Auch die CSU verliert bei Wahlen: Söder wird zum Scheinriesen
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 32,5 Prozent für die Christlich-Soziale Union in Bayern bei den Kommunalwahlen, zwei Prozentpunkte weniger als 2020. Das zweitschlechteste Ergebnis seit 1952.
Statistik kennt keine Ausreden, keine Stimmungen, keine Sonntagsreden. Sie zählt. Und sie erinnert.
In Bayern ist die CSU mehr als eine Partei. Sie ist – oder war – eine Art politischer Naturzustand. Wer Bürgermeister wurde, wer im Kreistag saß, wer das politische Klima prägte: Sehr oft trug er oder sie das Parteilogo der Christsozialen.
Stephan-Andreas Casdorff ist Editor-at-Large des Tagesspiegels. Er sieht CSU-Chef Markus Söder durch die Kommunalwahlen weiß Gott nicht gestärkt.
Jahrzehntelang funktionierte das wie ein Automatismus. Die CSU regierte, die anderen opponierten, oft laut, meist vergeblich. Nun also 32,5 Prozent. Das ist noch immer viel. Mehr als jede andere Partei im Freistaat erreicht.
Dennoch liegt in dieser Zahl eine Botschaft. Sie lautet: Selbst in Bayern ist politische Dominanz keine Naturgewalt mehr. Und Markus Söder als Ministerpräsident und CSU-Chef nicht der Dominator, als der er sich darstellt.
Eher wird Söder ein Scheinriese: Bedrohlich von Ferne, schrumpft er auf Normalmaß, je näher man ihm kommt. Das hat Auswirkungen über Bayern hinaus. Es bestimmt auch das Bild von ihm in Berlin und in der Union mit der CDU.
Das Problem der CSU ist dabei weniger ein plötzlicher Absturz als eine Erosion.
Kommunalpolitik lebt von Nähe, Verankerung, Gesichtern. Genau dort war die Partei lange unschlagbar, im Feuerwehrverein, im Schützenheim, im Landratsamt.
Wer jahrzehntelang selbstverständlich regiert, kann verlernen, warum Menschen überhaupt noch zuhören sollten. Das passiert gerade auch einer Partei, die überzeugt ist, dass sie das schöne Bayern erfunden hat.
Wer jahrzehntelang selbstverständlich regiert, kann verlernen, warum Menschen überhaupt noch zuhören sollten. Das passiert gerade auch einer Partei, die überzeugt ist, dass sie das schöne Bayern erfunden hat.
Stephan-Andreas Casdorff
Aber auch diese Milieus verändern sich. Städte wachsen, Gemeinden werden vielfältiger, politische Loyalitäten werden lockerer.
Bayern wird allmählich pluraler
Gleichzeitig trägt die CSU die Last ihres Erfolgs. Wer jahrzehntelang selbstverständlich regiert, kann verlernen, warum Menschen überhaupt noch zuhören sollten. Das passiert gerade auch einer Partei, die überzeugt ist, dass sie das schöne Bayern erfunden hat.
Natürlich definiert die CSU, Söder voran, das Ergebnis nicht als Niederlage. Sie bleibt stärkste Kraft, wird weiterhin viele Rathäuser und Landratsämter besetzen.
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Aber politische Parteien sollten Zahlen und Statistiken genau lesen, dann haben sie ihren Wert. Die Botschaft dieser Wahl ist leise, trotzdem deutlich: Die Ära, in der die CSU vielerorts als unangefochten galt, endet mit der Zeit. Bayern wird langsam politisch pluraler.
Das ist beileibe kein Drama. Demokratie lebt vom Wettbewerb. Der Freistaat ist da keine große Ausnahme mehr.
