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Schneller altern mit Oscar Wilde: „Das Bildnis des Dorian Gray“ im Berliner Ensemble

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20.03.2026

Dieser Mann kann die Rippen seines stolzen Brustkorbs zu einem Rad aufspreizen wie ein Pfau seine Schwanzfedern. Seine elastischen Gliedmaßen schnippen durch ihre dekorativen Positionen. Hüfte und Hals schwingen, die genoppte Bauchmuskulatur prangt, der Haarschopf leuchtet wie das goldene Vlies. Im Gesicht tanzen die Augenbrauen ihr Pas de deux, der Mund wechselt durch alle Nuancen von ironischem Lächeln und ironischem Schmollen. Das sind die unverwüstlichen Mittel von Dorian Gray, gespielt von Max Gindorff in der Inszenierung von Heiki Riipinen im Neuen Haus des Berliner Ensembles. Es wird mit dem 1890 erschienenen Roman von Oscar Wilde auf der Bühne das Wunder der Nichtverwandlung vorgeführt. Zweieinhalb Stunden lang diesen blasierten Näselton durchzudeklinieren und bei allen Widrig- und Widerlichkeiten in keiner Sekunde die Pose der Verkünstelung aufzugeben, das muss man erst einmal durchhalten.

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Der reiche Jüngling lässt sich malen, und sein Wunsch, dass dieses Porträt an seiner statt altern möge, geht in Erfüllung. Die Blessuren der lebendigen sündigen Seele schreiben sich in das tote Abbild ein und verschonen das fleischerne Original. Dorian kann sich ins Nacht- und Liebesleben stürzen, ohne dass die Ausschweifungen Spuren hinterlassen – abgesehen von einer beträchtlichen Anzahl toter menschlicher Motten, die seinem Licht zu nah gekommen sind. Währenddessen wird das gemalte Gesicht, versteckt auf dem Dachboden, mit jeder Sündenbeule älter und hässlicher, am Ende wird es, oh Graus, fast 40 Jahre alt sein.

Antipoden des Narzissmus

Riipinen packt diesen Stoff in eine queere Komödie, bei der uns Betrachtern, die wir ohnehin nicht mit der Präsenz, dem Chic und der Eloquenz der Bühnenwesen mithalten können, die Rolle des Alterns zufällt. Schöne Idee: Der Schauspieler, dem im Theater ja ohnehin nichts passieren kann, überantwortet uns Sterblichen die Folgen seiner Handlungen. Immer wieder geht das Licht an, die Schauspieler treten an die Rampe und mustern uns, mit Ekel und Entsetzen in den Augen. Man sitzt da und spürt, wie die Gesichtshaut sich in Runzeln legt, wie die Bandscheiben entsaften, die Muskulatur schrumpft, das Bindegewebe zerfließt, das Knochenmark aushärtet.

Der Schauwert der Kostüme (Luise Fee-Nitschke) und die Spielfreude des kleinen Ensembles, zu dem außer Gindorff Gabriel Schneider, Paul Zichner sowie Amal Keller gehören, lenken immer mal wieder von der Entwicklungslosigkeit ab, aber dennoch wird schnell klar, dass an diesem Abend nichts Unkontrolliertes passieren kann. Das rückt ihn in die Nähe von Showbiz und Comedy, wenn auch ironisch reflektiert.

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Im Berliner Ensemble läuft mit „De Profundis“ seit Spielzeitbeginn schon ein anderer Oscar-Wilde-Abend, der sich wie die Antwort auf „Das Bildnis des Dorian Gray“ erleben lässt. Jens Harzer spielt den für seine Sünden büßenden Schriftsteller, der im Gefängnis mit seinem Schicksal hadert und seinen grausamen Geliebten anjammert. Das sind die Antipoden des Narzissmus: hier die Porenreinheit der sternbestäubten Oberfläche, da die aufgerissene verletzte Seele im Dreck. Die autobiografischen Resonanzen bringen beide Texte zum Klingen. Die Erzählweisen aber kontrastieren scharf. Wir empfehlen diese Reihenfolge: Erst das athletische Geplänkel von Max Gindorffs Dorian Gray genießen, was man mit der beschriebenen Alterung im Zeitraffer bezahlt. Und an einem späteren Tag umso tiefer mit Jens Harzer durch die Abgründe schreiten, um verjüngt und vergleichsweise heil ins eigene Leben zurückzutreten.

Mit Oscar Wilde am Berliner Ensemble kann man sich mit sich selbst beschäftigen und einer Kunst hingeben, die sich von der Welt abwendet und sich ihr überordnet. Man entdeckt den Narzissmus in den Winkeln der eigenen Seele und mithin ein Stück Ähnlichkeit zu denen, die diese Welt zu einem Spielort der Groteske machen. Ein gepflegter Theaterschreck, der in beiden Fällen vom Publikum gefeiert wird.

Das Bildnis des Dorian Gray und De Profundis im Berliner Ensemble, Karten und Termine im Ticketshop der Berliner Zeitung


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