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Leipziger Musiker Nils Keppel: „Ich kannte die Vorurteile über den Osten“

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23.02.2026

Der Südfriedhof in Leipzig ist romantisch verschneit, als wir Nils Keppel dort treffen. Ein 72 Hektar großer Park, in dem die Lebenden vortrefflich lustwandeln können. Aber doch mit Gothic-Vibes. Es passt zu Nils Keppel und zu den schaurig schönen Liedern, die er neblig verhallt singt. „Willkommen im Leben, deinem kurzen Leben“, heißt es in „Platzangst“, dem Eröffnungslied seiner frischgepressten Debüt-Platte „Super Sonic Youth“. Es ist das Album einer Jugend ohne Gott, aber dafür mit umso mehr Exzess und Kicks und Krise. Auf Überschallgeschwindigkeit. „Das Wort Quarterlife Crisis trifft es gut“, sagt Keppel, als wir durch den Friedhofsschnee schleichen, und er schmunzelt zart. „Ich glaube, meine Quarterlife Crisis habe ich, seit ich 20 bin.“

Also seit fünf Jahren. Seitdem ist viel passiert. Für ihn und in der Welt. Nachdem die Pandemie-Lockdowns vorbei waren (bei Keppel geprägt von viel Post-Punk und Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“), hatte er dieses Gefühl, nun ganz viel nachholen zu wollen, vielleicht auch zu müssen. Es wurde intensiv. Denn Nils Keppel war seinerzeit schon ein gefragter Mann in der Musikwelt. Er hatte das Glück, sofort auf Festivals zu spielen und auf Tour gehen zu können, samt großer ausverkaufter Clubs. Vielleicht alles ein bisschen viel auf einmal.

Zumal wenn man bedenkt, wie alles begann. „Ich komme aus einem Dorf. Da gab es keine Venues oder junge Bands“, sagt er. „Ich kannte niemanden, der Instrumente gespielt hat.“ Durchs Internet hat er herausgefunden: Es gibt Bedarf nach junger, ehrlich angekratzter Musik. In diese Szene hat er sich dann reingestürzt. „Da bin ich erst viel nach Stuttgart gefahren – und dann schnell nach Leipzig gezogen.“ Vor drei Jahren war das.

Der Aufstieg von Nils Keppel, der völlig berechtigte Hype um ihn, hat auch mit einem Phänomen der 2020er-Jahre namens NNDW zu tun: Neue Neue Deutsche Welle. Sozusagen NDW 2.0. Mit wichtigen Protagonisten wie Betterov und Edwin Rosen. Doch Keppel hat ein Problem mit dem Begriff: „Weil er impliziert, dass man etwas reproduziert. Ich wollte nie einfach nur Neue Deutsche Welle nachmachen, sondern eher Post-Punk oder New Wave.“

Er liebt Slowdive und Sonic Youth – sehr der Texte wegen, nicht bloß weil sie laut sind. Wobei Keppel auch gesteht: „Mein neues Album nutzt Pop-Bilder; es ist nicht die nischigste Noise-Platte.“ Das kann man wohl sagen. Keppel ist ein großer Wurf mit Pop-Appeal gelungen. Mitreißende Musik mit dem Potenzial, Generationen zusammenzubringen. Kein seelenloser TikTok-Quatsch, sondern hand- und mundgemachte Musik mit Texten, die wirklich etwas erzählen von Zweifeln und von Zuversicht.

„Ich dachte, es gäbe nur Rockstar oder gar nichts“

Mit acht Jahren hat Keppel angefangen, Schlagzeug zu lernen, „aber nie geübt, weil es zu laut war“. Später hat er sich Gitarre, Bass und Synthesizer via YouTube beigebracht. In seinen Teenager-Jahren hat er sich zu Festtagen Equipment zusammengewünscht für sein kleines Heimstudio: mal ein Mikrofon, eine Gitarre, ein Midi-Keyboard oder Lautsprecher. „Ich wusste schon sehr früh, dass ich Musik machen will – dachte aber, es gäbe nur die Option Rockstar oder gar nichts.“ Musik wurde für ihn ein Tagebuchersatz, um sich Dinge von der Seele zu schreiben. Cover-Versionen kamen ihm folglich nie in die Tüte. „Ich wollte immer meine eigenen Geschichten erzählen.“

Störgeräuschsatte Storys aus Sound, an die offenbar ein großes Publikum andocken kann. Keppels Analyse? „Viele Menschen fühlen sich heute überstimuliert und ohnmächtig.“ Das spiegelt sich in seiner Musik wider. Früher, als er noch keine Bühnen geentert hat, war er „krass introvertiert“, gibt Keppel zu, und er hatte „eh viele Ängste“. Kein Wunder, dass die Lieder (sie heißen „Keine Zukunft“, „Taperfade“ und „Feuer“) in unsere krisengebeutelte Zeit passen – in der die Frage geradezu zentral ist, inwieweit man sich in seinen Emo-Kokon webt oder sich der Scheuklappen entledigt. Die titelgebende Platzangst aus dem Eröffnungslied der Platte, so erzählt uns Keppel, „hat sich zum Glück komplett aufgelöst, als ich nach Leipzig gezogen bin“. Was eine Stadt so alles kann.

Denn eigentlich stammt er ja aus dem Südwesten („sehr behütet, aber oft auch sehr langweilig“), aus dem 9000-Seelen-Städtchen Kandel in der Pfalz. „Mein Umzug nach Leipzig war das erste Mal, dass ich wirklich im Osten war für längere Zeit“, sagt er. „Ich kannte die Vorurteile über den Osten, die vor allem von älteren Wessis an mich herangetragen wurden. Aber die haben sich überhaupt nicht bestätigt.“

Anschluss hat er hier hauptsächlich zu anderen jungen Leuten, die in Leipzig aufgewachsen sind und „einen inspirierenden Lebensstil führen“, wie er sagt: „Man muss hier nicht drei Jobs arbeiten, um die Miete zu zahlen, deshalb haben die Leute mehr Zeit für ihre Kunst. Man kann sich hier im Underground wohlfühlen.“ Sachsen und Keppel: offenbar ein Match.

„Der Underground hätte nie auf Spotify hochladen dürfen“

Aber die Sache mit dem Zaster und den Klicks und Streams bleibt schon ein Dilemma, zumal für junge aufstrebende Künstler. Eigentlich hat Nils Keppel Spotify, dem Platzhirsch unter den Streamingdiensten, einiges zu verdanken. Als NNDW ein Riesending wurde, hat Spotify den Song „Immer im Rauch“ von Keppel in seine einflussreiche „Fresh Finds“-Playlist gepackt. Mehr als eine Million Menschen haben die im Abo. Viele waren sofort angefixt von Keppel. Kurz darauf kam sein Lied „222“ heraus, sein „erster Mikro-Hit“, wie er ihn nennt. „Spotify hat meine Karriere beflügelt“, gibt Keppel zu, „aber eigentlich hätte der Underground niemals auf diesen Plattformen hochladen dürfen.“

Denn das wirkt auf ihn ein wenig „wie ein Biobauer, der plötzlich im Discounter verkauft“. Ihn stört auch, dass bei Spotify direkt die Hörerzahl neben den Künstlern steht: „Das macht für mich keinen Sinn, weil man das Gefühl bekommt, Musik mit hohen Zahlen sei besser. Als ich vor zwei Jahren die Million Aufrufe knackte, war das eine magische Grenze – ich nenne das Straßenplatin. Aber es hat nichts mit mir gemacht. Mir bedeutet es mehr, in einer Stadt zu spielen, in der ich noch nie war, und die Leute kennen die Texte.“

In diesen Texten bricht sich auch „Angst vor Krieg“ Bahn, in dem eindringlichen Lied „Du, mein Soldat“. Keine Geopolitik, sondern ein beklemmendes Kammerspiel zweier nicht mehr frisch Verliebter. „In meinem Song geht es nicht um die Wehrpflicht”, sagt Keppel. Geschrieben hat er ihn schon 2024, als die Debatte darum „noch nicht so heiß“ war. Und trotzdem hat Keppel dazu einen Standpunkt.

Er erzählt davon, wie ihn die Fernsehnachrichten, als er 15 oder 16 war, schon „total aus der Bahn geworfen“ haben, wenn es um existenzielle Katastrophen wie Erdbeben oder Hungersnöte ging: „Wenn ich mir jetzt vorstellen müsste“, sagt Keppel, „dass ich mich als Kind oder Jugendlicher nun mit Krieg auseinandersetzen müsste, wenn plötzlich von alten Erwachsenen – hauptsächlich Männern – darüber entschieden wird, ob ich an die Waffe muss, dann würde mir wohl schlecht werden.“ Für Schulkram hätte er dann wohl auch keine Nerven mehr. „Ich fände es sehr schlimm, jetzt jung zu sein“, sagt er. „Nicht nur wegen der Wehrpflicht.“

„Es gibt auch Lieder, die ich für mich behalte“

Nun also die Platte voll herzaufreißender Gitarrendonnerpoesie, die uns davon erzählt. Wie aufregend beneidenswert und auch wie schlimm es ist, nicht mehr blutjung, aber immer noch hyperverletzlich zu sein. „Ich mache immer erst die Musik“, erzählt Keppel.  Wir sitzen inzwischen im Café. Keppel ordert angesichts der Eiseskälte draußen Heiße Schokolade, aber bitte mit Sahne.  „Dann nehme ich mein Notizbuch mit Sätzen, die ich gesammelt habe – Filmzitate, Gedanken oder Dinge, die Freunde in einer Bar gesagt haben.“ Das Veröffentlichen sei ihm dann nicht mehr so wichtig wie der Moment, in dem ihm das Lied geholfen hat, mit seinen Sorgen klarzukommen: „Es gibt auch Lieder, die ich für mich behalte, weil sie zu egal oder zu intim sind für die Welt.“

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Und trotzdem weiß er ja, wie sehr krisengebeutelte Hörer nach Begleitern für ihre düsteren Stunden suchen. „Wenn es mir richtig schlecht geht, dann höre ich meist gar keine Musik”, sagt Keppel. Aber: „Wenn ich mir Sorgen mache, wenn ich den Kopf nicht ausgeschaltet bekomme, greife ich hauptsächlich zu deutschsprachiger Musik. Ich habe dann gerne jemanden bei mir, der mir eine Geschichte erzählt - in die ich mich einlullen kann.“ Manchmal reicht eben kein noch so warmer Sahne-Kakao, um das Herz zu wärmen. Manchmal braucht es eine Kuscheldecke aus kunstvollem Krach. Wie man die strickt? Das weiß keiner dies- und jenseits von Leipzig gerade so gut wie Nils Keppel.Nils Keppel: Super Sonic Youth. Nils Keppel, 2026. Konzerte: 27.3. Dresden, 28.3. Berlin, Karten erhältlich im Ticketshop der Berliner Zeitung.


© Berliner Zeitung