Promenaden-Eck in Neukölln: Wird hier die Berliner Eckkneipe gerettet?
Shanice, Dennis, Elli und Tobi betreiben seit Dezember das Promenaden-Eck, eine Eckbar nahe dem Tempelhofer Feld. Während viele Gastronomen über steigende Kosten, Bürokratie und sinkende Margen klagen, versuchen sie, der klassischen Berliner Eckkneipe ein neues Konzept zu geben – während sie alle weiterhin in ihren Hauptjobs arbeiten.Dass sie ausgerechnet jetzt in die Gastronomie einsteigen, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. In Berlin wird die klassische Eckkneipe zunehmend zur Rarität, auch die Zahl der sogenannten Schankwirtschaften – dazu zählen Kneipen, Bars, Diskotheken und Tanzlokale – ist nach Angaben des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in den vergangenen Jahren deutlich gesunken: von 3302 Betrieben im Jahr 2021 auf 2363 im Jahr 2023. Warum übernehmen vier junge Menschen in so einer Krise eine Kneipe?
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40 Jahre Erfahrung in der Berliner Gastronomie
Die Musik läuft bereits leise, als Shanice hinter der Bar hervortritt, dem Lieferanten die Tüte mit ihrem Abendessen an der Tür abnimmt und überlegt, wann sie das letzte Mal ein Wochenende freihatte. Sie schaut fragend zu Dennis, der gerade die Lichter anmacht und mit den Schultern zuckt. Beide kommen gerade von der Arbeit und bereiten nun, in ihrem eigentlichen Feierabend, die Bar für den Abend vor.
Shanice, Dennis, Elli und Tobi kennen das aus eigener Erfahrung – sie alle arbeiten seit Jahren in der Gastronomie oder in angrenzenden Bereichen. Shanice hat neben ihrem Studium lange als Barkeeperin gearbeitet und ist heute bei einer Brauerei tätig, wo sie unter anderem mit Bars und Gastronomiebetrieben zu tun hat.
Dennis hat ebenfalls Erfahrung in der Berliner Gastroszene, ihre Mitstreiter bringen weitere Kompetenzen mit: Elli arbeitet im Eventmanagement, Tobi arbeitet im Getränkebereich und betreibt neben dem Promenaden-Eck auch noch eine weitere Bar an der Torstraße. Zusammen, sagt Shanice, bringe man „rund 40 Jahre Berliner Gastro-Szene“ zusammen.
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Gerade dieses Vorwissen war vermutlich die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die vier sich überhaupt auf das Abenteuer eingelassen haben. Denn „ein neues Gastronomiekonzept aus dem Nichts aufzubauen, wäre wirtschaftlich kaum zu stemmen gewesen“, sagt Dennis. Das Promenaden-Eck hingegen war bereits ein fester Ort im Kiez. Es gibt Stammgäste, eine gewisse Bekanntheit – und vor allem die Gewissheit, dass der Laden grundsätzlich funktionieren kann. „Wir waren vorher selbst öfter hier und haben gesehen: Der Laden läuft“, sagt Shanice. „Vielleicht nicht perfekt, aber er läuft.“
Das Promenaden-Eck liegt im Schillerkiez, nur wenige Minuten vom Tempelhofer Feld entfernt, an der Ecke Kienitzer Straße und Schillerpromenade, wo sich abends Menschen auf ein Bier treffen oder nach einem Spaziergang noch kurz stehen bleiben. Von außen wirkt die Bar wie eine klassische Berliner Eckkneipe, allein schon wegen der dunklen Fensterrahmen, über denen eine gleichnamige gelbe Leuchtreklame thront.
Im September vergangenen Jahres hörten sie zum ersten Mal, dass das Promenaden-Eck möglicherweise frei werden könnte. Eine Woche später begannen erste Gespräche, im Oktober gründeten sie eine GmbH und am 1. Dezember übernahmen sie schließlich die Bar – ohne lange Pause im laufenden Betrieb. „Wir haben innerhalb von kürzester Zeit gesagt: Ja, machen wir“, erinnert sich Shanice. Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht: Zwischen der ersten Info und der tatsächlichen Übernahme lagen gerade einmal ein paar Wochen.
Übernahme einer Bar in Berlin: Ein finanzielles Risiko
Der vorherige Betreiber hatte den Laden nicht aus wirtschaftlicher Not aufgegeben, erklären sie. Trotzdem bedeutete die Übernahme einen erheblichen finanziellen Schritt. Ein Teil des Startkapitals kam aus der Familie: Die Mutter von Dennis stellte einen niedrigen sechsstelligen Betrag zur Verfügung – Geld, das ursprünglich als späteres Erbe gedacht war. Doch selbst diese Summe reichte nicht aus, um alle Kosten zu decken. Für Abschlag, Übernahme, Technik und erste Investitionen mussten zusätzliche Kredite aufgenommen werden. „Wir haben überlegt, wo wir mit wenig Geld den größten Effekt erzielen können“, sagt Shanice. Ein Freund half beim Streichen, ein Teil der Einrichtung stammt aus zweiter Hand.
Vielleicht ist das die moderne Art, wie so eine Eckkneipe weiterleben kann.
Vielleicht ist das die moderne Art, wie so eine Eckkneipe weiterleben kann.
Von einst rund 20.000 Eckkneipen in Berlin existieren laut Branchenverband heute nur noch etwa 500. Viele der alten Läden sind verschwunden – verdrängt durch steigende Mieten, strengere Auflagen oder veränderte Ausgehgewohnheiten. Aus einfachen Bierkneipen wurden Cocktailbars, Weinläden oder Restaurants.
Mit der Übernahme ist das Promenaden-Eck zur „Tanzkneipe“ geworden, wie Shanice es nennt. Ein Ort, an dem man genauso gut auf ein Feierabendbier kommen kann wie zum Tanzen. Ohne Eintritt, ohne Dresscode, ohne das Gefühl, sich für einen Clubabend entscheiden zu müssen. „Vielleicht ist das die moderne Art, wie so eine Eckkneipe weiterleben kann“, sagt sie. Die Idee dahinter ist einfach: ein Ort, der niedrigschwellig bleibt – aber trotzdem mehr bietet als das klassische Bier an der Theke.
Musikalisch setzen sie bewusst auf Popmusik aus den Achtzigern, Neunzigern und 2000er-Jahren – Lieder, die viele kennen und mitsingen können. „Ich möchte, dass hier Leute zwischen 18 und 40 nach zwei Drinks 80 Prozent der Songs mitsingen können“, sagt Shanice. Das Ausgehverhalten habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert, wissen die Barbesitzer. „Große Clubs verlieren an Bedeutung, denn viele Menschen möchten lieber an Orte gehen, an denen sie sich unterhalten können und nicht den ganzen Abend von lauter Musik umgeben sind“, sagt Dennis.
Gleichzeitig sind Clubs deutlich teurer geworden – Eintritt, mehrere Drinks, Garderobe. Ein Abend kann schnell 60 Euro oder mehr kosten. Eine Bar wie das Promenaden-Eck funktioniert anders. „In einer Kneipe kannst du dich mit vier Freunden den ganzen Abend hinsetzen, ein paar Bier trinken und dich unterhalten“, sagt Dennis. „Bei uns kannst du dazu auch noch tanzen.“ Genau dieses Modell würde für viele Gäste wieder attraktiver werden.
Betrieb einer Berliner Bar: Komplizierter als gedacht
Alle vier behalten zunächst ihre Hauptjobs und organisieren die Arbeit im Laden nebenbei. Meist übernimmt eines der beiden Paare den Freitag, das andere den Samstag, und donnerstags wechseln sie sich ab. Dazu kommen Buchhaltung, Personalplanung, Reservierungen, Technik, DJ-Bookings und alle organisatorischen Aufgaben, die ein Gastronomiebetrieb mit sich bringt.
Dennis sagt, er könne schon gar nicht mehr zählen, wie viele Stunden er zusätzlich in die Bar investiert. Bei Shanice ist es ähnlich – zeitweise sogar deutlich mehr, vor allem in der Anfangsphase, als sie sich in Steuerfragen, Kassensysteme und Buchhaltung einarbeiten musste. „Wir haben aus unseren 40-Stunden-Jobs eigentlich 60-Stunden-Jobs gemacht“, schmunzeln sie.
Hinzu kommt, dass die vier sich vorerst kein Gehalt auszahlen – in den ersten zwei bis drei Jahren soll sämtlicher Gewinn in die Rückzahlung von Krediten und in den Aufbau des Unternehmens fließen. Nur so könne der Laden langfristig wirtschaftlich stabil werden. Wer einen Laden gründet, muss häufig sofort davon leben können. „Wir haben das Glück, dass wir unsere Hauptjobs behalten haben und gerade keiner von uns von Promenaden-Eck leben muss“, sagt Shanice. „Wenn das so wäre, wäre dieses Projekt wahrscheinlich gar nicht möglich.“
Schanklizenz, Steuern und Formulare: „In Deutschland lernt man nicht, wie man Unternehmer wird“
Neben finanziellen Risiken begegnen ihnen auch zahlreiche bürokratische Hürden. Eine neue Schanklizenz zu beantragen dauerte beispielsweise mehrere Monate und kostete rund 800 Euro – obwohl sich am Betrieb selbst kaum etwas verändert hatte. Auch auf Steuer- und Umsatzsteuernummern warteten sie wochenlang. Dazu kommen Gebühren für Gema, Rundfunkbeiträge, Gewerbeanmeldungen und viele weitere administrative Anforderungen. „In Deutschland lernt man nicht, wie man Unternehmer wird“, sagt Dennis. „Das muss man sich alles selbst beibringen.“
Trotz dieser Herausforderungen scheint der Start bislang zu funktionieren. Besonders überrascht habe sie die Vielfalt des Publikums. An manchen Abenden sitzen junge Gäste aus der Berliner Clubszene neben älteren Stammgästen aus dem Kiez, donnerstags trifft sich regelmäßig eine Gruppe zum Tischtennisspielen, am Wochenende wird getanzt. „Die Leute sind einfach nett“, sagt Shanice. „Das hätten wir so nicht erwartet.“ Langfristig hoffen die vier, dass das Promenaden-Eck wieder stärker zu einem festen Treffpunkt im Schillerkiez wird – einem Ort, an dem man spontan vorbeikommt, Bekannte trifft und vielleicht länger bleibt als geplant.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
