Das Ende der Selbsttäuschung: Hertha BSC muss sich der harten Realität stellen
Vor nicht mal zehn Tagen – sie hatten gerade ihr Heimspiel gegen Hannover 96 verloren – haben sich die Spieler von Hertha BSC noch auffallend trotzig und optimistisch gegeben. Es seien noch genügend Spiele zu spielen, um den Traum vom Aufstieg doch noch Wirklichkeit werden zu lassen, sagten sie. Und Paul Seguin verstieg sich sogar zu der Behauptung, dass man alles noch in der eigenen Hand habe.
Am Samstag, einen Tag vor ihrem eigenen Spiel beim SC Paderborn, dürfte den Berlinern bereits gedämmert haben, dass dem nicht so ist. Von den fünf in der Tabelle vor ihnen platzierten Teams spielten an diesem Samstag drei – Darmstadt, Elversberg und Schalke –, und alle drei gewannen ihre Spiele.
Hertha hatte schon vor der Partie in Paderborn nichts mehr in der eigenen Hand. Wer das nach nur einem Sieg aus den jüngsten acht Spielen glaubt, der hat ohnehin eine etwas verquere Sicht auf die Realität. Die Mannschaft hatte sich durch eigene Versäumnisse längst in die Abhängigkeit von den Ergebnissen ihrer Konkurrenten begeben. Solange die siegen, kann Hertha machen, was es will.
Offenbar aber brauchten es die Berliner auf die harte Tour, um es endlich zu kapieren. Das 2:5 am Sonntag beim Tabellennachbarn Paderborn war nichts anderes als das schmerzhafte Ende der Selbsttäuschung, der sich Hertha lustvoll hingegeben hatte.
Stefan Hermanns berichtet für den Tagesspiegel seit 2001 über Hertha BSC. Große Träume hatte der Klub in dieser Zeit immer wieder mal.
Der Berliner Fußball-Zweitligist hat in Paderborn einen Auftritt abgeliefert, der die eigenen Ansprüche auf fast schon höhnische Weise konterkarierte und eine grundlegende Neubewertung der Situation endgültig notwendig machte. Die Niederlage, die sogar noch deutlich höher hätte ausfallen können, war in Form und Inhalt so ernüchternd, dass Hertha sich im Nachgang gezwungen sah, das Ziel Aufstieg offiziell einzukassieren.
Wenn man so spiele wie in der ersten Halbzeit, habe man mit dem Aufstiegsrennen nicht zu tun, bekannte Abwehrspieler Toni Leistner nach dem Debakel. Aber das war allenfalls die halbe Wahrheit: Wenn man so spielt wie Hertha in dieser Saison, mit einer Lust am Wankelmut und einer offenbar tiefen Abneigung gegen Konstanz, dann hat man mit dem Aufstiegsrennen nichts zu tun.
Im dritten Jahr sind die Berliner inzwischen zweitklassig, und noch nie in dieser Zeit sind sie in der Tabelle über Platz sechs hinausgekommen. Das liegt im Übrigen nicht daran, dass die anderen so gut sind. Es liegt vor allem daran, dass Hertha bisher nicht gut genug war; dass die Mannschaft ihr ohne Zweifel vorhandenes Potenzial nicht verlässlich auf den Platz bekommt.
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Noch immer leisten sich die Berliner den vermutlich teuersten Kader der Zweiten Liga, der über viel individuelle Qualität verfügt. Aber das macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil.
Hertha kann daher nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Der Klub muss das eigene Scheitern ehrlich analysieren, den Problemen auf den Grund gehen und Maßnahmen ergreifen, damit es nächste Saison besser wird. Denn ein Klub, der wegen seiner prekären finanziellen Situation immer noch zum Sparen gezwungen ist, kann es sich auf Dauer buchstäblich nicht leisten, zu wenig aus den eigenen Möglichkeiten zu machen.
