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Das Modell Kretschmann funktioniert nicht überall

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Grüner Pragmatismus: Warum das Kretschmann-Modell nicht überall funktioniert

Das Modell Kretschmann funktioniert nicht überall

Am Mittwoch wurde der langjährige baden-württembergische Ministerpräsident in Stuttgart für seine Verdienste geehrt. Und Cem Özdemir wirkt wie sein natürlicher Nachfolger. Trotzdem taugt das Modell Kretschmann nicht für die gesamte Republik.

Die Vorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, lobt den Scheidenden mit warmen Worten. „Winfried Kretschmann hat gezeigt, dass grüne Politik dann am stärksten ist, wenn sie Haltung mit Pragmatismus verbindet“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er habe nie aus dem Blick verloren, dass es darum gehe, das Leben der Menschen zu verbessern und auch mal unbequeme Entscheidungen zu treffen. Brantner betonte: „Wir sind dankbar, dass er sein Leben diesen Ideen gewidmet hat.“

Man mag ihre Laudatio auf den 77-jährigen Ministerpräsidenten für selbstverständlich halten. Immerhin gehören sie derselben Partei an – einer Partei, der Kretschmann 15 Jahre lang das Amt des Regierungschefs im Südwesten sicherte und damit länger amtierte als jeder andere vor ihm. Selbstverständlich auch deshalb, weil beide aus „The Länd“ kommen und dem Realo-Flügel angehören.

Doch zeigen allein die Lobredner bei Kretschmanns offizieller Verabschiedung am Mittwoch im Neuen Schloss der Landeshauptstadt Stuttgart, dass seine Bewunderer eher aus der konservativen Ecke kommen. So sprachen Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck. Letzterer nannte Kretschmann „kulturprägend“.

Beliebt in Baden-Württemberg: In der Heimat hat Kretschmann sich nach seinem ersten Wahlsieg im Jahr 2011 rasch Respekt erworben – und seine Macht dann ausgebaut. Er suchte den Schulterschluss mit der in Baden-Württemberg so entscheidenden Automobilindustrie und vermied, was Nicht-Grüne provozieren könnte. Kritiker beklagen immer mal wieder, dass ausgerechnet der Windkraftausbau schleppender voranging als in manchen Ländern ohne grünen Ministerpräsidenten.

Konflikte mit der Bundespartei: Mit der Bundespartei ging Kretschmann oft um wie ein Vater mit seinen Kindern, wenn die ihr Zimmer nicht aufgeräumt haben. So wurde 2017 ein Video publik, in dem sich der gern zornige Lehrer über den Beschluss seiner Partei ärgerte, ab 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zulassen zu wollen. Darin griff Kretschmann auch Anton Hofreiter an, damals Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion. Er schimpfte: „Jetzt kommt der Hofreiter immer mit seiner tollen Story vom Tesla.“ Neun Jahre später rühren die Probleme der deutschen Automobilindustrie auch daher, dass ausländische Konkurrenten preiswertere E-Autos bauen.

Vorbild oder Ausnahmeerscheinung? Für die Villa Reitzenstein, den Amtssitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, war Kretschmann eine Idealbesetzung, der es gelang, die dauerregierende CDU zu deklassieren. Die Frage, ob er für die Grünen zum Vorbild taugt, ist dennoch schwer zu beantworten. Im Südwesten kam der eigenwillige Kretschmann zwar an, weil er mit einer gehörigen Portion Realismus gegen den gesinnungsethischen Überschuss der eigenen Partei an regierte. Derlei könnte auch in Bayern oder Hessen funktionieren.

Aber eben nicht überall. In Ostdeutschland sind die Bedingungen anders als in Baden-Württemberg, ganz zu schweigen von Berlin, wo die Grünen in säkularisierten Milieus mit der SPD und der Linken konkurrieren. Ein katholischer Kirchgänger mit Oberlehrer-Image käme hier eher kauzig rüber. Im Bund hat Robert Habeck nicht zuletzt verloren, weil er die Grünen zu mittig positionierte.

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Cem Özdemir als natürlicher Nachfolger: Es passt denn auch ins Bild, dass Cem Özdemir nun Kretschmanns designierter Nachfolger ist. Er reibt sich wie dieser leidenschaftlich am linken Flügel der Grünen und könnte eben deshalb länger in der Villa Reitzenstein bleiben. In der deutschen Hauptstadt wäre der Schwabe, der lange in Kreuzberg lebte, wohl nicht mal Bürgermeisterkandidat geworden.


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