere, die keine Halter haben, die ihr Möglichstes tun, um den Lärm und die Blitze für sie auszusperren. Sie sind dem Spektakel hilflos ausgeliefert und bezahlen es viel zu oft mit ihrem Leben.

(Kleine Anmerkung am Rande: Ich habe festgestellt, dass diejenigen, die sich wegen Windrädern zur Stromgewinnung so empathisch um geschredderte Vögel sorgen, oft die gleichen Leute sind, die das Silvesterböllern unbedingt befürworten, weil Tradition und so …)

Laut Schätzung des Deutschen Tierschutzbundes sterben jedes Jahr rund eine halbe Million (!) Wildtiere an unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Silvesterfeuerwerks. Die primäre Todesursache bei Tieren an........

© Die Kolumnisten