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„Haben Sie gerade telefoniert?“ Wie die Polizei für den Ernstfall trainiert

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24.02.2026

Schüler der Polizeiakademie lernen für die Praxis. Und das funktioniert nur, wenn statt Theorie einmal Praxis auf dem Stundenplan steht: bei einer Verkehrskontrolle auf der Straße des 17. Juni – mit dem Schwerpunkt Drogen und Alkohol.

Berlin, morgens um 9 Uhr. Die Stadt ist schon wach – aber noch nicht ganz bei sich. Der Verkehr rollt langsam an. Lieferwagen mit Firmenlogos, Busse, Taxis und Fahrräder in kleinen, wackligen Kolonnen sind auf der Straße des 17. Juni im Bezirk Mitte unterwegs. Es ist die Stunde, in der die Stadt gleichzeitig funktionieren und noch improvisieren muss.

Und genau in dieser Mischung hat sich die Polizei zur Kontrolle aufgebaut, unweit des Großen Sterns. Schüler der Polizeiakademie üben den Alltag. Offiziell und wie im echten Berufsalltag eines Polizisten.

Das Geheimnis der rosa Rohre in Berlin

Einsatzwagen stehen nur am Rand

Einsatzwagen sind am Rand platziert, verteilt auf einer Parkfläche. Warnkegel bilden eine rote Linie, die aus dem Alltag einen Parcours macht. Die Beamten tragen Westen, die in der spärlichen Wintersonne grell wirken, und in der Hand halten sie nicht nur Kellen, sondern auch Tablets und Blöcke. Kontrolle in der Gegenwart heißt oft auch Datenabgleich, Blick aufs Display, ein kurzer Tipp – und das Gefühl, dass man nicht nur angehalten, sondern eingeordnet wird.

Ein grauer Transporter wird herausgewunken. Der Fahrer blinkt, rollt auf den mit Warnkegeln gekennzeichneten Seitenstreifen, als hätte er das schon tausendmal gemacht. Kaffee- und Dieselgeruch mischen sich – ein Geruch, der in Berlin jeden Morgen irgendwo in der Luft hängt.

„Guten Morgen! Allgemeine Verkehrskontrolle. Führerschein und Fahrzeugschein, bitte.“

Der Satz passt erstaunlich gut in die Uhrzeit. Nachts klingt er wie ein Test, morgens wie eine Behörde auf Rädern. Der Mann kramt, holt Dokumente aus einer Mappe, die schon abgegriffen ist. Neben dem Lenkrad liegt ein Lieferscheinblock. Sein Blick sagt: Ich habe Termine. Seine Haltung sagt: Ich kann mir keinen Ärger leisten.

„Wohin geht’s?“ „Baustelle. Messe. Bin schon spät.“ „Verstehe. Einmal bitte Warnweste und Warndreieck – ist das im Fahrzeug?“ „Ja, klar.“

Kontrolle und gute Worte

Der Polizist nickt, schaut kurz in den Laderaum, prüft die Ladungssicherung. Morgens geht es weniger um Partyreste in der Blutbahn als um das, was am Tag Menschen gefährdet: abgefahrene Reifen, fehlende Sicherung, Handy am Ohr, Zeitdruck in den Fingern. Der Transporter ist in Ordnung. Der Fahrer bekommt die Papiere zurück. „Danke, gute Fahrt – und bitte auf dem Radweg hier aufpassen, da kommt gleich viel Verkehr.“ Der Mann nickt. Er fährt an, reiht sich auf der Straße wieder ein in die Schlange aus Pflichten.

Ein paar Meter weiter stoppt ein kleiner schwarzer Wagen in der Prüfstelle bei den Polizeischülern. Junges Paar, beide geschniegelt, beide mit dem Gesichtsausdruck, den man hat, wenn man gleich irgendwo „kurz“ sein muss – Meeting, Uni, Bewerbungsgespräch, das Leben in Kalenderblöcken. Der Fahrer lächelt freundlich, ein bisschen zu freundlich. Die Beamtin bleibt höflich, aber neutral. Freundlichkeit ist hier keine Wärme, sondern Werkzeug bei vielen Verkehrsteilnehmern.

„Führerschein, bitte. Haben Sie Ihren Personalausweis dabei?“ „Ja, klar.“

Die Polizistin wirft einen Blick ins Auto, sieht auf dem Beifahrersitz ein Smartphone, das viel zu prominent in der Hand liegt. „Haben Sie gerade telefoniert?“ „Nein, nur Navi.“ „Okay. Bitte beachten: Während der Fahrt darf’s nicht in der Hand sein.“

Es ist kein Vorwurf, es ist eine Erinnerung – aber Erinnerungen fühlen sich in Deutschland schnell an wie eine kleine Verwarnung. Der Fahrer nickt, legt das Handy weg, als würde er damit beweisen, dass er grundsätzlich vernünftig ist.

Leichte Aufregung und ein Urin-Test

Dann kommt ein Kleinwagen. Leichte Aufregung bei den Beamten. Der Fahrer hat zu spät den „Einweiser“ gesehen. Nervös stoppt er und versucht, in den Haltebereich zu fahren. Der Fahrer muss aussteigen, wird von Beamten in ein Gespräch verwickelt. Denen fällt die Nervosität des Mannes auf. Die Polizisten fragen: „Haben Sie Drogen genommen?“ Der jugendlich wirkende Fahrer verneint, wird aber zum Drogentest aufgefordert. Ab ins nahe stehende Dixi-Klo, unter Aufsicht Urin in einen Becher und dann heißt es warten. Nach ein paar Minuten steht fest: Alles okay. Der Mann darf weiter.

Ein anderer muss dagegen bleiben. Für ihn ist die Fahrt vorerst beendet. Bei der Überprüfung seiner Personalien werden Ungereimtheiten deutlich. „Wir müssen das prüfen“, erklärt ein Polizist. Später stellt sich heraus: Personalausweis und Führerschein des Mannes sind gefälscht. Er wird festgenommen, zur Wache gebracht. Dort wird er erkennungsdienstlich behandelt.

Wie in einem Bienenschwarm geht es zwischen Bürogebäuden, parkenden Autos und Straße zu. Fahrzeuge werden herausgewunken, andere verlassen dafür die Kontrollstation. Dann Hektik. Beamte gehen zügig zu einem mutmaßlichen Bauwagen. Zwei Männer stehen bei dem Fahrzeug. Einer der beiden wird von Polizeibeamten abgesondert, bekommt Handschellen angelegt. „Wir müssen überprüfen, ob seine Papiere stimmen“, lautet die Erklärung. Minuten später steht fest: Der Personalausweis des Mannes sowie der Führerschein sind gefälscht. Ab auf die Wache zur erkennungsdienstlichen Behandlung.

Neben der Kontrollstelle rauscht eine Gruppe Touristen vorbei, Selfiesticks in der Hand, die Siegessäule im Rücken. Sie bleiben kurz stehen, schauen auf die Einsatzwagen und Polizeischüler, als wäre es Teil der Stadtkulisse, ein weiteres Berliner Motiv: Polizei als Hintergrund für den Tag.

Die angehenden Beamten arbeiten ohne Hast, aber ohne Pause. Papiere, Blick, Frage, kurzer Abgleich. Zwischen den Kegeln laufen Menschen wie durch eine provisorische Realität: Autofahrer, die versuchen, ruhig zu bleiben, Radfahrer, die schimpfen, Fußgänger, die neugierig starren, als wäre hier etwas passiert. Aber das ist es ja: Nichts passiert – und genau das ist das Ereignis.

Eine Polizeikontrolle ist kein Spektakel

Eine Polizeikontrolle am Morgen ist in Berlin kein Spektakel, sie ist eine Erinnerung daran, dass die Stadt nicht nur aus Freiheit besteht, sondern aus Absprachen: Wer wann wo wie fährt, wer wen sieht, wer wen übersieht. Und unweit vom Großen Stern, wo Berlin gern groß tut – mit Achsen, Monumenten, Postkartenblick –, passiert das Kleine, Konkrete: Licht an. Handy weg. Ladung sichern. Spur halten.

Kurz vor halb zehn wird der Verkehr wieder flüssiger. Die Kegel stehen noch. Aber die Straße hat sich an die Unterbrechung angepasst. Die Stadt schluckt auch das, wie sie alles schluckt: den Ärger, die Erleichterung, die belehrten Blicke, den verlorenen Minutenpuffer.

Und während die Siegessäule in der Sonne glänzt, wirkt die Kontrolle fast wie ein unscheinbarer Kontrapunkt zur Berliner Selbstinszenierung: Nicht die großen Symbole halten die Stadt zusammen, sondern die kleinen Checks am Straßenrand – kurz, sachlich, unbequem. Genau um neun. Genau dann, wenn alle schon unterwegs sind. Und um Mittag verschwinden dann auch die Schüler, die Einsatzwagen und Kegel. Normalität ist wieder angesagt.


© Berliner Zeitung