Till Lindemann steckt sich Wunderkerze in den Mund: „Es brennt ...“
Till Lindemann liebt das Feuer. Er hat sogar einen Schein zum Pyrotechniker gemacht – auch weil die Flammenwerfer-Shows von Rammstein im Lauf der Jahre immer flammender, gefährlicher geworden sind. Angefangen hatte alles einst mit der Bühnenangst von Lindemann in Leipzig: Ursprünglich Schlagzeuger, war Lindemann es nicht gewohnt, ganz vorne an der Bühnenrampe zu stehen – und somit die volle Aufmerksamkeit zu ergattern. Um von sich selbst abzulenken, zündete man also allerhand Feuerwerk. Spektakel für das Publikum. Opium fürs Volk.
Das ist alles lange her. Inzwischen kann man sich Lindemanns Lampenfieber kaum noch vorstellen. Doch die Verbindung zum Feuer, die ist geblieben. Unzählige Rammstein-Lieder zeugen davon, ob „Feuer frei!“ (2002), „Feuer und Wasser“ oder „Benzin“ (beide 2005). In diese Tradition stellt sich nun also auch das neue Lied „Es brennt...“ von Lindemann solo. Also ohne Rammstein.
Das Video setzt ein mit einer Wunderkerze, die Lindemann sich, zur Verwunderung und zum Erschrecken seiner Partygäste, in den Mund steckt. Ein ähnliches Video-Snippet machte Anfang des Jahres bereits im Netz die Runde. Es soll auf Lindemanns 63. Geburtstag in Dubai entstanden sein.
Till Lindemann gibt dem Mikrofon einen „Blowjob“
Anschließend ist auf gut dreieinhalb Minuten eine wild flackernde Bewegtbild-Collage zu erleben: Konzertaufnahmen von der „Meine Welt“-Tournee; ein Plastik-Dildo im Privatjet; und ein Mikrofon, dem Lindemann einen „Blowjob“ verpasst. Dazu Frauen in Peepshow-Manier. Lindemann-Provokationstheater in Reinform also: Die einen finden es geschmacklos bis eklig. Die anderen feiern ihn und halten ihn für den größten lebenden Künstler dieses Landes.
Manche auch: für den größten Dichter seit Goethe oder Hölderlin. Nun ja. „Es brennt... nein, es brennt nicht, es brennt nicht gut“, dichtet Lindemann antithetisch in seinem neuen Lied. Seine Conclusio: „Die Menschen möchten brennen – aber bitte nicht zu heiß“, sinniert er singend über stadionrockhymnenhaft donnernde Elektrogitarren.
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Es geht ihm offenkundig um die Angst, sich zu versengen. Das Dilemma, das das Feuer mit sich bringt, spätestens seit Prometheus es im Mythos an die Menschen übergab: Der Mensch lechzt nach Licht und Wärme. Aber zu viel ist auch nicht gut. Schon Aristoteles, der abendländische Philosoph schlechthin, empfahl bekanntlich, das Maßhalten (mesotes) als Tugend. In Ovids „Metamorphosen“ stürzen Daidalos und Ikarus tödlich ins Meer, weil sie der Sonne zu nah entgegengeflogen sind.
Lindemann hingegen ist ein Anti-Aristoteles: Das Maßhalten ist ihm offenbar zuwider, nämlich mittelmäßig. Er liebt das Zuviel. Er zelebriert den Exzess. Zumindest drückt sich das in nahezu jedem Bild und jeder Zeile seiner audiovisuellen Ästhetik aus. Und so inszeniert er sich durch jede Pore. Lauwarm, nuanciert ist seine Sache nicht. Das zeigt sich eigentlich schon an der kompromisslosen Farbe, die er sich für seine Bühnenshows vorzugsweise ins Gesicht schmiert (oder schmieren lässt): schwarz wie Kohle, Ruß und wie der tiefste Punkt der Nacht.
