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„Die nehmen euch die Zukunft weg“: Jugendoffizier und Kriegsdienstgegner diskutieren an Berliner Schule

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13.03.2026

Die Mikrofone auf dem Podium sind noch nicht eingeschaltet, die Debatte unter den Schülern im Publikum läuft jedoch schon. In den Stuhlreihen tuscheln sie miteinander, wägen ab und machen Witze. „Würdet ihr es machen?“, fragt einer der Schüler seine Nebenmänner. Er meint den Wehrdienst. „Digga, warum nicht? Wenn’s am Ende eh Zwang wird. Dann kann ich auch Führerschein machen und bisschen Geld verdienen.“ Danach stellen sie sich die Frage, wie man eigentlich Jugendoffizier wird. Einer der Jungs weist die anderen darauf hin, man möge sich von dem Wort „Jugend“ nicht in die Irre führen lassen; so müsse man vorher schon einige Schritte gegangen sein, bevor man offiziell Jugendoffizier wird.

An der Evangelischen Schule Neukölln ist der mögliche Wehrdienst kein Relikt aus vergangenen Jahren oder eine Anekdote, von der der Onkel am Esstisch erzählt, sondern eine Option. Geh’ ich oder geh’ ich nicht? Es ist keine Woche her, dass zehntausende Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland gegen die Wehrpflicht auf die Straße gingen.

Bereits im Dezember hatten sie gegen die Reform protestiert, die für junge Männer, die nach dem 1. Januar 2008 geboren wurden, eine verpflichtende Musterung vorsieht. Für junge Frauen ist der Termin bei der Musterungsstelle hingegen freiwillig. Der Wehrdienst selbst soll zunächst freiwillig bleiben – allerdings nur so lange, wie genügend Rekruten gefunden werden. Gerade dieser Vorbehalt schürt Misstrauen.

„Ist unser Land auf dem richtigen Weg?“

Diesen Unmut greift die Schule auf und lädt zu einer Podiumsdiskussion in die Aula. Die Leitfrage lautet: „Wehrdienst und Politik der Zeitenwende – ist unser Land auf dem richtigen Weg?“. Auf dem Podium sitzen der Jugendoffizier der Bundeswehr, Mike Siebert, die Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitautorin der EKD-Friedensschrift, Friederike Krippner, Sascha Braumann von den Vereinigten KriegsdienstgegnerInnen sowie der politische Aktivist und Influencer Simon David Dressler. Der Journalist und Autor Artur Weigandt war ebenfalls angekündigt, konnte krankheitsbedingt aber nicht teilnehmen.

Bereits zu Beginn zeigen sich die auseinanderliegenden Positionen der Redner. Die Diskussion beginnt mit einem Einspieler von Olaf Scholz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, dazu kommt eine historische Einordnung. Über den Projektor wird die Frage „Hysterie oder Realität?“ großflächig an die Wand projiziert.

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Jugendoffizier will Freiwilligkeit beibehalten

Jugendoffizier Mike Siebert, 29 Jahre alt, sagt gleich zu Beginn, ein Lehrer habe ihm im Vorfeld angekündigt, dass er es an dieser Schule wohl schwer haben werde mit seinen Positionen. Auf die Diskussion habe er sich dennoch bewusst eingelassen. 2014 sei er freiwillig zur Bundeswehr gegangen, betont er. Gerade das Freiwillige sei ihm wichtig. Er habe früh Verantwortung übernehmen wollen; mit 21 Jahren sei er erstmals Vorgesetzter gewesen, damals in den USA. Heute besucht er Schulen auf Einladung von Lehrkräften. Kritik an der Bundeswehr, sagt er, richte sich in der Regel nicht gegen ihn persönlich. Gesellschaftlich negativ betrachtet fühle er sich deshalb nicht.

Simon David Dressler formuliert seine Gegenposition ebenso klar. Er wolle nicht, „dass die jungen Leute zur Bundeswehr gehen“. Sein erstes Video zu dem Thema habe er vor vier Jahren veröffentlicht, als erste Politiker forderten, die Jugend müsse dem Land wieder mehr zurückgeben. Damals habe er noch studiert, wegen der Pandemie hauptsächlich aus den heimischen vier Wänden heraus. Das Video sei auf große Resonanz gestoßen, seitdem werde er immer wieder zu solchen Veranstaltungen eingeladen.

Damals Totalverweigerer, heute Kriegsdienstgegner

Auch Sascha Braumann argumentiert aus eigener Erfahrung. Als 19-Jähriger in der DDR sei er gemustert worden, kurz nach der Wende dann einberufen worden, gegen seinen Willen. Seinen Widerspruch habe er einen Tag zu spät abgegeben und sich anschließend vier Wochen lang versteckt. Während des Ersten Golfkriegs habe sein Fall größere mediale Aufmerksamkeit bekommen. Heute, sagt Braumann, sei er Vater von drei Söhnen und wolle nicht, dass diese „an irgendeiner Front sterben“. Deshalb plädiere er für ein Gegenkonzept zur herrschenden Sicherheitspolitik und zur sogenannten Zeitenwende.

Friederike Krippner wiederum versucht, die Debatte stärker grundsätzlich zu rahmen. Friedensethik, sagt sie, gehöre zu den Kernthemen evangelischer Theologie. Frieden sei mehr als die Abwesenheit von Krieg. Dazu gehöre auch, in Freiheit leben zu können, Not abzubauen und in einer pluralen Gesellschaft friedlich miteinander auszukommen. Wie Frieden erreicht werden könne, ist laut Krippner, eine äußerst komplexe Frage.

Nato-Staaten hätten jahrelang zugesehen

Als die Moderation nach der Sicherheitslage in Europa und nach den Gedanken der Podiumsgäste nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fragt, wird deutlich, wie unterschiedlich die Grundannahmen sind. Baumann sagt, überrascht habe ihn der Angriff nicht. Es sei nicht der erste Angriff vonseiten Russlands. Die Nato-Staaten hätten jahrelang zugesehen. Der Überfall sei fürchterlich, aber keine Zeitenwende, sondern die logische Folge einer längeren Entwicklung.

Siebert beschreibt dieselbe Zäsur persönlicher. Er sei 1996 geboren, in einer Zeit, in der Frieden in Europa als selbstverständlich gegolten habe. Seine Eltern hätten beide nicht gedient, Krieg sei in seiner Kindheit und Jugend kein Thema gewesen. 2022 habe er dann erleben müssen, dass Krieg in Europa wieder Realität ist. Da seien für ihn persönlich Fragen aufgetaucht wie: Muss ich jetzt in den Krieg? Muss ich mein Versprechen nun einlösen? Im Ernstfall, sagt er, wäre er bereit, Bürgerinnen und Bürger mit der Waffe zu verteidigen. Gleichzeitig erschrecke ihn, wie viele Menschen in der Ukraine unnötig sterben.

Sind Nato und EU Kriegsparteien?

Dass deutsche Soldaten tatsächlich in der Ukraine kämpfen müssten, dafür müsse allerdings noch sehr viel geschehen, sagt Siebert. Nato und EU seien keine Kriegsparteien. Simon David Dressler widerspricht dem entschieden. Die Behauptung, westliche Staaten seien keine Kriegsparteien, sei falsch, sagt er. Ohne westliche Waffen könne die Ukraine diesen Krieg nicht führen. Auch Entscheidungen wie etwa, welche Waffen geliefert und eingesetzt würden, träfen westliche Regierungen maßgeblich mit. Der Unterschied bestehe vor allem darin, dass bislang keine Bodentruppen geschickt wurden.

Krippner hält an einer differenzierten Position fest. In bestimmten politischen Situationen seien Waffenlieferungen unethisch, sagt sie. Den Begriff „Zeitenwende“ hält sie dennoch für hochproblematisch. Kriege habe es immer gegeben, spätestens seit der Besetzung der Krim 2014 herrsche auch in Europa wieder Krieg. Den Ukrainern Pazifismus zu empfehlen, während ein imperialer Staat ihr Land angreift, hält sie für realitätsfern. Wenn die Ukrainer sich verteidigen wollten, sei deutsche Unterstützung aus ihrer Sicht richtig.

Erinnerungen an die Friedliche Revolution in der DDR

Braumann attackiert diese Logik grundsätzlich. Die Vorstellung, mehr Aufrüstung mache die Welt friedlicher, kommentiert er nur noch ironisch. Er erinnert an die Friedliche Revolution in der DDR. 1989 habe es keinen Panzer gebraucht, um ein Regime zu Fall zu bringen. Wenn sich Menschen offen gegen ein System stellten, könne gewaltfreier Widerstand erfolgreich sein. Deutschland sei kein repressiver Staat, sagt er, und die Geschichte kenne zahlreiche Beispiele, in denen ziviler Widerstand wirksam gewesen sei.

Siebert entgegnet, die Friedliche Revolution sei ein „fantastisches Beispiel“, aber eben nicht auf jede Lage übertragbar. Die Realität des Februars 2022 zeige das klar. Krippner ergänzt, es habe in der Ukraine viele Formen zivilen Widerstands gegeben. Allerdings gebe es kein Beispiel dafür, dass ziviler Widerstand allein einen militärischen Angriff dieser Art hätte stoppen können. Die Bundeswehr, sagt sie, werde keinen Frieden schaffen. Sie könne allenfalls Voraussetzungen dafür schaffen. Frieden selbst entstehe erst durch Gespräche, Versöhnung und Kompromisse. Aus diesem Grund brauche es sowohl Sicherheit als auch Friedensarbeit.

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Bundeswehr: „Stärkste Friedensbewegung Deutschlands“?

Die Moderatoren blenden über den Projektor ein Werbeplakat ein, auf dem die Bundeswehr als „stärkste Friedensbewegung Deutschlands“ beworben wird. Das widerspreche doch dem, was Krippner sagt, so die Moderation. Krippners Antwort fällt undeutlich aus. Siebert wiederum verweist darauf, das Plakat stamme nicht aus dem Werberepertoire der Bundeswehr, sondern aus dem Reservistenumfeld.

Die Diskussion nimmt Fahrt auf, als Dressler auf die Ukraine und die Frage nach Freiwilligkeit und Zwang blickt. Landesverteidigung, sagt er, sei kein Hobby. Wenn der Staat Krieg führe und seine Souveränität bedroht sehe, setze er sich über die Interessen der Einzelnen hinweg. In der Ukraine seien mit der Zeit immer weniger Menschen freiwillig an die Front gegangen, stattdessen steige der Zwang. Viele Ukrainer wollten diesen Krieg nicht mehr führen, sagt Dressler. Sie versteckten sich in Wohnungen und tauschten sich über Telegram darüber aus, wo Rekrutierer gerade unterwegs seien, um ihnen auszuweichen.

Wie vertretbar sind 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr?

An dieser Stelle hakt Krippner nach und fragt nach Belegen. Was Dressler da schildere, sei ihr in dieser Form neu. Dressler verweist auf Zuschriften aus seiner Community, darunter junge ukrainische Geflüchtete. Außerdem auf Videos, die ihm zugeschickt würden oder frei im Netz kursierten. Krippner bleibt bei ihrem Einwand und weist darauf hin, in Deutschland gebe es momentan nicht einmal einen verpflichtenden Wehrdienst.

Auch bei der Frage nach der Vertretbarkeit eines Sondervermögens für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro driften die Meinungen auseinander. Siebert etwa hält höhere Verteidigungsausgaben für grundsätzlich richtig, allerdings unter parlamentarischer Kontrolle und in einem vernünftigen Maß. Braumann nennt es „idiotisch“. Das herrschende Konzept laufe immer auf weiteres Hochrüsten hinaus. Man könne diesen Krieg nicht endlos weiterfinanzieren. „Die nehmen euch die Zukunft weg“, sagt er in Richtung der Schülerschaft.

94 Prozent der Schüler sagen Nein zum Wehrdienst

Krippner wiederum sagt, Krieg sei „das Bescheuertste, was man haben kann“, und jedes Geld für die Bundeswehr sei in gewisser Weise verbranntes Geld. Eigentlich müsse sehr viel stärker in Bildung und andere zivile Bereiche investiert werden. Aber zugleich stelle sich die Frage nach der Alternative. Genau deshalb komme sie trotz allem zu dem Schluss, dass auch Abschreckung derzeit notwendig sei.

Wie das Publikum den neuen Wehrdienst bewertet, wird durch eine Umfrage deutlich, die zu Beginn unter den Schülern gestartet wurde. 72 Prozent halten diesen nicht für sinnvoll, nur 28 Prozent befürworten ihn. Noch deutlicher fällt die Antwort auf die Frage aus, ob sie selbst Wehrdienst leisten würden: 94 Prozent sagen Nein. Laut Siebert könne eine solche Größenordnung bereits ausreichen, um ein freiwilliges Modell zu tragen.


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