Der Sturz des Unfehlbaren: Ilia Malinins Scheitern offenbart die Menschlichkeit hinter dem Mythos
Seine Krönung schien eigentlich nur eine Formsache. Ilia Malinin, der „Vierfachgott“ des Eiskunstlaufs, schwebte als unbesiegbar geltender Favorit in die Kür von Mailand. Erwartet wurden eine Demonstration seiner übermenschlichen Fähigkeiten, ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher und möglicherweise sogar ein neuer Weltrekord.
Stattdessen erlebten Malinin und seine Fans einen Albtraum. Der Held zerbrach unter der Last der eigenen Brillanz und den Erwartungen der Welt. Doch so schmerzhaft sein Scheitern war, es schuf einen jener seltenen Momente, die den Sport unberechenbar und damit erst lebendig machen.
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Denn in diesem Drama liegt der wahre Reiz – erst recht auf der großen olympischen Bühne. Sie nährt sich nicht allein aus der Bestätigung des Offensichtlichen, sondern aus der Faszination des Unvorhersehbaren. Jenem Moment, in dem alle Prognosen zunichtegemacht werden.
Malinins Straucheln macht die Sternstunde eines anderen erst möglich. Michail Schaidorows überraschendes Gold ist die Art von Geschichte, die nur Olympia schreiben kann. Sie erinnert daran, dass kein Sieg vorherbestimmt ist und der größte Ruhm oft dann entsteht, wenn vermeintliche Giganten stolpern und Außenseiter über sich hinauswachsen.
Und Malinin? Suchte keine Ausreden oder flüchtete sich in Floskeln. Stattdessen fasste er seinen Auftritt in diesem einen Satz zusammen: „Ich habe es vermasselt.“ Diese schonungslose Ehrlichkeit zeigt die menschliche Seite des als unfehlbar inszenierten Athleten.
Der Sturz vom Podest war für ihn die denkbar härteste Landung auf dem Boden der Tatsachen. Doch sie macht ihn nahbarer und greifbarer als jeder perfekte Sprung. Dass er in diesem Moment der Niederlage dem Überraschungssieger Schaidorow herzlich gratulierte, zeigte für einen 21-Jährigen eine beachtliche Reife.
Jörg Leopold sah am Freitagabend einen faszinierenden Entscheidung im Eiskunstlauf, die trotz aller Stürze kaum spektakulärer hätte sein können.
Malinins persönliches Fiasko hat aber noch eine andere Ebene. Es ist ein Warnruf für einen Sport, der sich in einer Spirale aus immer höheren Risiken verliert. Die Jagd nach dem nächsten Vierfach-, bald vielleicht Fünffachsprung, erzeugt einen unmenschlichen Druck.
Opfert der Eiskunstlauf seine künstlerische Seele zugunsten der reinen Akrobatik und verheizt dabei seine größten Talente? Vielleicht braucht es eine Debatte darüber, wohin sich dieser wunderbare Sport entwickeln will. Der Zuschauer jedenfalls kann die vielen Drehungen bei den Hochrisikosprüngen kaum noch mitzählen und findet im Zweifel einen dreifachen Axel genauso spektakulär, wenn dieser in eine künstlerisch stimmige Kür eingebettet ist.
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So bleibt von dieser Eiskunstlaufentscheidung mehr als die Erinnerung an einen gestürzten Favoriten und einen überraschenden Sieger. Die Jagd nach Perfektion mag die Rekordbücher füllen, doch für unvergessliche Momente müssen Sportler nicht immer Unmenschliches vollbringen.
Denn die eigentliche Seele des Sports liegt in seinen großen Geschichten über Triumph und Tragödie. Und eine bessere als diese hätten Ilia Malinin und Michail Schaidorow am Freitagabend nicht schreiben können.
