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„Raumpatrouille Orion“: Kult-Serie feiert mit Live-Musik Comeback im Kino Babylon

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03.03.2026

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Am 17. September jährt sich ein TV-Moment, der Fernsehgeschichte schrieb: Vor genau sechzig Jahren startete im Ersten die Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“. Schwarz-Weiß, sieben Folgen, produziert 1966 – und doch bis heute ein Mythos, denn sie spiegelte die technischen Hoffnungen und sicherheitspolitischen Ängste der frühen Bundesrepublik und brachte das Weltall in die Wohnzimmer einer Generation, die zwar zwischen Wirtschaftswunder und Kaltem Krieg aufwuchs, aber sich noch gut an die Raketenwaffen des vergangenen Krieges erinnerte und atemlos das Ringen von Sowjets und Amerikanern im Wettlauf zum Mond beobachtete.

Science-Fiction bedeutete in den Sechzigerjahren Zukunftsoptimismus und technologische Verheißung zugleich – sie war Projektionsfläche für Fortschrittsglauben, Ordnungsdenken und die Sehnsucht nach einer kontrollierbaren, rational gestaltbaren Welt. Damit erzählt die Serie noch heute viel über die Mentalität ihrer Zeit.

Nun ist „Orion“ zurück. Nicht auf dem heimischen Bildschirm, sondern dort, wo man es nicht erwartet hätte: im Kino. Und was für einem.

Im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz flimmerte am 28. Februar der Zusammenschnitt „Rücksturz ins Kino“ über die große Leinwand. Ein Ereignis mit mehreren Ebenen: Begleitet vom 20-köpfigen Babylon-Orchester, das Peter Thomas’ ikonische Musik live spielte. Für die Nachgeborenen: Peter Thomas war so etwas wie der deutsche John Williams, er gab den großen und kleinen Produktionen der Nachkriegszeit musikalisch Raum und Stimmung.

Das wirkte auch im Babylon: Vor der Leinwand saßen die Musiker, dirigiert von Raphael Haeger, hinter ihnen das All – und mittendrin das Publikum, das sich kollektiv in eine andere Zeit versetzen ließ. Ein Abend, der tatsächlich mehrdimensional wirkte: zweidimensionaler Film, dreidimensionale Live-Musik, dazu die gemeinsame Präsenz im Raum – und als vierte Dimension die Zeitreise selbst.

Musik aus der Traumfabrik der Wirtschaftswunderzeit

Verwirklicht wurde der Abend mit höchster Präzision: Die Musik musste punktgenau zum laufenden Film einsetzen. „Musik zum Anfassen“ nennt es Philip Thomas, Sohn des Komponisten Peter Thomas und Organisator dieses Ereignisses. Sein Vater habe selbst oft gestaunt, warum ausgerechnet die„ Orion“-Musik zu seinem berühmtesten Werk wurde: „Er hat immer gesagt: Das sind doch nur ein paar Takte von einem ollen Akkord. Warum wollen alle immer die Raumpatrouille?“ Und doch sei es genau diese Komposition, die weiterlebt.

Dabei hatte Peter Thomas von Bruce Lee über Derrick, Edgar Wallace und Karl-May-Filme vertont, was der jungen Bundesrepublik auf der Leinwand und den Mattscheiben lieb und wichtig war. Die Musik aus der Traumfabrik der Wirtschaftswunderzeit. Eine „ganze Boomer-Generation kann sich vermutlich nicht irren“, sagt Thomas mit einem Lächeln.

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Auf der Leinwand entfaltet die Serie eine eigene Kraft

Mit dem Blick in die Steuerzentrale des Raumschiffs offenbart sich das Weltverständnis der jungen Bundesrepublik: sauber, aufgeräumt, ordentlich. Kostüme mit Bügelfalten. Kein Schmutz, kein Dreck, „used universe“ als Konzept bereits existierender Welten vor dem Einsetzen der Handlung etablierte sich zeitgleich im Italo-Western und erst Jahre später im amerikanischen Scifi.

Dabei war „Orion“ nie für riesige Leinwände konzipiert. Die Serie entstand für die Wohnzimmer-Fernseher der Sechzigerjahre. Studiosets, Modelltricks und legendäre Alltagsrequisiten – man denke an das berühmte Bügeleisen als Steuerkonsole – waren nicht dafür vorgesehen, hochauflösend und meterhoch betrachtet zu werden. Und doch: Auf der großen Leinwand des Babylon entfaltet die Serie eine eigene Kraft. Der Blick war von allen Plätzen aus gut, die Akustik präzise abgestimmt. Die Improvisationskunst der damaligen Tricktechnik wirkt heute antiquiert, aber nicht peinlich, sondern charmant – fast poetisch.

Das Babylon war ausverkauft, und längst waren es nicht nur Nostalgiker, die ihren Weg über den roten Teppich vor dem Kino in den Saal gefunden haben. Das Publikum präsentierte sich erstaunlich gemischt: grauhaarige „Orion“-Veteranen neben jungen Film- und Musikbegeisterten. Vielleicht, weil hier etwas geschieht, das im digitalen Zeitalter selten geworden ist: analoge Präsenz. Keine KI-generierte Musik, keine Computeranimation, sondern echte Musiker und Improvisationskunst aus den 60ern. Präsenz. Erlebbares Handwerk. Sichtbare Instrumente. Hörbare Präzision. Der Dirigent musste wie einst in der Stummfilmzeit mit dem Film atmen.

Der Kalte Krieg ist auch im TV spürbar

Zeitgeschichtlich ist „Orion“ ohnehin hochinteressant. Zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sprechen die Generäle der Raumflotte noch immer in einer Sprache, die an militärische Befehlsstrukturen in den Luftgaukommandos der Wehrmacht erinnert. „Vorgelagerte Aufklärungseinheiten“ werden von den feindlichen „Frogs“ überrumpelt, Kampfstaffeln aus „Bereitstellungsräumen“ verlegt. Warum die außerirdischen Frogs mit den Menschen überhaupt im Konflikt stehen, bleibt vage – doch der Kalte Krieg ist längst auch im TV deutlich spürbar.

Während „Star Trek“ zur gleichen Zeit neue Galaxien entdeckt und multiethnische Besatzungen präsentiert, wirkt die „Orion“ eher wie der Teil eines gigantischen Sicherheitssystems zur Abwehr äußerer Bedrohungen. Hat jemand N-A-T-O gesagt? Die Russen sind immerhin in der Rolle der Sicherheitsoffizierin Tamara Jagellovsk (Eva Pflug) Teil der Besatzung. Ihre Aufgabe ist es, den anarchischen „Orion“-Kommandanten Allister McLane (Dietmar Schönherr) zu überwachen. Dabei geht es ihr um dessen Hang zur Insubordination und Kompetenzüberschreitung. Für den latenten Sexismus der Serie gab es noch keinen galaktischen Sicherheitsdienst oder Abschnittsbeauftragten. Tamara behielt alles im Blick.

Leicht hatte man es mit den Russen also auch auf der „Orion“ nicht, aber wenigstens gegen den äußeren Feind zogen alle an einem Strang. Deutschland suchte hier – wenige Jahre nach dem Krieg – auch medial seine Rolle in einer neuen Weltordnung.

Ein lebendiger Brückenschlag

Tricks und Kostüme, einige sind ausgestellt zu bewundern, vor allem auch die Kampfszenen im Weltraum, wirken heute veraltet, aber im Vergleich zu der zeitgleich startenden Serie „Star Trek“ in den USA wird deutlich, dass sie sich durchaus an den TV-Standards der damaligen Zeit orientierten. Der Film im Kino behauptet sich heute erstaunlich souverän. Der Einfallsreichtum der Tricktechnik wird nicht entlarvt, sondern feiert seine eigene Kreativität.

Zu Gast im Babylon war auch eine Zeitzeugin. Roswitha Völz, 91 Jahre alt, die letzte noch lebende Mitwirkende der Serie und Ehefrau des bekannten Schauspielers und Synchronsprechers Wolfgang Völz, in der Serie Bordingenieur Mario de Monti, tanzte auf der Bühne mit Philip Thomas den typischen „Orion“-Tanz aus dem „Starlight Casino“. Man hätte sie kaum für älter als siebzig gehalten. Ein Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart buchstäblich Hand in Hand gingen. Ein lebendiger Brückenschlag zwischen 1966 und 2026.

Dass die Musik weiterlebt, war dem Komponisten schon zu Lebzeiten ein Herzensanliegen. „Was passiert mit meiner Musik, wenn ich nicht mehr da bin? Vermodert sie im Keller?“, habe er seinen Sohn vor einigen Jahren gefragt. Philip versprach: „Ich kümmere mich darum. Und das habe ich getan.“ Der Abend im Babylon ist also auch ein familiäres Vermächtnis.

Mehr als Fernsehnostalgie

Das Publikum geht mit, lacht, staunt und kichert bisweilen in Fremdscham, wenn es doch mal zu absurd zugeht. Aber dann gibt es jene Momente, die einen Szenenapplaus wert sind: Wenn das Raumschiff mit sprudelnden Blasen einem wirbelnden Strudel im Meer entsteigt und das Hauptthema erklingt. „Dann sind wir in der Mission“, sagt Thomas. Und im Babylon spürt man genau das: Die Musik hebt das Schiff – und den Saal – gemeinsam empor.

Das Fazit dieses Abends: „Orion“ ist mehr als Fernsehnostalgie. Auf der großen Leinwand, mit Live-Orchester, im historischen Kinosaal wird aus der Serie ein kulturelles Ereignis. Ein Stück bundesdeutscher Popgeschichte, das zeigt, wie sehr Zukunftsvorstellungen immer auch von ihrer Gegenwart erzählen. Sollte man sich das ansehen, wenn man „Orion“ nie gesehen hat? Philip Thomas glaubt: „Obwohl simple Mittel am Werke waren, springt der Funke immer noch über.“ Dieser Funke zündet wirklich.

Die nächste Aufführung findet am 15. März statt. Wer klassische Science-Fiction liebt, das Kino als Ort der Gemeinschaft schätzt oder sich für die Ästhetik der Sechzigerjahre begeistert, sollte sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. „Orion“ hebt bald wieder ab – und nimmt sein Publikum zweifellos erneut mit.Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik. Er beschäftigt sich bevorzugt mit den Wechselwirkungen von Medien, Religion, Kultur und Gesellschaft. Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung bzw. Ostdeutschen Allgemeinen und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.


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